Meldungen aus der Forschung

Konferenz VERA: „Die Probleme der Nachhaltigkeit sind nicht disziplinär“

26.02.2018 Das Forschungsprojekt „VERA“ steht für einen interdisziplinären Blick auf Nachhaltigkeit aus ökonomischer, soziologischer, geschichtswissenschaftlicher und philosophischer Perspektive. Jetzt trafen sich Expertinnen und Expertinnen, um die Ergebnisse ihrer dreijährigen Arbeit vorzustellen und Ambivalenzen im Nachhaltigkeitsdiskurs zu diskutieren.

Sollten Menschen wegen der hohen Umweltbelastung weniger fliegen? Oder entwickelt die Forschung innovative und energiesparendere Techniken, die unsere hohe Mobilität weiter ermöglichen? Verbietet man Plastiktüten oder ist es zielführender an das grüne Gewissen der Menschen zu appellieren? Fragen, die weder einzelne Natur- noch Sozial- und Geisteswissenschaften allein beantworten können. „Die Probleme der Nachhaltigkeit sind nicht disziplinär“, sagt Professor Dr. Anna Henkel, Professorin für Kultur- und Mediensoziologie, und Organisatorin der Konferenz „Reflexive Responsibilisierung. Verantwortung für nachhaltige Entwicklung (VERA)“. Expertinnen und Experten trafen sich jetzt im Kreativraum des Zentralgebäudes, um gemeinsam den Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften im Nachhaltigkeitsdiskurs zu erörtern und Ergebnisse aus dem dreijährigen Forschungsprojekt zu präsentieren.
Zum Projektstart von VERA vor drei Jahren sind die Forschenden von der These ausgegangen, dass der scheinbar so eindeutige Begriff der „Nachhaltigkeit“ mit sehr unterschiedlichen Szenarien anzustrebender Transformation verbunden ist – in denen Verantwortung für nachhaltige Entwicklung jeweils unterschiedlich zugerechnet wird. So geht es beispielsweise in einer Postwachstumsperspektive darum, den Konsumierenden mehr Verantwortung zu übertragen. Der Ansatz ökologischer Modernisierung dagegen sieht die Verantwortung mehr in der technischen Entwicklung, aber auch politischen Regulierung. So gegensätzlich diese Standpunkte sind, so kontrovers wurde auch bei der Konferenz diskutiert. Der Unternehmensberater im Nachhaltigkeitsbereich Dr. Thomas Melde berichtete beispielsweise, dass Nachhaltigkeitsaspekte zwar zunehmend relevant werden, die Erfolge der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen in der Wirtschaftspraxis jedoch bislang eher bescheiden bleiben. „Es geht nur über Verbote“, resultierte einer der Experten im Plenum und nahm damit die Postwachstumsperspektive ein. „Soft law“ – also die Verpflichtung zur Eigenverpflichtung von Unternehmen reiche nicht. 

Trotz klarer Worte wurde bei dieser Konferenz vor allen Dingen eins deutlich: Einfache Antworten gibt es nicht. Wichtig sei es Diskurse der Nachhaltigkeit von vielen Seiten zu beleuchten. Auch der Begriff der Transdisziplinarität, also das Hinausgehen über die wissenschaftlichen Disziplinen in die Gesellschaft, wurde unter die Lupe genommen. „Wir dürfen nicht in die Beliebigkeit verfallen, sondern brauchen saubere und nachvollziehbare Analysen“, fasste Anna Henkel den Beitrag einer Konferenzteilnehmerin zusammen, die auf eine mögliche Gefahr der Verflachung in der Transdisziplinarität hinwies, wenn zu viele Kompromisse geschlossen würden beispielsweise im Zusammenhang mit politischen Zielen.

Aber auch die Förderlandschaft könne Einfluss auf die Forschung nehmen. „Was passiert, wenn die Wissenschaftspolitik einige Forschungsthemen finanziell besonders fördert?“, fragte Anna Henkel „Werden dann vermeintlich nebensächlichere Probleme oder gar für bestimmte Lobbys unbequeme Forschung kaum noch behandelt, weil die Chancen auf eine Finanzierung gering sind? Das widerspräche klar dem Wissenschaftsethos“, sagt die Soziologin. Prof. Dr. David Kaldewey, Professor für Wissenschaftssoziologie an der Universität Bonn, verwies auf die Erforderlichkeit, inhaltliche Fragen und Themensetzungen stets im Kontext von polity-Fragen zu sehen. Die Differenzierung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung sei in der Politik unterdessen akzeptiert, ob sich transformative Forschung als dritte Säule etabliert, hänge auch davon ab, ob der wissenschaftspolitische Diskurs eine stärkere Ausdifferenzierung der förderfähigen Modelle wissenschaftlicher Forschung zulasse. Insgesamt zeigte die Diskussion, dass sozial- und geisteswissenschaftliche Beiträge im Nachhaltigkeitsdiskurs gerade im Bereich der Wissensforschung liegen. Wie welches Wissen entsteht, welche Bedeutung Forschungsförderung oder zivilgesellschaftliche Anliegen dabei haben und welches Verständnis an den Universitäten in entsprechenden Studiengängen vermittelt wird, hat Auswirkungen auf den Nachhaltigkeitsdiskurs und die Nachhaltigkeitspraxis und verdient entsprechende Reflektion auf Zusammenhänge, Wirkungen und Auswirkungen.  

Das Projekt „VERA“ wird im Rahmen des Programms „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“ der VolkswagenStiftung sowie des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur gefördert. 



Marietta Hülsmann. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.