Meldungen aus der Forschung

In jedem steckt ein Forschergeist: Hohe Förderung für inklusive Unterrichtsforschung

07.05.2018 Zum Schuljahr 2013/14 wurde inklusiver Unterricht an niedersächsischen Schulen verpflichtend. „Entsprechende Schulungen haben Lehrkräfte aber nicht bekommen“, sagt Professorin Dr. Simone Abels. In ihrem neuen Forschungsprojekt „Nawi-In“ setzt die Professorin für Didaktik der Naturwissenschaften nun Konzepte ein, die inklusiven Fachunterricht weiterentwickeln sollen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert dies mit über 480 000 Euro. Die Ausschreibung des BMBF fokussiert dabei nach wie vor einen engen Begriff von Inklusion, also die Fokussierung auf die Partizipation von Schüler_innen mit Beeinträchtigung.

Wenn die Sonderpädagogin Simone Abels gehörlose Schüler_innen in Chemie unterrichtet hat, musste sie manchmal eine neue Gebärde entwickeln. Nicht für alle Fachwörter gab es Gebärden. Inklusiver Unterricht an Regelschulen birgt nicht wenige Herausforderungen: Die Schülerschaft ist teilweise enorm heterogen. Um das sozial-emotional auffällige Kind genauso zu erreichen wie den hochintelligenten Rollstuhlfahrer mit besonderen räumlichen Bedürfnissen braucht es vielfältige didaktische Herangehensweisen, zum Teil mit sonderpädagogischem Hintergrund. Viele Lehrkräfte haben im Studium darüber nur wenig gelernt, sehen sich seit der Verpflichtung zur Inklusion aber mehr und mehr Schüler_innen mit unterschiedlichem Förderbedarf gegenüber. Die Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte für inklusive Bildung steht deshalb im Fokus von Simone Abels Forschungsprojekt „Naturwissenschaftlichen Unterricht inklusiv gestalten (Nawi-In)“. 

Simone Abels sieht in den Fächern Chemie, Physik und Biologie ein besonderes Potential für die Inklusion. „Übers Experiment habe ich die Chance sehr anschaulich zu werden und viele Schülerinnen und Schüler einzubinden“, erklärt die Naturwissenschaftsdidaktikerin. Der Unterrichtseinstieg kann beispielsweise auf Phänomenebene erfolgen, um Schüler_innen auf vielfältige Weise für einen Lerngegenstand zu motivieren. „Wir haben im Unterricht einmal einen Badezusatz ausgeteilt, der aufquillt und eigentlich als Spielzeug gedacht ist. Viele Schüler_innen erwarten, dass sich etwas löst, wenn man es in Wasser gibt. Hier passiert nun das Gegenteil. Das wirft Fragen auf. Die Lernenden können selbst Hypothesen bilden und Lösungswege entwickeln entsprechend ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten“, erklärt Simone Abels. Im Projekt wird der Ansatz des Forschenden Lernens entlang subjektiv bedeutsamer Fragestellungen gestaltet, die dem Kontext ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ (BNE) entstammen. Die Schüler_innen können sich beispielsweise mit der Analyse des Materials beschäftigen, sich fragen, wie sie den Badezusatz wieder aus dem Wasser entfernen können oder ob er überhaupt verwendet werden sollte. Da es sich um einen Kunststoff handelt, spielt nachhaltiges Denken eine Rolle. Wichtig: Es gilt nicht nur ein Lösungsweg als richtig. „Wir müssen uns davon verabschieden, dass alle alles gleich machen müssen“, erklärt Simone Abels. Bei diesem Konzept sollen alle Kinder lernen – idealerweise auch voneinander. Schülerinnen und Schüler können sich gegenseitig mit dem unterstützen, was ihnen am meisten liegt. 

Diese offenen Sichtweisen machen Simone Abels Forschungsfeld aber auch sehr vielschichtig. Methodisch wird u.a. mit der Videografie gearbeitet. Dabei werden Lehrpersonen beim inklusiven Unterrichten ihres Faches gefilmt. Die drei Doktorandinnen im Projekt analysieren gemeinsam mit Simone Abels und Matthias Barth, woran inklusiver Fachunterricht erkennbar wird. Aus diesen Beobachtungen und bestehenden Forschungsergebnissen sollen Konzepte entwickelt werden, die sowohl Lehrkräfte an Schulen als auch Studierende unterstützen. „Nawi-In“ soll Lehrämtern beispielsweise parallel zur schulischen Praxisphase im Master helfen, eine forschende Haltung zu entwickeln. Damit Studierende inklusiven Fachunterricht auch in der Praxis entlang der erlernten Konzepte erleben und ihre eigene Kompetenzentwicklung erforschbar wird, wird das ScienceLab eine Weiterbildung mit Lehrpersonen in Lüneburg durchführen, so dass inklusiver Fachunterricht im Sinne Forschenden Lernens zu Projektbeginn an den Schulen implementiert wird. „Wir möchten mit ,Nawi-In‘ Schulungen für Multiplikatoren und Multiplikatorinnen entwickeln“, erklärt Simone Abels. Sie wünscht sich aber nicht nur, dass Studierende und Lehrkräfte im Sinne eines inklusiven Unterrichts geschult werden, sondern auch Lehrende an Universitäten Fortbildungen erhalten. 

Prof. Dr. Matthias Barth übernimmt im Projekt die Verantwortung für die Arbeit mit den Lehrpersonen und Studierenden, die die naturwissenschaftliche Perspektive des Sachunterrichts in der Primarstufe unterrichten werden.


Autorin: Marietta Hülsmann