Meldungen aus der Forschung

„Ohne eine kritische Reflexion der Digitalisierung laufen wir vorwärts, ohne wirklich zu verstehen, was wir bisher gemacht haben“ Prof. Dr. Clemens Apprich im Portrait

08.05.2018 „Technologie ist nie neutral, weil sie immer vom Menschen abhängt – Mensch und Maschine stehen in einer stetigen Wechselbeziehung“, erklärt Clemens Apprich, der seit 1. April 2018 Gastprofessor am Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM) ist. Im Interview erzählt er von seiner Forschung am Centre for Digital Cultures (CDC) und seinem anstehenden einjährigen Forschungsaufenthalt am Global Emergent Media (GEM) Lab der Concordia University in Montréal (Kanada).

„In meiner Forschung interessieren mich aktuelle Debatten um Fake-News und Post-Truth, die für mich Symptome einer tiefer liegenden Krise sind“, erklärt Apprich. „Was genau passiert in dem Umschlag von Massenmedien zu digitalen bzw. sozialen Medien?“ Gerade im Westen hätten über Jahrzehnte Massenmedien wie das Fernsehen oder Radio unsere Realität konstituiert und demnach konstruiert. Durch die neuen Medien können aber nun auch Individuen und Gruppen Nachrichten veröffentlichen, womit der alte Referenzrahmen wegfalle. „Als Reaktion darauf gerät der Realitätsbegriff in die Krise. Während wir in den 1990er Jahren in Bezug auf die Möglichkeiten des Internet noch froher Dinge waren, sehen wir heute die Kehrseite derselben Entwicklung. Dieses Paradox möchte ich besser fassen“, führt Apprich aus. Um diese theoretischen Überlegungen mit praktischen Aspekten zusammenzubringen, sei das GEM Lab der ideale Ort, denn „das Lab interessiert sich unter anderem für Medienpraxen und -entwicklungen aus nicht-westlicher Perspektive.“ Dementsprechend ergebe sich hier die Chance nach neuen Zugängen zu suchen, wie Kollektive alte und neue Medien nutzen, um politische Handlungsfelder zu eröffnen.

Das Bewusstwerden unbewusster technologischer Einflüsse

„Die Durchdringung unseres Umfelds mit neuen Technologien lässt sich vielfach beobachten, wie zum Beispiel im neuen Libeskind-Bau, in dem Fenster, Licht und Temperatur mittels Sensoren automatisch gesteuert werden“, sagt Apprich. Allerdings fänden technologische Entwicklungen oft unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle statt, weshalb er Studierende seines Seminars „Kritik der künstlichen Intelligenz“ dazu auffordert, Bereiche zu identifizieren, von denen sie glauben, dass sie bereits mit intelligenten Algorithmen durchsetzt sind. „Die Idee dahinter ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was ständig im technologisch Unbewussten mitschwingt, im submedialen Raum, und diese Phänomene an die Oberfläche zu bekommen.“ Im Seminar zeige sich zudem, wie an der Leuphana transdisziplinär gearbeitet wird. „Wir beginnen mit einem klassischen Text von Alan Turing, in dem die Frage gestellt wird, ob Maschinen denken können, erarbeiten uns dann sowohl die technischen als auch theoretischen Grundlagen, um schließlich die politischen, sozialen und ökonomischen Implikationen in den Blick zu bekommen“, erklärt Apprich seinen Ansatz. 

Kulturwissenschaften werden wichtig sein, um den Digitalisierungsprozess kritisch zu begleiten

„Bei Medientechnologien im Allgemeinen und dem Digitalem im Speziellen spielt die politische Frage eine entscheidende Rolle“, erklärt Apprich, „weil es keine Gesellschaft ohne Technologie, aber auch keine Technologie ohne Gesellschaft gibt.“ Das hieße aber auch, dass Technologie nie neutral sein könne. Man sehe das gerade am Beispiel algorithmischer Entscheidungsverfahren, wo der menschliche Bias – im Sinne von Sexismus und Rassismus – auch die Technologien beeinflusse. Damit seien Mensch und Maschine Subjekte derselben symbolischen Ordnung. „Man kann diesen Bias nur politisch angehen. Das ist eine Debatte, die gerade beim Thema Hate Speech und dem Umgang damit eine wesentliche Rolle spielt: Wollen wir einfach Algorithmen bauen, um bestimmte Inhalte herauszufiltern? – das wäre technisch ohne Probleme umsetzbar. Oder brauchen wir erst mal eine kritische Reflexion von dem, was unter Hate Speech überhaupt verhandelt wird? – hierfür muss aber zuerst verstanden werden, was in den letzten 20, 30 Jahren und dem Umschlag von einer Massenmedienlogik zu einer Sozialen Medienlogik passiert ist?“ Diese Spannung spiegele sich auch in dem Gegensatzpaar von Digitalisierung und Digitalität wider. „Digitalisierung“ versuche ständig, Fortschritte zu machen, weiter zu gehen, während es bei „Digitalität“ darum ginge, inne zu halten, zu reflektieren und kritisch zu betrachten, was da überhaupt passiert sei. „Wenn diese kritische Reflexion nicht stattfindet, laufen wir einfach weiterhin vorwärts ohne wirklich zu verstehen, was wir da eigentlich bisher gemacht haben“, ist Apprich überzeugt. Gerade Kultur- und Medienwissenschaften werden demnach wichtig sein, um Prozesse wie die Digitalisierung kritisch zu begleiten.

Heterophilistische Empfehlungssysteme: Das angezeigt bekommen, nach dem wir nicht gesucht haben

„Wir wollen oft gar nicht wahrhaben, dass Technologie selbst auch wieder nur dieselben Rassismen, Sexismen und Klassismen produziert“, meint Apprich in Bezug auf aktuelle Aussagen, dass Algorithmen bessere, weil objektivere Entscheidungen treffen würden. Die algorithmischen Verfahren seien aber keine Black Box mehr, wie es sie noch im Massenmedienzeitalter gegeben habe. Damals sei Bias in den Institutionen der Massenmedien versteckt gewesen, während dieser heute in den Code einprogrammiert ist und damit „nachweisbar“ wird. Anhand von Algorithmen könne man zeigen, wie sehr homophilistische Grundannahmen in unserer medialen, aber auch realen Welt eingebettet sind. Das bedeutet, dass Empfehlungssysteme, zum Beispiel bei Amazon, Google oder Netflix, aber auch Entscheidungshilfen für Gerichte und Polizei den Nutzer*innen stets Ergebnisse anzeigen, die sie ohnehin schon dort vermutet haben. Auf diese Weise entstünden Filterblasen, die für unsere heutige Realität konstituierend sind. „Warum bauen wir aber nicht mal Suchmaschinen, die heterophilistisch arbeiten: uns also Inhalte anzeigen, mit denen wir laut Algorithmus nicht gerechnet haben?“


Clemens Apprich ist seit 2011 an der Leuphana, wo er am Aufbau des Centre for Digital Cultures (CDC) beteiligt war und nach wie vor ist. Zuvor studierte er Philosophie, Politikwissenschaft und Geschichte in Wien und promovierte im Fach Kulturwissenschaften in Berlin.

Die Leuphana und Montréal kooperieren bereits seit mehreren Jahren: 2016 und 2017 wurden gemeinsame Summerschools organisiert, und Research Fellows aus Montréal, Orit Halpern und Joshua Neves, waren bereits an der Leuphana zu Gast. Eine weitere Kooperation der beiden Standorte war der Post-X Politics Workshop, bei dem im November 2017 gemeinsam über das Thema Digitalisierung diskutiert wurde. 

Prof. Apprichs einjähriger Kanada-Aufententhalt wird mit einem Postdoctoral Fellowship in den Geisteswissenschaften an Universitäten und Forschungsinstituten in Deutschland und den USA/Kanada der VolkswagenStiftung gefördert. Kontakt zu dem Förderprogramm an der Leuphana ist der Forschungsservice.


Autorin: Morgaine Struve