Meldungen aus der Forschung

Leverage Points: Kleine Veränderung, große Wirkung

21.01.2019 „Wir reden seit 40 Jahren über Nachhaltigkeit. Doch fundamental hat sich nicht viel getan“, sagt Dr. Daniel Lang, Professor für transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung. Dabei sind Themen wie Klimawandel, Artensterben oder Flüchtlingsströme aktueller denn je. Bei der Konferenz „Leverage Points 2019“ sollen innovative wissenschaftliche Konzepte zur Lösung vorgestellt und diskutiert werden.

Komplexe Systeme bestehen aus vielen kleinen Einheiten. Häufig wird versucht diese Systeme durch Eingriffe „von oben“ zu verändern, beispielsweise durch Verordnungen oder Gesetze. Nicht selten zeigen aber gerade Änderungen an kleinen Einheiten weitreichende Wirkung. Ein Team von über 20 Forscher*innen macht sich im Rahmen des Projekts „Leverage Points“ auf die Suche nach solchen Stellschrauben, an denen angesetzt werden kann, um eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Daniel Lang, Sprecher des Projekts, wünscht sich einen Perspektivwechsel: „Bisherige Ansätze haben nicht ausreichend gefruchtet.“ Deshalb untersuchen Forschende unter anderem Erfolgsgeschichten im Kleinen und fragen, wo Hebel zu nachhaltiger Veränderung angesetzt werden können. Thematisch geht es beispielsweise um Rückbesinnung zur Natur, Erarbeiten und Nutzen von Wissen oder die Umgestaltung politischer Institutionen. Ein Beispiel einer Erfolgsgeschichte, die im Projekt erforscht wird, beschäftigt sich mit Handarbeiterinnen in Siebenbürgen.

Ein scheinbar kleiner Einsatz sorgt dort für große Wirkung: 2001 wurde der Frauenverein „Viscri incepe“ gegründet, über den die Frauen die Herstellung ihrer Handarbeitsprodukte koordinieren und diese vertreiben. Bei den Produkten handelt es sich beispielsweise um gestrickte Socken und gefilzte Hausschuhe, deren Rohmaterial Wolle von den Schafen aus der Region stammt. Doch es geht um weit mehr als Wolle. Der Hebel setzt bei Gemeinschaft und Wertschätzung an. Die Frauen haben erfahren und erlebt, dass ihr Handwerk bedeutend ist und dass sie damit in ihrer Gemeinschaft etwas verändern können. Der Ansatz fruchtet: Die Frauen generieren durch ihre Arbeit einen zusätzlichen, saison-unabhängigen Verdienst. Dies ist besonders im Winter wichtig, wenn kein Einkommen durch die landwirtschaftlichen Tätigkeiten der Männer erzielt werden kann. Neben dem wirtschaftlichen Erfolg bewirkte der Verein auch weitere Veränderungen im Dorf: So etablierte er beispielsweise eine Nachmittagsbetreuung für Kinder, unterstützt die Fahrtkosten für Schüler*innen, die eine weiterführende Schule in der Stadt besuchen oder ermöglicht besseren Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, vor allem für Frauen.

Alte Denkmuster durchbrechen

Zwar werden bei Leverage Points auch klassische Methoden der Sozialwissenschaften angewendet, aber die Art des Forschens ist ungewöhnlich: Der Untersuchungsgegenstand wird auch mitgestaltet und nicht wie üblich nur beobachtet. Leverage Points versucht alte Denkmustern zu durchbrechen, um eine messbare Veränderung zu erreichen und zu einem Umdenken in Wissenschaft und Praxis beizutragen.

Dementsprechend wird es auf der gleichnamigen Konferenz vom 6. bis 8. Februar 2019 an der Leuphana neben traditionellen wissenschaftlichen Formaten auch Raum für neue Konzepte des Wissensaustauschs geben, wie beispielsweise im Bereich „Emerging ideas“. Dabei werden die drängendsten Probleme in Kurzform benannt. Bei den „Case based mutual learning“ Sessions tauschen sich Forscher*innen und Praktiker*innen anhand von konkreten Fallbeispielen aus. Auch hier verlässt Leverage Points ausgetretene Pfade und öffnet die Konferenz nicht nur für Forschende, sondern auch für nichtwissenschaftliche Akteure. Offenheit für neues Denken ist eine der Prämissen von Leverage Points. Nicht umsonst sagte Albert Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Erwartet werden bereits jetzt über 300 Teilnehmende verschiedener Disziplinen. Dazu gehören neben Nachhaltigkeitswissenschaftler*innen unter anderem Ökolog*innen, Psycholog*innen, Architekt*innen oder Sozialwissenschaftler*innen.
 



Autorin: Marietta Hülsmann