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„Dubiose Müll-Lager werden zunehmen“: Umweltchemiker Prof. Dr. Henning Friege im Interview

19.03.2018 Allein im vergangenen Jahr wurden rund 1,5 Millionen Tonnen Plastikmüll aus Europa unter anderem nach China und Hongkong verschifft. Damit ist nun Schluss. China hat einen Importstopp erlassen. Warum dies für Deutschland und andere Industrie-Nationen Risiken birgt, aber auch eine Chance für einen besseren Umgang mit Müll sein kann, erklärt der Experte vom Institut für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie.

Herr Professor Friege, Chinas Wirtschaft ist nicht eben als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit bekannt. Dennoch wurde jetzt ein Importstopp für Plastikmüll erlassen. Was sind die Hintergründe?

Was wir Europa in der Presse meistens nicht lesen ist, dass China einen Importstopp für nahezu alle Sekundärmaterialien erlassen hat. Plastik ist nur ein kleiner Teil davon. Der Stopp gilt vor allen Dingen für Schrott und das bringt den Weltmarkt massiv durcheinander. Hinter der Entscheidung der Chinesen stehen in erster Linie wirtschaftliche Interessen. Man will dort eine professionellere Recycling-Industrie aufbauen, weil auch der eigene Müll zunimmt. Bisher wurde der importierte Plastik-Müll in kleinen und mittleren Unternehmen, aber auch in Hinterhöfen getrennt. Nicht selten war der Kunststoff von minderer Qualität und den bekommt man auf dem Weltmarkt nicht mehr los. 

Ist der Importstopp auch eine ökologische Chance für China? 

Auf jeden Fall. Die Müllsortierer in China arbeiten oft unter erbärmlichen Bedingungen, viele der Halden sind durch hohe Schadstoffkonzentrationen belastet. An der chinesischen Südwestküste gibt es beispielsweise ein riesiges Problem mit Schwermetallen durch illegal importierten Elektroschrott, der aus vielen Ländern, auch aus Europa kommt. Da steckt teilweise organisiertes Verbrechen hinter. In Italien beispielsweise war die Mafia schon immer im Müllgeschäft. Dazu kommen Clans aus Osteuropa oder dem Nahen Osten. Es ist ein Riesengeschäft, wenn man teure Umweltschutzbedingungen missachtet und Elektroschrott illegal aufbereitet. Es ist zu hoffen, dass der Importstopp die Umweltverschmutzung in China verringert. 

Deutschland und andere Industrienationen bleiben nun auf vielen Abfällen sitzen. Was passiert damit? 

Beim Elektroschrott wird die Entscheidung der Chinesen für uns keine Folgen haben, weil wir diesen Müll selber aufbereiten können und wollen. Illegale Exporte gehen vermutlich weiter nach Westafrika. Bei gemischten Platsikabfällen sieht das anders aus: Es wird einerseits eine massive Preiserhöhung bei der Entsorgung geben, andererseits sorgen die größere Menge an anfallendem Plastikabfall für einen Preisverfall. Früher bekam man beispielsweise für benutzte Agrarfolien noch gutes Geld; das wird bald nicht mehr so sein. Gerade die niederwertigen Plastikabfälle leiden schon länger unter sinkenden Marktpreisen beziehungsweise steigenden Zuzahlungen. Der Importstopp ist aber auch eine Chance, denn wir werden gezwungen, die schlechten Qualitäten besser aufzuarbeiten. Wir brauchen einen besseren Dialog in der Wertschöpfungskette vom Produzenten bis zur Abfallseite. Auf der Abfallseite wissen wir ganz genau, was gut zerlegbar ist und was wiederverwertet werden kann. Auf der anderen Seite haben wir sehr hohe Anforderungen an Konsumgüter. Die Frage lautet: Welche dieser Anforderungen müssen nicht unbedingt sein und wie kann so das Recycling vereinfacht werden? Schafft man es beispielsweise im Verpackungsbereich nur noch eine Plastiksorte pro Verpackung statt beispielsweise Verbundwerkstoff zu verwenden? 

Besteht durch den Importstopp auch die Gefahr, dass die Müll-Kriminalität in Europa weiter zunimmt?

Wir haben in Deutschland und noch massiver in Osteuropa mit illegalen Müll-Geschäften zu tun. Gerade im Bereich Plastik rechne ich damit, dass wir in Deutschland verschärft mit dubiosen Müll-Lagern konfrontiert werden, und die illegalen Wege zunehmen. Von Elektroschrott kennen wir das ja bereits. Das fängt schon bei den Schrottsammlern an, die alte Elektrogeräte vom Sperrmüll an der Straße mitnehmen. Das ist illegal. Sammeln dürfen nur Kommunen und Hersteller beziehungsweise deren Beauftragte. Wir hören das von den Kollegen in Österreich: Der Elektroschrott wird in Kastenwagen gepackt und kurz hinter der ungarischen Grenze werden die Geräte auseinander gepflückt. Was nicht gebraucht wird, landet am Straßenrand und das hat teilweise schwere Konsequenzen fürs Klima. Das Ausräumen von Kupfer aus alten Kühlschränken führt beispielsweise dazu, dass Treibhausgase freigesetzt werden. Dieses Ausschlachten ist ein Straftatbestand, aber ich habe noch nie gehört, dass jemand dafür ins Gefängnis gegangen ist. Der Gesetzesvollzug in vielen europäischen Ländern ist mangelhaft. Bei der Kriminalität ist der starke Staat gefragt: Die Staatsanwälte, die illegalen Schrottplätzen nachgehen und Verbrechen auch zur Anklage bringen.

Vielen Dank für das Gespräch!



Autorin: Marietta Hülsmann