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Irland und der Brexit: Bloß keine Grenze!

09.07.2018 Faktisch existiert zwischen Irland und Nordirland keine Grenze mehr. Der Brexit könnte sie zurückbringen und Irlands Wirtschaft schwächen. Dabei wäre ein nordirischer Sonderstatus vorteilhaft für Großbritannien und Irland. Der irische Jurist und Gastwissenschaftler Dr. Patrick O’Callaghan im Interview.

Rindfleisch, Medikament, Maschinen: Irland ist eine Export-Nation und liefert auch nach Großbritannien. Welche Konsequenzen befürchten Sie durch den Brexit? 

Wir sind sehr abhängig vom Vereinigten Königreich. Es ist unser größter Wirtschaftspartner. In bestimmten Bereichen exportieren wir 60 bis 70 Prozent der Waren nach Großbritannien. Wenn es noch möglich ist, sollte Großbritannien in der Zollunion bleiben. Größter rechtlicher Streitpunkt ist aber zurzeit die Grenze zwischen Irland und Nordirland. Es wird über eine harte und weiche Grenze diskutiert. In Irland will aber niemand überhaupt eine Grenze. Wenn Sie heute von der Republik Irland nach Nordirland fahren, merken Sie nur an den Straßenschildern und der anderen Währung, dass sie in Großbritannien sind. Vom alten Konflikt ist nichts mehr zu spüren.

Könnte sich dieses gute Verhältnis durch den Brexit wieder verschlechtern?

Nein, das denke ich nicht. Es gibt zwar eine starke politische Rhetorik, die ich gut verstehen kann: Sowohl für Irland und die ganze EU ist es von großem Interesse, dass Großbritannien bleibt. Aber die Beziehungen zwischen der normale Bevölkerung werden weiterhin sehr eng sein. Es gibt viele familiäre, aber auch kulturelle Verbindungen. Dennoch sind viele Iren über den Brexit enttäuscht, aber sie wissen auch, dass nur eine kleine Mehrheit für den Austritt aus der EU gestimmt hat. Wenn aber die Bindungen zwischen den Menschen brechen würden, wäre das ein viel größeres Desaster als der Brexit.

Nordirland gehört politisch zum Vereinten Königreich, aber geografisch zu Irland. Welche Konsequenzen kann diese Rolle beim Brexit haben?

Mir wäre es am liebsten, wenn Nordirland einen Sonderstatus bekäme, also sowohl zum Vereinigten Königreich als auch zur EU gehören könnte und damit in beide Gebiet zollfrei exportieren könnte. Auch Irland könnte weiter freien Handel mit Nordirland treiben. Was viele nicht wissen: Alle, die auf der Insel geboren wurden, haben Anspruch auf die irische Staatsbürgerschaft. Dies steht in der irischen Verfassung. Dennoch wird Nordirland die wirtschaftliche Sonderrolle nicht erhalten, denn die protestantische „Democratic Unionist Party (DUP)“ ist dagegen. Sie möchten das Nordirland genau wie Schottland und Wales zum Vereinten Königreich gehört. Ihre Macht ist groß, denn die DUP ist seit vergangenem Sommer Mehrheitsbeschafferin für Theresa Mays konservative Minderheitsregierung. Dabei haben zwei Drittel der Menschen in Nordirland gegen den Austritt votiert. Parteipolitik und die Meinung der Menschen gehen stark auseinander. Seit dem Brexit gibt es deshalb immer mehr Menschen, die sich für die irische Staatsbürgerschaft entscheiden.

Kann Irland dennoch vom Brexit profitieren? Gerade für Studierende aus dem Ausland dürften irischen Universitäten eine willkommene Alternative sein. 

Der Brexit hat sicherlich einige Türen für Irland aufgestoßen, wenn die Veränderungen auch noch nicht sehr groß sind. Aber ich denke beispielsweise an die Ansiedlung einiger Banken in Dublin. Es ist auch denkbar, dass viele Studierende nicht mehr nach England, sondern an die Universitäten von Dublin oder Cork kommen, weil Irland in der EU ist. Aber der Ruf englischer Universitäten ist so außergewöhnlich gut, dass ich daran kaum glauben kann. Bildung ist der britische Exportschlager. Englische Universitäten sind extrem prestigeträchtig. In Malaysia steht beispielsweise auf dem Grabstein, wenn jemand in England studiert hat. In meinen Augen ist das britische Bildungssystem immun gegen den Brexit. Irland wird also nur wenig in diesem Bereich profitieren, auch wenn es bei uns sehr gute Universitäten gibt. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Team-Teaching 

Seit fünf Jahren lehrt Gastdozent Dr Patrick O’Callaghan, Fellow an der University of Cork und Spezialist in der Rechtstheorie und der Rechtsvergleichung, an der Leuphana Law School gemeinsam mit Lesley Jane Smith, Professorin an der Leuphana, sowie der amerikanischen Gastwissenschaftlerin Dr Susan Wintermuth in einem intensiven Modulprogamm anglo-amerikanisches Recht. Bereits ab dem zweiten Semester dürfen sich die Studierenden mit Methoden und Ansichten im Umgang mit dem englischen, irischen und amerikanischem Recht auseinandersetzten.


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Prof. Dr. Lesley Jane Smith LL.M.
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Das Interview führte Marietta Hülsmann.