Meldungen aus der Forschung

Transdisziplinäre Summerschool: 26 Nationen, eine Idee

08.10.2018 Komplexe Probleme können oft nur Hand in Hand gelöst werden: Seit 2012 veranstaltet Professorin Dr. Ulli Vilsmaier die Td Summer School mit Teilnehmenden aus aller Welt. In der ersten Septemberwoche wurde wieder fünf Tage lang über kooperative Forschung an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis diskutiert. Teilnehmende aus Bangladesch, Kenia und Georgien berichten.

Teilnehmende der diesjährigen Td Summer School mit dem Schwerpunkt Interkulturalität kamen unter anderem aus Nepal, Chile, Malaysia, Kurdistan, Ghana, Mexiko oder Japan. Sie sind NGO-Gründer, führen kleine Unternehmen oder sind Wissenschaftler*innen. „In vielen Ländern sind kooperative Forschungsformen an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Gesellschaft viel verbreiteter als in Mitteleuropa. Gerade viele lateinamerikanische Universitäten sind sehr stark“, erklärt Ulli Vilsmaier, Verwalterin der Professur Transdisziplinäre Methoden. Seit 2016 ist Vilsmaier auch in Lateinamerika mit der Summerschool zu Gast: Wir kooperieren mit Hochschulen, die besondere Formen der transdisziplinären Forschung etabliert haben, um wechselseitig zu lernen und das Wissen weiter zu geben.“

Die Td Summer School 2018 wurde vom Methodenzentrum in Zusammenarbeit mit dem UNESCO-Lehrstuhl Higher Education for Sustainable Development, dem Forschungsteam des CCP Projektes und dem Bridging the Great Divede Projekt der Leuphana Universität in Zusammenarbeit mit der Universidad Veracruzana, Mexiko und dem Nodo de Transdisciplina de Red Temática de Socioecosistamas y Sustentabilidad de CONACyT, Mexiko, veranstaltet.

Die WHO schätzt, dass jedes Jahr weltweit zwischen 1,4 und 4,3 Millionen Menschen an Cholera erkranken. Sollten die Temperaturen um 0,8°C ansteigen, so wird geschätzt, dass es in Bangladesch kurzfristig (2016-2035) rund 800.000 zusätzliche Fälle von mit Escherichia coli assoziierter Diarrhöe geben wird. Der Klimawandel könnte zu einer weiteren Ausbreitung dieser schweren Durchfallerkrankung führen, erklärt Mohammed Mofizur Rahman, Ökologe am International Centre for Diarrhoeal Disease Research, Bangladesch.

Dort gehört er einem inter- und transdisziplinären Team an, das sich der Bekämpfung von Epidemien verschrieben hat: „Wir arbeiten unter anderem mit Gesundheitswissenschaftlern, Ernährungswissenschaftlern, Epidemiologen, Demographen, Sozial- und Verhaltensforschern zusammen“. Für Rahman sind Inter- und Transdisziplinarität die richtigen Antworten auf komplexen, von Umweltveränderungen verursachten Gesundheitsfragen. „Als Ökologe gehören Arbeiten auf dem Feld, im Labor und mit Menschen zu meinen Aufgaben. Die Ergebnisse unserer Studien müssen in sinnvoller Weise auf die Gesellschaft übertragen werden. Mit Tabellen voller Zahlen kann ich die Leute nicht überzeugen. In ländlichen Gebieten, in denen es den Menschen an einer angemessenen formalen Bildung mangelt, bleibt Wissenschaftlicher Fachjargon wirkungslos. Die Transdisziplinäre Sommerschule war eine faszinierende Erfahrung in den Bereichen methodische Orientierung, Wissenschaftskommunikation und Entscheidungsfindung. Ich habe viel über Fallstudien gelernt, will sagen: Wie studiert man einzelne Fälle, und wie kann man Menschen mit Geschichten besser erreichen?“

Gemeinsame Problemlösung mit der lokalen Bevölkerung

„In Kenia arbeiten wir viel transdisziplinär, weil wir wissen, dass viele Probleme nur gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung gelöst werden können“, erklärt Fonda Jane Awuor. Die Sozialökonomin schreibt ihre Masterarbeit und arbeitet am Kenya Marine and Fisheries Research Institute (KMFRI). Wissenschaftler führen multidisziplinäre und gemeinsame Forschungen zu marinen und Süßwasserökosystemen durch. Dann geben sie Empfehlungen zum Management ab.

„Ich arbeite Hand in Hand mit Naturwissenschaftlern. Meine Aufgabe ist es, die wirtschaftliche Seite zu bewerten (wie z.B. Aquakultur-Wertschöpfungsanalyse, Öffentlichkeitsarbeit, usw.)“, erklärt Fonda Jane Awuor. „Beispielsweise stehen viele Fischzüchter vor der Herausforderung, Zugang zu erschwinglichen Fischfuttermittel und hochwertigem Fischsaatgut zu erhalten. Der KMFRI zielt darauf ab, Lösungen für solche Herausforderungen zu finden, die Engpässe für eine nachhaltige Fischproduktion darstellten. Darüber hinaus zielt unsere Forschung darauf ab, die wirtschaftliche Eigenverantwortung gefährdeter Gruppen wie Frauen und Jugendliche durch die Erweiterung der Geschäftsmöglichkeiten zu stärken. Transdisziplinarität ist für mich so wertvoll, weil sie alles verbessert. Wir recherchieren nicht nur, wir bringen Veränderungen zustande. Die Sommerschule ist daher für mich der ideale Ort, um mich mit Forschern aus aller Welt auszutauschen und ihre Ansätze und Methoden kennenzulernen.“

„In Georgien kann Transdisziplinäre Forschung eine nachhaltige Entwicklung mit sich bringen“

Hochalpine Gebirgszüge des Großen Kaukasus, die Höhlenstadt Wardzia oder die Strände des Schwarzen Meeres: Georgien ist reich an kulturellen Schätzen und atemberaubenden Landschaften. Kein Wunder, dass sich das südkaukasische Land zunehmend zu einem beliebten Urlaubsziel entwickelt. Der Ökonom Merab Khokhobaia, Wissenschaftler der Staatlichen Universität Tiflis, möchte diese Entwicklung nachhaltig mitgestalten – zusammen mit Vertretern von Wissenschaftlern aus den verschiedenen Disziplinen und der Gesellschaft:

„In Georgien kann Transdisziplinäre Forschung eine nachhaltige Entwicklung mit sich bringen. Deshalb freue ich mich, auf der Leuphana einen Gedankenaustausch zu führen und die Projekte der anderen Teilnehmer kennenzulernen“, erklärt der Wissenschaftler. Der expandierende Tourismus kann einem aufstrebenden Land wie Georgien helfen, Arbeitsplätze zu schaffen, die Armut zu mindern, aber auch das Bewusstsein der Bevölkerung für den Wert ihres kulturellen Erbes zu stärken. Von der Intensivierung der georgischen Tourismusindustrie erwartet Khokhobaia nicht nur positive Folgen: „Wir sollten bereit sein, die negativen Auswirkungen der Tourismusindustrie zu reduzieren“. Aus seiner Sicht wird es Aufgabe der Universitäten sein, durch aktive Zusammenarbeit mit der Gesellschaft nachhaltige Tourismusstrukturen aufzubauen.


Kontakt

Apl. Prof. Dr. Ulli Vilsmaier
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Autorin: Marietta Hülsmann