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Vision gescheitert? Prof. Dr. Thomas Huth über die Zukunftsfähigkeit des Bitcoins

29.01.2018 Als vor acht Jahren das Internetgeld Bitcoin entwickelt wurde, stand auch die Idee der Unabhängigkeit im Vordergrund: Die digitale Währung sollte verhindern, dass einige Wenige den Markt kontrollieren und unbeeinflusst von Banken, Staaten und hierarchischen Strukturen funktionieren. „Ich nenne das Utopie“, sagt Thomas Huth, Professor für Geld- und Kapitalmärkte.

Herr Huth, trotz massiver Kursschwankungen ist ein wahrer Bitcoin-Hype ausgebrochen. Haben Sie selbst auch schon die digitalen Münzen gekauft?

Nachgedacht habe ich darüber schon. Vor allem als es Ende vergangenen Jahres diesen enormen Preisanstieg gab und der Bitcoin auf über 10.000 Dollar gestiegen ist. Letztlich habe ich dann doch davon Abstand genommen. Denn meiner Meinung hat der Bitcoin nicht wirklich eine Zukunft.

Warum nicht?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen kann die Architektur des Bitcoins die in die Kryptowährung gesetzte Hoffnung auf lange Sicht nicht erfüllen. Das liegt an der damit verbundenen Blockchain-Technologie, die den Bitcoin überhaupt möglich macht. Die Blockchain, eine Liste von Datensätzen, wird durch die ständigen Transaktionen immer länger und damit immer träger. Der normale Computernutzer kann damit irgendwann nur noch schwer umgehen. Anders ist das bei der Kryptowährung IOTA, bei ihr ist die Technologie schon weiter entenwickelt. Zum anderen schwebt über dem Bitcoin immer die Angst vor Deflation. Die Anzahl der generierten Bitcoins ist begrenzt – auf maximal 21 Millionen Stück. Durch die künstliche Verknappung neigt das System zur Deflation, die die gesamte Wirtschaftsleistung drücken und zur wirtschaftlichen Depression führen kann. Ein Horrorszenarium, wenn wir an die Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren denken. Ich schätze die Deflationsgefahr wesentlich größer ein als die Vorzüge einer solchen Währung.

Kryptowährungen wurden als ein freies, nicht-hierarchisches Zahlungsmittel konzipiert. Können Sie dieser Idee etwas abgewinnen?

Die Idee des Bitcoins verbinde ich mit dem österreichischen Ökonom Friedrich August von Hayek, ein Vordenker des Neoliberalismus. Er steht für das Konzept eines freien Marktes und hält jede Intervention für schädlich. Seiner Meinung nach braucht es keine staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft. So sollen auch der Bitcoin und andere digitale Währungen funktionieren, die Blockchain-Technologie suggeriert, dass wir keine zentrale Instanz benötigen. Den Charme der Dezentralisierung kann ich nachvollziehen – „Keine Macht für niemand“, so wie es bei Rio Reiser heißt. Ich nenne es dennoch Utopie und bin kein Anhänger davon. Ich glaube vielmehr daran, dass es besser funktioniert, wenn eine von der Regierung unabhängige Zentralbank unser Geldsystem managt, um Deflation und Inflation zu vermeiden.

Also läuft alles auf eine weitreichende Regulierung der digitalen Währung hinaus, so wie es vereinzelt auch schon gehandhabt wird?

Blicken wir auf Deutschland, da zeigt sich die Bundesbank derzeit relativ tolerant und liberal. Das liegt daran, dass der Prozentanteil des gesamten Geldumlaufes einfach zu gering ist und wir uns noch im Trial-and-Error-Stadium befinden. Ich vermute aber, dass sich das in Europa mit zunehmender Bedeutung verändern kann. Dann wiederum wird es spannend sein zu beobachten, welcher Einfluss von außen auf die EU und die EZB einwirkt. Denn Großkonzerne und Banken verwenden beispielsweise schon IOTA und Ripple, ihre Interessen spielen dann auch eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Kryptowährung dient aktuell vor allem als Spekulationsobjekt. Setzt sie sich in naher Zukunft als echte Währung durch?

Eine ausschließliche Zukunft als Spekulationsobjekt sehe ich nicht, die digitale Währung muss sich als Zahlungsmittel durchsetzen. Wenn das geschehen soll, dann müssen allerdings staatliche Instanzen eingreifen. Denn die extremen Kursschwankungen können nur von außen geglättet werden. Viele sehen darin einen schleichenden Vorgang, so dass sich am Ende die Kryptowährung analog zum gängigen Geldsystem entwickelt. Rückblickend hätten wir dann vielleicht eine spannende, utopische Zeit erlebt. Aber das steht für mich fest: An gewissen Gesetzmäßigkeiten kommen wir nicht vorbei. Weil wir Menschen sind.

Vielen Dank Thomas Huth.



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