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Neu an der Leuphana: Gewaltforscher Professor Dr. Wolfgang Knöbl – „Es gibt Warnzeichen für Genozide“

05.03.2018 Professor Dr. Wolfgang Knöbl ist Direktor des renommierten Hamburger Instituts für Sozialforschung und wurde jetzt als nebenberuflicher Professor für politische Soziologie und Gewaltforschung an die Leuphana berufen. Er beschäftigt sich mit Makrogewalt und unter anderem mit der Frage, warum Menschen zu Tätern werden.

Nicht jeder, der ein Motiv hat, wird diesbezüglich auch zum Täter. „Viele haben in Wut schon einmal über jemand anderen gedacht: ‚Der nervt mich so, den könnte ich jetzt erwürgen.‘ Aber getan haben sie es nie“, beschreibt Professor Dr. Wolfgang Knöbl. Wie und warum es dennoch manchmal zu Gewalt kommt, erforscht der Soziologe seit vielen Jahren – weniger bezogen auf Einzeltäter in weitgehend friedlichen Gesellschaften als mit Blick auf höchst konfliktbehaftete Kontexte. Seine Fragen sind: Wie entstehen Kriege, wann ereignen sich Genozide oder Pogrome, warum kommt es zu gewalttätigen Protesten oder zu gewaltsamer staatlicher Repression etc.? Sein Themengebiet ist die Makrogewalt.

Knöbl studierte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Soziologie, Politikwissenschaft und Neuere Geschichte und arbeitete von 1990 bis 1995 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Dort wurde er 1995 promoviert und habilitierte sich 2000. Nach mehr als zehn Jahren als Professor für vergleichende Sozialwissenschaft an der Georg-August Universität Göttingen wurde er 2015 Direktor am Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) und folgte damit Jan Philipp Reemtsma nach. Das Institut hatte in den 1990er Jahren die viel diskutierten Ausstellungen zu den Verbrechen der Wehrmacht entwickelt, die das bis dahin oft positive Bild des deutschen Militärs im Zweiten Weltkrieg veränderten. 

Auch wenn Knöbl zu dieser Zeit noch nicht am HIS arbeitete, so beschäftigt er sich schon damals mit dem Phänomen der Makrogewalt und der Entstehung von Genoziden. „In den 90er Jahren begann – angestoßen durch geschichtswissenschaftliche Arbeiten – eine neue Debatte. Es wurde gefragt: Was waren es für Menschen, die den Holocaust ausgeführt haben?“ Knöbl erinnert an das Buch „Ganz normale Männer“ des Historikers Christopher R. Browning über das Reserve-Polizeibataillon 101. Die Männer dieser Einheit wurden nach Polen geschickt, um Juden aufzuspüren und zu ermorden. Und sie taten dies ohne großen Widerstand und auf eine Weise, die immer noch verstört. „Denn viele denken beim Holocaust immer sofort an Auschwitz und an das in Anführungszeichen klinisch saubere und industrielle Töten durch Gas. Aber das war nur ein Teil des Holocaust. Zahlreiche Täter wateten buchstäblich durch Blut. Millionen von Opfern wurden irgendwo misshandelt, geschändet, erschlagen oder erschossen. Oder man ließ sie elend verhungern.“

Der Gewaltforscher fragt, warum Menschen in dieser Situation so handelten, wie sie es getan haben: „War die Ideologie der Hintergrund? Gab es situative Faktoren? Oder spielte die Biografie eine Rolle?“ Beim Holocaust ist dazu ein intensives Studium historischer Quellen erforderlich. „Dies ist aber sehr schwierig, weil die Täter oft lügen oder schweigen und es auf Opferseite keine Zeugen gibt“, sagt Knöbl. Andere Formen der Gewalt sind hier sehr viel einfacher zugänglich, weil auch ganz andere Quellen vorliegen. Das Hamburger Institut für Sozialforschung untersucht beispielsweise derzeit auch die Gewaltereignisse im Umfeld des G20-Gipfels in Hamburg im Jahr 2017. „Hier liegen uns unter anderem Videos von Polizei und Demonstranten vor.“ So kann man dann direkt beobachten, wann eine zunächst friedliche Situation kippt und es plötzlich zu Gewalt kommt. Ziel ist es, Gewaltauslöser besser zu verstehen und so Konflikte verhindern zu können. 

Leicht sei dies aber nicht – gerade bei so monströsen Verbrechen wie Völkermorden. „Aber es gibt Warnzeichen für Genozide. Erst werden Bevölkerungsgruppen diskriminiert, an den Rand gedrängt und dann dauerhaft aus dem übrigen sozialen Leben ausgeschlossen. Oft entstehen Ghettos oder ethnisch stark segregierte Nachbarschaften, um die Mauern gebaut werden. Erste Verbrechen werden möglich“, beschreibt Knöbl. Selbst wenn die gefährliche Lage kaum noch zu leugnen ist, sei aber der Interventionswille der relevanten Akteure oft begrenzt. Als Beispiel nennt er den Völkermord in Ruanda. Der Kanadier Roméo Dallaire war Kommandeur der in dem afrikanischen Land stationierten Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen (UN) und warnte seine Vorgesetzten vor dem bevorstehenden Völkermord an der Tutsi-Minderheit. Dennoch griff die UN nicht ein. Es starben fast eine Million Menschen in nur vier Monaten. 

Das Forschungsgebiet Makrogewalt erfordert Knöbl zufolge sowohl eine hohe Sensibilität für theoretisch relevante Fragen als auch ein Interesse für historische Kontexte. Knöbl, der sich als historischer Soziologe versteht, betont auch die Notwendigkeit interdisziplinären Arbeitens und gerade in der Interdisziplinarität sieht er den großen Pluspunkt der Leuphana. „Hier gibt es eine starke Politikwissenschaft und eine ebenso renommierte Kulturwissenschaft. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit“, sagt Knöbl. Die Leuphana schätzt er zudem wegen ihrer Strukturen: „Das macht sie wendig. Kurze Wege führen oft zu schnellen Entscheidungen.“ Schon in seinen Lehrveranstaltungen in den letzten Semestern hat er auch einen positiven Eindruck von den Studierenden gewinnen können: „Man merkt, sie wollen etwas bewegen.“ 



Autorin: Marietta Hülsmann