Meldungen aus der Forschung

„Politischer Suppentopf“: Forschung zu Ernährungsräten

28.05.2018 Lebensmittelverschwendung, ungesundes Essen, Pestizide in der Landwirtschaft: Im Hinblick auf Nachhaltigkeit läuft einiges falsch bei unserer Ernährung, findet Annelie Sieveking. Als Doktorandin im Forschungsprojekt „Leverage Points for Sustainability Transformation“ an der Fakultät Nachhaltigkeit sucht sie nach Hebeln, an denen angesetzt werden kann: Über zwei Jahre begleitete sie die Gründung des ersten Ernährungsrates in Niedersachsen.

Während des deutschen BSE-Skandals in den 90er Jahren verging Annelie Sieveking der Appetit. „Da habe ich mir zum ersten Mal intensiv Gedanken über Lebensmittel gemacht und wurde schließlich Vegetarierin“, berichtet sie. Heute isst sie hin und wieder Fleisch, möchte aber wissen, woher es kommt. Die komplexen Zusammenhänge, die unsere Ernährung beeinflussen, werden für sie durch ihre Forschung immer transparenter. „Ernährung ist nicht nur individuell. Sie hat globale Auswirkungen auf Mensch und Natur. Ernährungsräte fragen: Was können wir vor Ort anders machen?“, erklärt die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin.

Ernährungsräte sind Zusammenschlüsse aus lokalen Initiativen und Akteuren mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten innerhalb des Lebensmittelkreislaufs. Sie setzen sich für eine ökologisch nachhaltige, sozial gerechte Nahrungsproduktion und -verteilung ein, die nicht von Politiker*innen vorgegeben wird, sondern aus der Zivilgesellschaft entstehen. In Amerika und Kanada gibt es bereits seit den 80er Jahren eine sehr aktive Szene. In Deutschland ist die Gemeinschaft noch klein. In Köln und Berlin entstanden 2016 die ersten Zusammenschlüsse, in Niedersachen hat sich im letzten Jahr der erste Ernährungsrat gegründet. Annelie Sieveking hat diesen Prozess begleitet mit klassischen Methoden der Sozialwissenschaften wie teilnehmender Beobachtung und Interviews. Sie untersucht den Gründungsprozess, um beispielsweise Fallstricke bei späteren Organisationen umgehen zu können. „Allein den Zusammenschluss verschiedener Initiativen zu planen, ist oft nicht leicht und kann zu Spannungen führen. Offenheit bleibt ein wichtiges Gebot“, sagt Annelie Sieveking. Die Initiative in Oldenburg fand im „Kreativ:Labor“, einem „Möglichkeitsraum und Co-Working Space“, einen Ort, der diesen Prozess unterstützte.

Die Mitgliederzusammensetzung von Ernährungsräten ist heterogen. Dementsprechend werden unterschiedliche Fragen gestellt: Wie baue ich mehr Gärten in der Stadt? Wo werden Lebensmittel weggeworfen? Welche Landwirte arbeiten nachhaltig? Ernährungsräte organisieren beispielsweise Hofbesuche, um den Erzeuger-Verbraucher-Bezug zu verbessern oder entwickeln Ernährungsstrategien für Städte oder Kommunen. Die Beteiligten eint, dass sie Veränderungen in unserer Ernährung anstoßen wollen. Beim „Politischen Suppentopf“, der ersten Veranstaltung im Rahmen des Gründungsprozesses in Oldenburg vor zwei Jahren, war ein zentraler Programmpunkt die Vorstellung von lokalen Initiativen, die sich auf verschiedene Weise engagieren. „Heute sind einige Teilnehmende des Politischen Suppentopfs in den thematischen Ausschüssen des Ernährungsrats gemeinsam aktiv“, berichtet Annelie Sieveking. 

Bereits in ihrer Masterarbeit im Rahmen des Studiengangs Nachhaltigkeitswissenschaft an der Leuphana Universität hat sich Annelie Sieveking mit dem Thema „Ernährungswende“ auseinandergesetzt. Analog zur Energiewende wird über eine nachhaltige Umgestaltung des Ernährungssystems nachgedacht. Kein einfaches Unterfangen, wie die Sozialwissenschaftlerin erläutert: „Jeder Mensch muss essen. Aber es ist leichter, seinen Kleidungsstil zu ändern als seine Ernährungsgewohnheiten.“ Nicht umsonst ist ihr deshalb Nachwuchsarbeit wichtig: „Nach meinem Studium der Politik- und Erziehungswissenschaft an der Universität Münster habe ich zunächst als Bildungsreferentin gearbeitet.“ 

Immer mehr Ernährungsräte schließen sich weltweit zusammen – mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum: Zuletzt besuchte Annelie Sieveking den ersten Vernetzungskongress mit über 100 Teilnehmern aus 40 Städten in Essen. 



Autorin: Marietta Hülsmann