Meldungen aus der Forschung

Was bedeutet Teilhabe? Warum gilt es heute, den Sinn von Teilhabe neu zu denken? Konferenz „Towards a Techno-Ecology of Participation”

15.01.2018 Am 7. und 8. Dezember fand im Rahmen der DFG-Forschergruppe „Mediale Teilhabe“ eine Konferenz zum Thema Technoökologien der Teilhabe statt. Organisiert wurde sie von Dr. Yuk Hui und Prof. Dr. Erich Hörl, Professor für Medienkultur. Eingeladen waren prominente internationale Expert_innen aus den Bereichen Sozialanthropologie, Ethnologie, Medienwissenschaft und Philosophie.

Partizipation ist unter Bedingungen von sozialen Medien zu einem integrativen Moment des zeitgenössischen kommunikativen beziehungsweise algorithmischen, auf dem Einfangen von Daten basierenden Kapitalismus geworden. Sie ist eine Anrufung, ein Befehl, dem die zeitgenössische Subjektivität gehorcht. Fraglich ist, ob es ein Denken von medialer Teilhabe gibt, das die spätkapitalistische Logik der Partizipation zu problematisieren und den Teilhabegedanken selbst gegen deren Zumutungen produktiv machen kann und zu retten vermag. Dies untersucht die DFG-Forschergruppe Mediale Teilhabe, die ihren Sitz an der Universität Konstanz hat, deren zentrales Theorieprojekt „Technoökologien der Teilhabe: eine medien-philosophisch-ethnologische Neuperspektivierung" aber an der Leuphana angesiedelt ist.

Der zeitgenössische ethnologisch-anthropologische Diskurs stellt eine wichtige Ressource für eine Neuperspektivierung des Teilhabeproblems dar. Zum einen rückte dieser insgesamt die Frage von Relationen beziehungsweise Relationalität als solcher seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert mehr und mehr in den Vordergrund. Zum anderen markiert die Untersuchung von nicht-okzidentalen partizipativen Kosmologien einen von dessen zentralen Forschungssträngen. Zu klären bleibt nun, ob sich die breit angelegte Arbeit an einem nicht-modernen Denken von Partizipation, wie sie hier stattfindet, auf die Technoökologien der Gegenwart übertragen lässt. „Kann das nicht-moderne Denken von Partizipation für die dringend nötige Neubeschreibung unserer zeitgenössischen Situation genutzt werden oder erliegt ein solches Unterfangen am Ende doch einer bloßen Faszination von Nicht-Modernität?“, fragt Hörl. Um dieses Problem zu diskutieren trafen sich führende internationale AnthropologInnen – unter anderem Nurit Bird-David, Tim Ingold, Alf Hornborg, Helen Verran – mit Medien- und KulturwissenschafterInnen sowie Philosophen an der Leuphana. Man wollte dabei insbesondere dem Problem nach gehen, welche Rolle der Technik zukommt in den anthropologischen Konzeptualisierungen von Partizipation. Diese Konzeptualisierungen zielen darauf ab, die moderne, auf der Differenz von Natur-Kultur-Differenz basierende Partizipationsweise zu überwinden. Doch wie sieht es mit der Übertragbarkeit der Modelle auf die nach-moderne technoökologische Situation aus?

„Us, Relatives“

Erich Hörl eröffnete den Workshop mit einer Erinnerung an die radikale Neubestimmung des Partizipationsproblems durch den französischen Anthropologen Lucien Lévy-Bruhl zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mit dessen Arbeit sich die Frage nach nicht-modernen Formen der Teilhabe, die nach ihm das Jahrhundert durchquert, Bahn zu brechen begann. Lévy-Bruhl hatte Partizipation als die erste, grundlegende, ursprüngliche Beziehung des sogenannten „primitiven Seins“ verstanden und damit den Grundstein gelegt für die weitreichende Untersuchung partizipativer Kosmologien. Diesen käme heute unter technoökologischen Verhältnissen eine ungeahnte Aktualität zu. In einem beeindruckenden Vortrag führte Nurit Bird-David (Haifa) das, wie sie betonte, unhintergehbar plurale Leben von Jägern und Sammlern vor Augen, aus dem heraus sich alle basalen Beziehungen dieser Kulturen entfalten – Beziehungen, die vor allen Individuen liegen und diese erst hervorbringen, also grundlegend sind für Individuation. „Us, relatives“ lautet die zentrale Kategorie des plural-relationen Lebens, die auf jeden und jedes ausgedehnt werden könne, der, die oder das in der Welt mit lebt und darin individuiert. „Relatives“ heißt so gesehen schlicht „eng zusammen leben“ und betrifft Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge gleichermaßen. Dabei betonte Bird-David das Skalierungsproblem. Dieses liege darin, dass die in der Regel radikal partizipativen, Menschen und Nicht-Menschen erfassenden kosmologischen Modelle von Wildbeuter-Gesellschaften (in denen das Andere nie mehr als bloß „a few others“ umfasste) auf größere Gesellschaften zu übertragen. Nicht zuletzt Anthropologen ¬– sie nannte führende Kollegen wie Descola oder Viveiros de Castro, deren kosmologische Überlegungen in den gesamten Kulturwissenschaften hoch im Kurs stehen –seien „scale blind“. 

„Ökologie der Partizipation“ und „Kosmotechnik“

Helen Verran (Darwin) präsentierte Überlegungen zu einer Ökologie der Partizipation, in der Partizipation als Beziehung alle anderen Beziehungen hervorbringt: Kollektive ereignen sich und daraus gingen Wesenheiten als stets aufeinander bezogen hervor. Sie war vor diesem Hintergrund vor allem an den politischen und die Wissensproduktion betreffenden Konsequenzen eines radikalpartizipativen Denkens interessiert. Sie forderte die Rekonzeptualisierung von Erfahrung, die nicht mehr von der 1. Person Singular ausgehen darf. Yuk Hui (Leuphana) entwickelte den Begriff der Kosmotechnik, der auf die wesentliche kosmologische Eingelassenheit jeder Technik hinweist, die bislang weitgehend ungedacht blieb. Während die Forschung bislang letztlich auf die fälschlich als universal verstandene abendländische Technik fixiert sei, die lediglich auf der naturalistischen Kosmologie der Moderne, mit etwaigen griechischen Vorläufern, basiere und den Planeten rückhaltlos kolonisiert habe, müssten heute andere kosmotechnische Verfasstheiten gedacht, andere kosmotechnische Ressourcen mobilisiert werden. Die Moderne selbst, so Hui, hat uns blind gemacht für die vielfältigen Kosmotechniken, die existiert haben. Den anwesenden Anthropologen gingen diese philosophischen Überlegungen indes zu weit: Sie kritisierten deren Abstraktionsniveau, reklamierten die Notwendigkeit von Feldforschung.

Neue Problematisierung von Partizipation

Die Abschlussdiskussion beleuchtete die Frage, ob eine grundlegende Rekonzeptualisierung von Partizipation zum Verständnis der gegenwärtigen Erfahrung notwendig und sinnvoll ist oder nicht. „Wir brauchen andere Problematisierungen von Partizipation jenseits der naturalistischen Moderne“, pointiert Hörl, „damit wir Erfahrung anders und unserer technoökologischen Situation angemessen, nämlich singular-plural denken können.“


Kontakt

Prof. Dr. Erich Hörl
Universitätsallee 1, C5.302
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2760
erich.hoerl@leuphana.de


Martin Gierczak. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.