Meldungen aus der Forschung

Neu an der Leuphana: Prof. Dr. Jacqueline Loos – „Jeder vierte gezählte Elefant ist ein toter Elefant“

03.09.2018 Wilderei, Siedlungswachstum, Raubbau: Schutzgebiete stoppen oft nicht das Artensterben. Wie die Einbindung der lokalen Bevölkerung dies ändern könnte, erforscht die Landschaftsökologin. Die Robert-Bosch-Stiftung fördert sie dafür mit einer Millionen Euro.

Jacqueline Loos hatte als Kind ein ungewöhnliches Hobby: Sie sammelte Müll auf Spielplätzen. Das tut sie heute noch, wenn sie mit ihrer kleinen Tochter unterwegs ist. „Müll macht mich traurig“, erklärt die Juniorprofessorin für nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen. Herumliegender Abfall ist für sie Zeichen einer gestörten Mensch-Natur-Beziehung. Dennoch ist Jacqueline Loos keine Misanthropin – im Gegenteil: „Der Mensch ist nicht nur Zerstörer, sondern auch Schaffer von Lebensräumen.“ Sie setzt beim Verhältnis Natur-Mensch an. Mit ihrem Forschungsvorhaben „Wildlife, Values, Justice: Reconciling Sustainability in African Protected Areas“ wird die Robert-Bosch-Juniorprofessorin die Auswirkungen unterschiedlicher Verwaltungsstrukturen in Naturschutzgebieten in Tansania und Sambia untersuchen. Die beiden Länder in Subsahara-Afrika rechnen in den kommenden Jahren mit einem enormen Bevölkerungszuwachs. Bislang haben die dort bestehenden Schutzgebiete nicht nachweisbar zu einem Rückgang im Artensterben geführt. „Jeder vierte gezählte Elefant ist ein toter Elefant. Wilderei ist immer noch ein riesiges Problem“, berichtet Jacqueline Loos. „Wenn wir wollen, dass Schutzgebiete richtig funktionieren, muss auch die lokale Bevölkerung davon profitieren. Dazu müssen wir ihre Bedürfnisse aber kennen, berücksichtigen und sie in Entscheidungsprozesse miteinbeziehen.“ Für Jacqueline Loos hat Nachhaltigkeit deshalb sehr viel mit Gerechtigkeit zu tun. 

Israel, Vietnam, Rumänien

Bereits zu Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere forschte sie im Ausland: Ihre Diplom-Arbeit in Umweltwissenschaften schrieb sie zur Smaragdeidechse in Israel. Danach entschied sich für ein Forschungsprojekt in Vietnam, wo sie sich mit Lebensräumen neu entdeckter Gecko-Arten beschäftigte. Danach kehrte sie an die Leuphana zurück und promovierte in der Landschaftsökologie zur nachhaltigen Landnutzung in Rumänien. Rumänien ist auch ein Schauplatz ihrer aktuellen Forschung. Das osteuropäische Land ist ein Paradies für Naturliebhaber: In kaum einem anderen europäischen Land ist die Artenvielfalt so hoch. Ein Grund ist die oft noch traditionelle Bewirtschaftung der Äcker. Pferde ziehen die Pflüge, das Korn wird von Hand geschnitten und die Betriebe sind klein. Das ist zwar ökologisch nachhaltig, aber oft nicht gewinnbringend. „Deshalb setzen immer mehr Bauern auf Maschinen und Monokulturen“, berichtet Jacqueline Loos. Und so nimmt das Artensterben auch in Rumänien Fahrt auf. „Wir beschäftigen uns dort mit einem ehemals sehr häufigen Schmetterling. Heute ist er sogar in Naturschutzgebieten rar.“ Auch in Rumänien möchte Jacqueline Loos versuchen, die Interessen der Bevölkerung mit den Anforderungen des Artenschutzes zu vereinen. Was haben die Menschen davon, wenn dieser Schmetterling erhalten bleibt? „Der Wert eines Schmetterlings ist für den Menschen nicht direkt so ersichtlich wie beispielsweise bei den Wildbienen. Wir möchten wissen, mit welchen Schutzstrategien die lokale Bevölkerung bereit ist, den Schmetterling zu schützen, auch ohne dass sie seinen Nutzen sofort erkennen.“ Sind diese Mechanismen bekannt, könnten sie auch auf andere Arten und den Naturschutz allgemein angewendet werden. Das Bundesamt für Naturschutz und das Umweltbundesamt fördern dieses Beratungshilfeprojekt.

Auch wenn Jacqueline Loos in ihrem Studium insbesondere die naturwissenschaftlichen Aspekte der Umweltwissenschaften interessierte, suchte sie früh den Weg in die Interdisziplinarität. „Ich bezeichne mich deshalb nicht als Ökologin, sondern als Nachhaltigkeitswissenschaftlerin.“ Gerade in den Stakeholder-Projekten wendet Jacqueline Loos auch sozialwissenschaftliche Methoden an. Dennoch bleibt die Natur für sie immer im Fokus. Von ihrer Kraft war sie schon als Kind beeindruckt. Sie beteiligte sich an Vogelzählungen, war bei den Pfadfindern und beobachte, wie Wildblumen fast komplett asphaltierte Flächen aufbrachen: „Die Natur wird immer stärker sein als der Mensch.“

Dennoch: „Der Großteil der Erdoberfläche ist bereits vom Menschen beeinflusst“, erklärt Jacqueline Loos. Auch im Biodiversität-Hotspot Südafrika verschwinden durch den Weinanbau immer mehr trockene Buschland-Habitate, die wichtige Lebensräume für oft seltene Pflanzen und Schmetterlinge sind. Jacqueline Loos forscht aber nicht nur zu Insekten, sondern möchte auch die Erfassung von afrikanischen Großtieren wie Giraffen oder Elefanten verbessern. Dazu wird sie moderne Ansätze wie Drohnenaufnahmen verwenden, um eine bessere und kosteneffizientere Langzeitbeobachtung zu ermöglichen. Mit der Leuphana hat sie genau den richtigen Ort für ihre Forschung gefunden, findet die Wissenschaftlerin. „Die Unterstützung ist phantastisch – und ich brauche mich nicht groß zu erklären, wenn ich von Nachhaltigkeit spreche.“



Autorin: Marietta Hülsmann