Meldungen aus der Forschung

Blockchains und Kontrolle. Dr. Oliver Leistert zur Mächtigkeit der Datensatzketten

21.08.2018 „Es findet eine stille Revolution statt“ sagt Dr. Oliver Leistert, der im Projekt „Complexity or Control?“ an der Leuphana zu einer zeitgenössischen Machtanalytik forscht. Weitgehend unbemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren mit Blockchains eine Technologie entstanden, die sich anschickt, in vielen Branchen tiefgreifende Veränderungen anzustoßen.

Blockchains sind miteinander in einem Netzwerk verbundene Ketten von Datensätzen. Dabei wird zwischen den einzelnen Knoten des Netzwerkes automatisch eine Übereinkunft darüber verhandelt, was zu welchem Zeitpunkt passiert. Die Ereignisse im Netzwerk werden in der Blockchain archiviert; diese Chronik der Ereignisse wird kryptographisch gesichert und kann rückwirkend nicht mehr geändert werden. Dadurch sind Blockchains wie ein Siegel – sie garantieren nachprüfbare Unveränderbarkeit in einer scheinbar flüchtigen digitalen Welt. „Blockchains sind womöglich eine Killer-Application, wie einst der Webbrowser – einfach und universal einsetzbar“, pointiert Leistert.

Noch immer verbinden die meisten Menschen mit Blockchains vor allem die Kryptowährung „bitcoin“. Dessen verteiltes Buchungssystem basiert auf dem Blockchain-Prinzip. Leistert dreht den Blick indes um und fragt, welche weiteren Anwendungen mit Blockchains möglich sind. „Dann wird schnell klar, dass eine Währung nur eine von vielen Möglichkeiten sind, denn im Kern können Blockchains überall dort ihren Einsatz finden, wo es darum geht, eine von Rechnern automatisch validierte Identifikation, Authentifizierung und Modulierung von digitalen oder sogar physischen Objekten zu betreiben.“
Schon jetzt ist zu beobachten, dass sich die Finanzbranche durch Blockchaintechnologien stark verändert. So werden zum Beispiel im Interbankenverkehr Zahlungen bereits mit der geschlossenen Blockchain von Ripple getätigt. Dies spart durch Automatisierung Löhne, doch gleichzeitig fallen durch den Einsatz von Blockchains menschliche Kontrollinstanzen weg. Eine breite Verwendung findet die Technologie zudem bereits in der Logistik oder der Verwaltung. So gibt es zum Beispiel in Schweden, einem Land, das schon sehr früh auf Blockchains setzte, immer weniger durch Notare gesicherte Grundbücher: durch Blockchaintechnologien wird eine neue Organisationsform aufgebaut und ein enormes Rationalisierungsversprechen gegeben. „Mit Blockchains wird die Organisationsfrage transversal durch alle systematisch verknüpften Bereiche der modernen Welt neu gestellt“, erklärt Leistert.
Dabei finden die Änderungen der Organisationsformen von Nutzer*innen meist unbemerkt statt. Umso mehr, als das Neue, das mit Blockchains kommt, von außen nicht sichtbar ist – die Interfaces ändern sich nicht groß.

Kein Raum für Devianzen

Das Vordringen von Blockchains in Verwaltungs- und Managementprozesse schränkt aber auch Handlungsfähigkeit ein. Denn Blockchains funktionieren über ein Protokoll, welches Ereignisse unveränderbar niederlegt. Alles, was sich nicht protokoll-kompatibel einhegen lässt, die ganze Diversität der nicht-digitalen Welt, bleibt auf der Strecke.
Auch lässt sich mit einer Blockchain schlecht streiten: während der Anruf im Call Center gewisse Devianzen toleriert, etabliert sich mit der maschinischen Chronik der Ereignisse eine neue Form souveräner Medien, die vorgibt, was ist und was nicht ist. „Diese Mächtigkeit von Blockchains ist auch gleichzeitig deren Begrenzung, denn nicht alle gesellschaftlichen Prozesse lassen sich entsprechend modellieren.“ Dennoch glaubt Leistert, dass Blockchains sich in wenigen Jahren in die Textur unserer technischen Welt verwebt haben werden.

Digitale Bezahlung

Im Bereich der Kryptowährungen entsteht ein Internet der Werte. Dieses reguliert Knappheit über Tokens, also Bezahlsysteme, die nicht über Geld, das Banken herausgeben, funktionieren. Das ist insofern etwas Besonderes, als sich Wirtschaft und Politik ansonsten an den Grundsatz hielten, dass es nur ein Geld gibt und dieses Geld vom Staat kommt. Andere Vorstellungen galten als Tabu. „Erstmals in der Geschichte der sogenannten neuen Technologien ist Geld kein Tabu mehr. Eine Pluralität der Währungen und damit auch von Werten rückt in greifbare Nähe. Zwar sind von den rund 1400 Tokens, die gehandelt werden, nur wenige mit einer ernstzunehmenden Halbwertszeit ausgestattet. Insgesamt aber ist der Effekt einer Technik, die beliebig Tokens für bestimmte Zwecke generieren kann, kaum abzusehen“, ist Leistert überzeugt und ergänzt, dass digitale Blockchain-Währungen Projekte der Sharing Economy unterstützen. „Flankiert wird dieser Schub des Internets der Werte mit dem Internet der Dinge und insgesamt einer Aushandlung darüber, wie wir in digitalen Kulturen bezahlen, bewerten und wer als Intermediär auftritt.“ Dieser Aspekt der Digitalisierung wurde bislang zu wenig behandelt.

Es ist dieser Komplex, der einer automatischen Verwaltung von Werten, die an Objekte gekoppelt ist, den Leistert aus machtanalytischer Perspektive medien- und technikwissenschaftlich bearbeitet. „Dabei treten, und dies macht das Thema so reizvoll,“ so Leistert, „Reibungen mit bestehenden, segmentierten Feldern auf, und zwar an unvorhersehbaren Stellen. Im Prinzip wird durch Blockchains die Verfasstheit der bürgerlichen Gesellschaft – Vertragswesen, Eigentumsfragen und Funktionsträger – neu moduliert, indem eine maschinell betriebene Kontrolle der Dinge und Dienste Einzug in den Alltag erhält.“ Für Leistert ist die Frage vollkommen offen, inwiefern hiermit eine Entlastung eintritt, oder ob sich Blockchains als endgültiges Ende menschlicher Handlungsfähigkeit erweisen. „Das wissen wir in zehn Jahren“, so Leistert.


Blockchains sind miteinander in einem Netzwerk verbundene Ketten von Datensätzen - wie die einzelnen Glieder einer Girlande.

Die meiste Forschung zu Blockchains ist affirmativ und behandelt diese als wertfreies Tool. Leisterts einzigartiger Ansatz ist es, durch eine Offenlegung der machtanalytischen Aspekte von Blockchains eine kritische Rede über Blockchains überhaupt zu ermöglichen.


 

Autor: Martin Gierczak