Meldungen aus der Forschung

Erstmals erscheint das Gesamtwerk des Erziehungswissenschaftlers Klaus Mollenhauer: Faszinierend, streitbar, bedeutend

09.04.2018 Gemeinsam mit den Universitäten Göttingen, der dortigen Universitätsbibliothek und der Universität Osnabrück arbeitet Professorin Dr. Cornelie Dietrich vom Institut für Bildungswissenschaft an einer Hybrid-Edition bestehend aus einem interaktivem Online-Forschungsportal und einer zwölfbändiger Buchausgabe . Eine Premiere in der Erziehungswissenschaft, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zunächst mit fast einer Millionen Euro gefördert wird.

Viele von Klaus Mollenhauers Schriften sind nur noch verstreut zugänglich. Die meisten Monografien sind längst vergriffen, viele weitere Texte finden sich höchstens noch in Bibliotheken. Dabei gilt Mollenhauer (1928-1998) als einer der bedeutendsten deutschen Erziehungswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, war als faszinierende und auch streitbare Persönlichkeit bekannt, dessen Schriften heute fast mehr international als national rezipiert werden. Was Mollenhauer als wesentliche Aufgabe der Pädagogik ansah, nämlich die Arbeit an kultureller wie auch biografischer Erinnerung, das „gilt auch für die Disziplin selbst“, so Cornelie Dietrich. Die Gesamtausgabe wird sowohl in einer ca. 5000-seitigen Buchausgabe als auch als interaktive Online-Version erscheinen. Unter anderem wegen dieser editorischen Novität fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Projekt zunächst in den ersten drei Jahren mit 880 000 Euro. Ein Verlängerungsantrag für drei weitere Jahre soll folgen.  

Mollenhauer war jemand, der die Dinge neu dachte. Der Begriff „Paradigmenwechsel“ wird in seinem Zusammenhang genannt. Cornelie Dietrich spricht von „Wenden“. Wesentlich arbeitete er mit an einem neuen sozialwissenschaftlichen Selbstverständnis der Erziehungswissenschaft und der Loslösung von der geisteswissenschaftlichen Pädagogik seit den 60er Jahren. Er sorgte also für eine Abkehr von der reinen Textexegese hin zur empirischen und sozialwissenschaftlichen Perspektive, wandte  sich mehr den realen als den idealen Menschen in ihren gesellschaftlichen Verhältnissen zu. Auch die Etablierung der Sozialpädagogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft an Universitäten geht sehr deutlich auf Mollenhauers theoretische Beiträge und seine Beteiligung an öffentlichen Debatten und fachlichen Diskursen in den 1960er und 1970er Jahren zurück. So wird beispielsweise der Begriff der Emanzipation, der in der Weiterentwicklung der Kritischen Theorie in den 70er Jahren zu einer Leitkategorie erziehungswissenschaftlichen Denkens wurde bis heute am engsten mit dem Namen Klaus Mollenhauer verknüpft. Das wirkte sich auch auf seine Arbeit als Hochschullehrer aus. „Er mochte es gar nicht, wenn Studierende ihm nach dem Mund redeten. Mollenhauer wollte kritische Geister schulen. Er selbst war ein Denker gegen den Mainstream“, erinnert sich Cornelie Dietrich.

Kommentare, Forschungsliteratur, kritischer Apparat

Bei der Gesamtausgabe handelt sich um ein Verbundprojekt von erziehungswissenschaftlichen Teams der Leuphana, der Universitäten Göttingen und Osnabrück mit Editionswissenschaften und Informatik  der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Das Lüneburger Teilprojekt bearbeitet die Schriften Mollenhauers aus den Jahren 1987 bis 1998 und wird unter der Leitung von Cornelie Dietrich durchgeführt. Mit der Öffnung der Erziehungswissenschaft für kulturtheoretische und -geschichtliche Fragen, die zum zentralen Gegenstand von Mollenhauers allgemeinpädagogischen und bildungstheoretischen Werk seit den 1980er Jahren wurde, ereignete sich eine weitere Wende, sie findet heute besonders auch im angloamerikanischen u nd asiatischen Raum Beachtung. Dementsprechend kann und soll die Hybrid-Edition Forschenden in aller Welt bessere Zugänge zum Werk Mollenhauers ermöglichen. „Zusätzlich zu den Texten Mollenhauers und ihren Übersetzungen werden sich im Online-Portal Kommentare, Forschungsliteratur und der kritische Apparat finden“, erklärt Cornelie Dietrich. Wissenschaftler_innen können dann mit neuen digitalen Methoden in diesem Portal arbeiten und die ohnehin sehr lebendige Forschungslandschaft um Klaus Mollenhauer bereichern. 

Damit ist die Kritische Gesamtausgabe in dieser Weise eine editionswissenschaftliche Einmaligkeit in der Erziehungswissenschaft. „Eine solche Mischung aus Textausgabe, Forschungsportal und interaktiven Austausch gibt es bisher noch nicht“, sagt Cornelie Dietrich. Es werden sich auch Musikstücke und Bilder dort finden. „Mollenhauer war Begründer der heute gängigen Ansicht, dass  als historische Quellen in der Erziehungswissenschaft nicht nur Texte fungieren“, erklärt Cornelie Dietrich. Beispielsweise ließe sich durch die Analyse von Gemälden verschiedener Epochen, auf denen Kinder dargestellt sind, viel über das damalige Familienbild sagen, was in den theoretischen Texten nicht enthalten ist.


Kontakt

Professor Dr. Cornelie Dietrich 
cornelie.dietrich@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann