Meldungen aus der Forschung

Prof. Dr. Patrick Velte gehört zu den besten BWL-Forschern: Jung an der Spitze

07.02.2019 Beim aktuellen Ökonomen-Ranking der Wirtschaftswoche belegt der Professor für Accounting & Auditing Platz 2 der unter 40-Jährigen und ist zudem forschungsstärkster Professor für Wirtschaftsprüfung im deutschsprachigen Raum. Wie sieht eine moderne BWL für ihn aus?

Herr Professor Velte, Gratulation zu dieser Auszeichnung! Sie sind gerade einmal 38 Jahre alt und Autor von über 200 Publikationen. Wie schafft man das?

Vielen Dank, aber ich bin ja auch bereits seit 14 Jahren im Geschäft. Allein schafft man das natürlich auch nicht. Schon während meines BWL-Studiums habe ich die ersten Veröffentlichungen mit späteren Kollegen durchgeführt. Damals noch wie üblich auf Deutsch. Seit meiner Post-Doc-Phase in Hamburg habe ich dann verstärkt international veröffentlicht und darauf geachtet, die einschlägigen Zeitschriften-Rankings (VHB) zu berücksichtigen. Vorgezeichnet war mein akademischer Weg aber überhaupt nicht. Jedenfalls habe ich die BWL lange Jahre nicht geliebt. Erst nach meinem Diplom wusste ich, dass ich tiefer eintauchen möchte. 

Wie lernten Sie die BWL lieben?

In den letzten Jahren habe ich insbesondere durch die Leuphana gemerkt, dass man auch mit traditionellen und mit Vorurteilen behafteten BWL-Kernthemen wie Accounting & Auditing einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann. Beim Rechnungswesen denken viele als erstes an Erbsenzähler-Mentalität, Langeweile und Fokus auf finanzielle Aspekte. Aber das ist nicht so. Allein durch die jüngeren Regulierungen nach der Finanzkrise 2008/2009 ist die Corporate Social Responsibility nun auch in der Accounting- und Audit-Praxis angekommen. Verantwortungsvolle Unternehmensführung und „Accountability“ haben also sehr viel miteinander zu tun. 

Aber geht es am Ende nicht doch nur um Profitmaximierung?

Die BWL wandelt sich in Forschung und Lehre. Unternehmen haben eine gesellschaftliche Verantwortung und unsere BWL-Studierende fragen diese in letzter Zeit zunehmend nach. Natürlich gehören erfolgreiche Unternehmensführung und Gewinnerzielung auch dazu. Aber Manager von heute müssen die heterogenen Stakeholder-Interessen konsequent einbeziehen. Das ist ihre Pflicht. Auch auf Seiten der Investor*innen steigt die Nachfrage nach sozialen und umweltbezogenen Themen immer mehr (Sustainable Investors). Die Unternehmen können sich gar nicht mehr erlauben, diese auszublenden. Das wollen wir unseren BWL-Studierenden auch als Impulse mitgeben. Deswegen haben wir auch das finanzierte Projekt „Responsible Management Education“ für unseren Major BWL gestartet, um den Studierenden entsprechende ethische und nachhaltige Kenntnisse zu vermitteln. Was habe ich für eine unternehmerische Verantwortung gegenüber den in- und externen Stakeholdern? Über die Berufungspolitik der Leuphana konnten wir in den letzten Jahren immer mehr BWL-Professor*innen für unsere Fakultät gewinnen, die auch nachhaltig ticken. 

Hat das auch Ihre Forschung verändert?

Zu konservativen Financial Accounting & Audit-Themen publiziere ich nur noch wenig. Mir ist beispielsweise Gender- und Diversity-Forschung in der BWL sehr wichtig geworden, ich arbeite zu vielfältigen nachhaltigen Forschungsthemen wie nachhaltige Vorstandsvergütung oder Prüfung von Nachhaltigkeitsberichten. Auch meine Studierenden und Doktorand*innen forschen zu interdisziplinären Themen. Ich mische mich auch in den aktuellen Regulierungsprozess ein, wenn der deutsche Gesetzgeber wieder eine Nachhaltigkeitsvorgabe aus Brüssel umsetzen muss, wie zuletzt bei der neuen EU-Aktionärsrechte-Richtlinie aus 2017. Da müssen wir als BWL-Forscher weiterhin mitmischen. 

Eine moderne BWL ist also nachhaltig?

Fast. Die beiden großen Herausforderungen der BWL sind Nachhaltigkeit und digitale Transformation. Unsere Studierenden müssen fitter werden in Massendatenauswertung. Big Data heißt das Stichwort. Daher erlernen die Studierenden in unserem Master Management & Finance & Accounting die empirisch-quantitative Forschungsmethode mit der Statistik-Software STATA, um ökonomische Zusammenhänge mit großen Datensätzen zu testen. Die Auswertung von Social Media-Daten (z.B. Twitter) hat in der empirischen BWL-Forschung auch bereits begonnen. Die kurzen Wege an der Leuphana machen eine interdisziplinäre Forschung leichter möglich. In unserem Forschungszentrum „Digitale Transformation“ kooperieren z.B. Wissenschaftler*innen aus allen sechs Lehreinheiten der Fakultät miteinander. Mit Kollegen aus der Wirtschaftsinformatik arbeite ich beispielsweise aktuell in einem Forschungsprojekt zum Einsatz von Big Data-Technologien in der Wirtschaftsprüfung.

In den klassischen BWL-Themen fit zu sein reicht also nicht mehr, um in der Forschung erfolgreich zu sein?

Die Ansprüche und die Erwartungshaltung an Doktorand*innen in der BWL steigen kontinuierlich, Daten veralten durch neue Gesetzgebungen schnell und der Zeitdruck ist hoch. Auch sind Kreativität und Innovation für neue Forschungsthemen wichtig. Je länger man das Promotionsprojekt hinauszögert, desto schwieriger wird es – gerade wegen der Selbstmotivation. Nicht umsonst dauert das reguläre BWL-Promotionsstudium an der Leuphana vier Jahre. Meine Doktorand*innen promovieren mittlerweile fast ausschließlich kumulativ auf Englisch und pro Jahr sollte idealerweise ein Papier einreichungsfähig sein. Deswegen steigen wir auch gleich im ersten Master-Semester in die internationale Finance & Accounting-Literatur ein. Wer mit dem Gedanken spielt, später zu promovieren, muss genau wissen, auf was er sich einlässt und möglichst schnell fit werden.

Sie engagieren sich sehr in der Nachwuchsförderung und sind in den vergangenen fünf Jahren vielfältige Kooperationsbeziehungen aus der Praxis eingegangen.

Glücklicherweise haben viele mittelständische Prüfungs- und Beratungsgesellschaften aus Hamburg die Sinnhaftigkeit erkannt, durch gezielte Nachwuchsförderungen (z.B. Sponsoring von wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen oder Promotionsstipendiat*innen) uns finanziell zu unterstützen. Das ist eine ungeheure Bereicherung für unsere Arbeit. An dieser Stelle möchte ich allen Beteiligten meinen herzlichsten Dank ausschreiben. Zur Pflege dieses Netzwerks ist es wichtig, auch weiterhin in der anwendungsorientierten Forschung in Deutschland sichtbar zu sein. Wenn Sie eine Promotionsförderung aus der Praxis heraus generieren möchten, müssen die Forschungsthemen auch für die Unternehmenspraxis interessant sein. Wenn ich reine modelltheoretische Grundlagenforschung betreiben würde, hätte ich sicherlich große Schwierigkeiten, Drittmittel aus der Unternehmenspraxis zu generieren.  

Aber mischt die Wirtschaft dann nicht in Ihrer Forschung mit?

Ein klares Nein. Wir sind und bleiben völlig unabhängig in der Forschung. Auftragsforschung lehne ich immer ab. Ich weiß aber, dass es in Deutschland eine Generalkritik noch gibt. Das ist interessanterweise im Ausland überhaupt kein Problem. Promotionen, die auf eine spätere Praxiskarriere vorbereiten sollen, finde ich besonders wertvoll gerade in der BWL. Durch die steigende Zahl an BWL-Bachelor- und Masterabsolventen steigt meines Erachtens die Attraktivität der Promotion als Marktsignal. Und promovierte Praxisvertreter sind für unsere Arbeit wichtig: Nur so können wir in unserem Master überhaupt Lehrbeauftragte aus der Praxis für Veranstaltungen einsetzen. Die Firmen gewinnen dadurch auch, denn sie nehmen früh Kontakt zu den späteren Kompetenzträgern auf. Gerade in den Bereichen Auditing & Tax wird derzeit händeringend nach Fachexperten gesucht, die offen sind für Nachhaltigkeit und Digitalisierung. Meine erfolgreichen Alumni müssen jedenfalls nicht lange auf herausfordernde Tätigkeiten in der Prüfungs- und Beratungspraxis warten. 
 



Das Interview führte Marietta Hülsmann.