Meldungen aus der Forschung

Neu an der Leuphana: Professor Dr. Hannah Trittin – „Ethisches Handeln und Profitorientierung schließen sich nicht aus“

02.08.2018 Die Juniorprofessorin für BWL, insbesondere Wirtschaftsethik beschäftigt sich mit der sozialen Verantwortung von Unternehmen. Warum nachhaltiges Handeln immer wichtiger wird, zeigt die jüngste Vergangenheit.

Mittags im Büro: Ein Mann ächzt zwischen Papierstapeln. Zeit für eine Pause, Zeit für einen Schokoriegel. Der Angestellte reißt die Verpackung einer bekannten Waffelschnitte auf und beißt genüsslich in den Inhalt. Es knackt, der Mann hat Mühe zu kauen. Blut rinnt aus seinen Mundwinkeln, seine Kollegen sehen ihn entsetzt an. In der Verpackung war keine Schokowaffel, sondern der Finger eines Orang-Utans. 

Diese Geschichte ist Inhalt eines Videos, mit der eine Naturschutzorganisation Anfang  des Jahres 2010 auf die Regenwaldzerstörung durch Palmölherstellung aufmerksam machte. Durch die Rodungen verlieren auch heute noch viele Arten ihren Lebensraum - unter anderem Affen. Palmöl ist ein häufiger Lebensmittelzusatz und wird unter anderem in Schokolade verwendet. Mit dem Spot wendeten sich die Macher gegen einen Schweizer Nahrungsmittelgroßkonzern – mit riesigem Erfolg. „Das Video ging viral und löste einen Shitstorm gegen den Lebensmittelhersteller aus“, berichtet Hannah Trittin. 

Negative Kommentare werden nicht mehr gelöscht

Maßgeblich mitverantwortlich war der Konzern selbst, wie die Wissenschaftlerin erklärt: „Das Unternehmen löschte die negativen Kommentare unter dem Internet-Video.“ Diese Aktion mobilisierte weitere Kritiker*innen sowie die internationale Presse. „Der Konzern geriet so stark unter Druck, dass er einen ,Round Table for Sustainable Palm Oil‘ etablierte.“ Wie soziale Medien die Kommunikation von Unternehmen beeinflussen, ist eins der Forschungsthemen von Hannah Trittin. „Das einfache Sender-Empfänger-Modell funktioniert nicht mehr. Die Unternehmen können die Kommunikation nicht mehr selbst steuern“, erklärt die Wirtschaftsethikerin. Der Palmöl-Fall zeigt, wie mächtig Konsumierende sein können. Sie haben den multinationalen Konzern gezwungen, etwas zu ändern. „Mittlerweile wissen Unternehmen aber wie sie mit sozialen Medien umgehen müssen. Beispielsweise würden keine negativen Kommentare mehr gelöscht“, erklärt Hannah Trittin. 

Im Gegenteil – heute ist der Stakeholder-Dialog oft Teil der Corporate Social Responsibility (CSR) Agenda von Unternehmen. CSR beschreibt den freiwilligen Beitrag der Wirtschaft zu einer nachhaltigen Entwicklung, der über gesetzliche Forderungen hinausgeht. „CSR ist unternehmerische Anwendung der Wirtschaftsethik“, erklärt Hannah Trittin. Aber sind CSR-Unternehmen auch erfolgreicher sind als andere? Oft sind sie es, denn unethisches Verhalten kann sehr teuer werden. „Man muss nur an den VW-Skandal denken“, erklärt Hannah Trittin. Aber auch die Finanzkrise ab 2007 - unter anderem ausgelöst durch die Immobilienblase in den USA - sieht Trittin klar als Ergebnis unmoralischen, da verantwortungslosen Verhaltens seitens der Banken. „Ein Umdenken ist nötig. Bisherige wirtschaftliche Modelle waren nicht erfolgreich“, schließt die Wissenschaftlerin. Deshalb gehören ethische Fragen für sie bereits ins Curriculum eines BWL-Studiums, denn dort könne man die Manager*innen von morgen am besten erreichen: „Nicht immer wird aber Wirtschaftsethik im BWL-Studium gelehrt. Die Leuphana ist vorbildlich.“

Diplomatische Kompetenz

Hannah Trittin selbst interessierte sich schon früh für Fragen der Gerechtigkeit und wollte gern größere Zusammenhänge besser verstehen: „Deshalb habe ich mich entschieden, Politik und Wirtschaft zu studieren.“ Nach dem Magister-Examen an der Universität Nürnberg-Erlangen wurde sie dort Projektmanagerin der „Model United Nations“. Bei dieser Simulationen stellen Schüler*innen und Studierende die Arbeit der Vereinten Nationen (UN) nach und lernen diplomatische Kompetenz. „Unser Team war im Rahmen der Arbeit mehrfach in New York und wurde von den Veranstaltern ausgezeichnet“, erinnert sich Hannah Trittin. 

Sie promovierte dann an der Universität Zürich und forschte dabei auch am CBS Centre for Corporate Social Responsibility (cbsCSR), Copenhagen Business School, Kopenhagen, Dänemark, wo sie kürzlich auch ein Research Fellowship erhielt. „Als Wirtschaftsethiker*in fragen wir uns, wo Unternehmen gesellschaftliche Probleme generieren, ohne die Wirtschaft verteufeln zu wollen. Schließlich können und müssen Unternehmen auch Teil der Lösung globaler Herausforderungen sein. Ethisches Handeln und profitorientiertes Handeln von Unternehmen schließen sich somit nicht aus“, erklärt Hannah Trittin. Allerdings ist  fraglich, ob Unternehmen alleine überhaupt in der Lage sind, große gesellschaftliche Herausforderungen wie beispielsweise Hunger, Armut oder die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft zu adressieren.

Als Mitorganisatorin eines DFG-geförderten Netzwerkes für Nachwuchsforscher*innen beschäftigt sich Hannah Trittin daher seit Kurzem mit der Frage, ob nicht andere Organisationen bzw. andere, neue Formen des Organisierens besser in der Lage sind, diese Herausforderungen anzugehen. „Isolierte CSR-Maßnahmen von Unternehmen haben ihre Grenzen. Als Management- und Organisationsforscherin finde ich es daher faszinierend zu untersuchen, was passiert wenn zahlreiche Akteure – seien es Politiker*innen, Manager*innen, Privatpersonen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen – neue Wege finden sich zu organisieren und gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen.“ Zukunftsweisend sei Wirtschaftsethik-Forschung insbesondere, wenn sie sich diesen neuen Formen des Organisierens widmet und deren gesellschaftlichen Einfluss näher untersucht, erklärt Hannah Trittin.



Autorin: Marietta Hülsmann