Meldungen aus der Forschung

„Würden Sie Ihr Kind in fremde Hände geben, wenn sie es gerade erst gerettet haben?“ Forschungsprojekt zum Vertrauen geflüchteter Eltern

15.02.2019 Henrike Friedrichs-Liesenkötter, Professorin für Bildungswissenschaften, insbesondere für Bildung mit digitalen Medien, Anna Henkel, Professorin für Kultur- und Mediensoziologie, Sybille Münch, Professorin für Theory of Public Policy, Onno Husen, Postdoktorand an der Professur für Sozialpädagogik und Philipp Sandermann, Professor für Sozialpädagogik, untersuchen in ihrem Forschungsprojekt „Integration durch Vertrauen“, welche Bedingungen für den Vertrauensaufbau geflüchteter Eltern gegenüber frühpädagogischen Angeboten relevant sind.

Eltern haben schon an sich gute Gründe, misstrauisch zu sein, wenn es darum geht, das eigene Kind über den Tag hinweg in Hände von Personen zu geben, die man doch im Grunde genommen kaum kennt. Kommt eine Fluchterfahrung hinzu und damit eine Zeit, die Tag für Tag von riskanten, überlebenswichtigen Entscheidungen geprägt war, gab es im eigenen Herkunftsland vielleicht weder Krippe noch Kindergarten und besteht die Grunderfahrung, dass der Staat, wie man ihn bisher kennengelernt hat, eine sehr bedrohliche Größe darstellen kann, dann gibt es noch viel mehr Gründe dafür.

Gleichzeitig haben Eltern berechtigten Anspruch auf Unterstützung. Ebenso haben Kinder Anspruch darauf, integriert und umsorgt zu werden. Der Faktor, der darüber entscheidet, ob man sein Kind von anderen Menschen betreuen lässt oder nicht, ist Vertrauen. Es gibt einige Situationen, in denen sich Menschen auf einmal in fremden gesellschaftlichen Kontexten wiederfinden, zum Beispiel auch bei Umzügen innerhalb des eigenen Landes. Fluchterfahrungen, so macht das Projekt deutlich, sind aber aus den genannten Gründen etwas Besonderes: Ihnen ging in der Regel eine prekäre Lebensphase, vielleicht sogar ein insgesamt prekäres Leben voraus und sowohl im Herkunftsland als auch während der Flucht spielte die Frage „Wem kann ich vertrauen und wem nicht?“ eine existenzielle Rolle.

An diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt an: Was ist nötig, damit geflüchtete Eltern begründet Vertrauen fassen können und was bedeutet es eigentlich zu vertrauen? Münch unterstreicht, dass gleich mehrere Seiten vom Zugang zu frühkindlicher Bildung profitieren: „Aus integrationspolitischer Sicht wird schon lange thematisiert, dass Eltern mit Migrationshintergrund ihre Kinder seltener in KiTas schicken, dass das aber gleichzeitig ein guter Weg wäre, spielerisch durch den täglichen Umgang mit deutschen Kindern oder solchen, die Deutsch als Muttersprache haben, den Spracherwerb ganz selbstverständlich zu erlernen. Gleichzeitig hat es natürlich auch einen Vorteil für die Eltern, wenn sie damit zum Beispiel in den Arbeitsmarkt oder auch nur in Sprachkurse integriert werden können, dadurch, dass sie einfach die Kinderbetreuung gesichert haben.“

Es gibt bislang nur wenig empirische Forschung zum Thema Vertrauen, erst recht nicht in Hinblick auf Eltern-, Frühpädagogik- oder Flucht-bezogenes Vertrauen. „Was man aus der Vertrauensforschung bisher weiß“, erklärt Sandermann, „ist, dass der Aufbau von Vertrauen enorm kontextabhängig ist. Wir können also das, was wir aus der allgemeinen Vertrauensforschung wissen, nicht unbedingt auf die Frage nach dem Vertrauen von Eltern übertragen, und schon gar nicht auf den Kontext geflüchteter Eltern. Dazu gibt es bisher schlichtweg kein Wissen. Was wir aber wissen, ist, dass es generell einen engen Zusammenhang zwischen Personenvertrauen und Institutionenvertrauen gibt.“ Dieser Zusammenhang besteht in der Regel dahingehend, dass Personenvertrauen Institutionenvertrauen „sticht“: So würden die meisten Menschen sich für ein bestimmtes Unterstützungsangebot entscheiden, wenn sie der vermittelnden Person vertrauen und wären dafür auch bereit, zum Beispiel eine veraltete Einrichtung in Kauf zu nehmen. Was genau aber führt dazu, dass geflüchtete Eltern vermittelnden Personen und deren Organisationen vertrauen?

Vertrauensaufbau geflüchteter Eltern findet in den unterschiedlichsten Kontexten statt

In den Teilprojekten des Gesamtforschungsverbunds untersuchen die Wissenschaftler*innen das Querschnittsthema Vertrauen geflüchteter Eltern unter mehreren Aspekten: Friedrichs-Liesenkötter und ihr Team forschen zu digitalen Medien im Kontext frühkindlicher Bildung. „Digitale Medien spielen für geflüchtete Personen im allgemeinen eine sehr zentrale Rolle: für Kommunikation, für Orientierung, für die Suche nach Informationen, beispielsweise auch Arbeitsplatzsuche“, erklärt die Medienpädagogin. „Es gibt verschiedenste Willkommens-Apps, über die Infos vermittelt werden, aber man weiß eigentlich relativ wenig, wie diese überhaupt genutzt werden. Eine weitere Frage ist, inwiefern geflüchtete Eltern den gegenseitigen Austausch auch über informelle Kommunikationsprozesse mittels digitaler Medien nutzen, um sich über frühkindliche Bildung zu informieren und inwiefern kann dann auch wiederum Vertrauen generiert werden.“ 

In einem zweiten Teilprojekt unter der Leitung von Philipp Sandermann untersucht ein weiteres Forschungsteam die Rolle sozialer Dienste (von der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete über Migrationsberatungsstellen und das Jugendamt bis hin zu Job Centern, Arbeits- und Sozialämtern) für den Vertrauensaufbau von geflüchteten Eltern.

Im dritten Teilprojekt des Verbunds fokussiert Münch mit ihrem Team die Rolle ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe. Die Politologin erklärt den empirischen und demokratietheoretischen Hintergrund: „Man weiß aus Erhebungen, dass ein Großteil der Kinder von geflüchteten Eltern, die frühkindliche Angebote wahrnehmen, durch ehrenamtliche Flüchtlingshelfer zugeführt werden oder dass da eine erste Kontaktaufnahme stattfindet. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass ein Wechselverhältnis vorliegt: Vertrauen ist das Ergebnis von zivilgesellschaftlichem Engagement, aber andererseits auch die Voraussetzung für das Engagement in freiwilligen Organisationen oder Vereinen. Ich versuche, diese beiden Dimensionen zusammenzuführen.“

Ein viertes Forschungsteam um Anna Henkel und Philipp Sandermann widmet sich querschnittlich der Frage, welche Rolle leiblich-körperliche Praktiken (von Händeschütteln und Körperabständen bis hin zu Augenkontakt und raumbezogenen Strukturen sowie Wahrnehmungen) für den Vertrauensaufbau geflüchteter Eltern gegenüber frühpädagogischen Angeboten spielen.

Im fünften Teilprojekt unter der Leitung von Philipp Sandermann und Onno Husen wird über eine quantitative Fragebogenerhebung exploriert, welche kontextübergreifenden und welche spezifischen Faktoren für den Vertrauensaufbau geflüchteter Eltern relevant sind.

Impact

Der Transfer der Ergebnisse des Projektes in die Praxis ist fest eingeplant. Daher findet sich hierfür ein sechstes, eigenes Teilprojekt innerhalb des Verbundes. „Also ich verstehe Forschung eigentlich immer nur dann als wirklich interessant, wenn sie auch eine gesellschaftliche Bedeutung hat“, betont Sandermann. Das heißt aber paradoxerweise“, pointiert er, „dass man sich von der Idee verabschieden sollte, in einer bestimmten Richtung direkt Einfluss nehmen zu können. Stattdessen haben wir ein Thema identifiziert, dass eine breite Relevanz hat. Man könnte sagen: das ist eine Gruppe von Menschen, die Aufmerksamkeit verdient.“ Geflüchtete Eltern standen in bisheriger Forschung wenig im Vordergrund und auch in den Medien wurde häufig der Eindruck vermittelt, nur junge Männer seien geflüchtet. Sandermann und das Gesamtteam des Verbundes forschen somit explorativ: „In erster Linie geht es uns darum, das Phänomen des Vertrauensaufbaus geflüchteter Eltern besser zu verstehen. Und dann mit diesem Verständnis auf Menschen und Organisationen zuzugehen, die in entscheidenden Funktionen sind. Wenn hier dann auch besser verstanden wird, wie der Kontakt mit geflüchteten Eltern für beide Seiten produktiv gestaltet werden kann, so sind die Chancen groß, dass es in Zukunft mehr geflüchtete Eltern gibt, die eine Unterstützung durch frühpädagogische Angebote in Anspruch nehmen.“ 


Das Forschungsprojekt wird mit rund 800.000 Euro aus dem Niedersächsischen Vorab der VolkswagenStiftung gefördert und ist als Zuschlag gänzlich an die Leuphana gegangen.


Autor: Martin Gierczak