Meldungen aus der Forschung

Promovierende im Porträt: Estève Boutaud – Das große Krabbeln

25.02.2019 Der französische Ökologe wollte gern bei einem der führenden Laufkäfer-Experten der Welt promovieren. Deshalb fuhr er mit seinem alten Peugeot von der Atlantikküste zur Leuphana.

Die Kisten mit Proberöhrchen sind fast bis zur Decke gestapelt. Dazwischen liegen in den Regalen Schaukästen mit Käfern, Bestimmungsliteratur und Präparierwerkzeuge. Es riecht säuerlich nach Konservierungslösungen. In den kleinen Plastikgefäßen werden Insekten aus verschiedenen Forschungsprojekten gesammelt: „Halboffene Verbundkorridore“, „BEF China“ oder „Ökokult“. Estève Boutaud hat bei allen mitgearbeitet und oder forscht aktuell dazu. Schon jetzt ist der Doktorand Co-Autor bei rund zehn wissenschaftlichen Publikationen, weitere sind in Arbeit. Deshalb verbringt der Ökologe viel Zeit im Labor. Gebeugt sitzt er an einem der großen Arbeitstische und blickt durch die Stereolupe auf eine Petrischale mit Käfern. Boutaud sortiert und bestimmt Insekten für die Datenaufnahme. Diese Tiere wurden in der Lüneburger Heide gefangen. Es sind alles Laufkäfer - die Leidenschaft des Franzosen. Wegen dieser Artengruppe schickte Boutaud nach seinem Ökologie-Studium an der Université Orleans eine Bewerbung zu Prof. Dr. Thorsten Aßmann. Der Tierökologie gehört zu den führenden Laufkäfer-Experten weltweit. „Aßmann forscht nicht rein ökologisch, sondern arbeitet auch zu Taxonomie. Die Beschreibung und Systematisierung neuer Arten wird sonst eher an Museen vorgenommen. Diese wissenschaftliche Vielfalt reizte mich“, erklärt Boutaud.

Auch er verfügt über eine sehr große Artenkenntnis und gehört damit zu einer seltenen, aber umso gefragteren Spezies. Die große Vielfalt der Natur weckte schon als Kind seinen Entdeckergeist. Boutaud wuchs in einem kleinen Dorf in der Nähe von Poitiers auf. Er musste nur aus der Haustür laufen, schon stand er inmitten von Wiesen, Wäldern oder an einem kleinen Fluss. Damals erkundete er die Gegend mit einer Schulfreundin, die sich sehr für Vogelkunde interessierte. „Sie hat mich mit ihrer Begeisterung angesteckt“, erinnert sich Boutaud. Schnell kannte er alle Vogelarten in der Gegend. Dann bestimmte er Bäume und Kräuter. Noch mehr faszinierte ihn, was auf Blättern, Ästen und dem Boden krabbelte: Käfer. „Sie bilden die artenreichste Gruppe innerhalb der Insekten. Ihre Biologie ist sehr vielfältig: Einige Arten sind Räuber, andere Pflanzenfresser oder Zersetzer. Käfer leben überall, einige Arten sogar im Wasser. Im Gegensatz zu vielen anderen Insektengruppen findet man Käfer auch im Winter in der Natur“, erklärt Boutaud. Um mehr über die Tierwelt zu erfahren, lieh er sich damals als Teenager Bücher über Käfer und andere Insekten in der Dorfbücherei aus. Heute veröffentlicht er als wissenschaftlicher Mitarbeiter selbst.

Forschungsergebnisse für Bundesnetzagentur

Zuletzt flossen Forschungsergebnisse, an denen er beteiligt war, in die Bewertung der bundesweiten Höchstspannungstrasse durch die Bundesnetzagentur ein. Beim Bauvorhaben werden Erdkabel durch ganz Deutschland verlegt. Die Trasse soll auch durch die Lüneburger Heide führen und könnte dort Lebensräume zerschneiden. „Gerade für ausbreitungsschwache Arten wird das möglichweise zum Problem“, erklärt Boutaud. Halboffene Verbundkorridore könnten diesen Tieren helfen, ihren Lebensraum wieder zu erweitern. Die Korridore orientieren sich an natürlichen Wald-Offenland-Übergängen und verbinden getrennte Habitate. Im Experiment konnte gezeigt werden, dass ungeflügelte Laufkäfer die Übergänge nutzen. Aufgrund dieser wissenschaftlichen Ergebnisse werden halboffene Korridore im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide bereits entwickelt, wie Boutaud berichtet.

Das aktuelle Forschungsprojekt „Ökokult“ führt den Entomologen wieder in die Lüneburger Heide. Dort bearbeitet ein interdisziplinäres Forscher*innen-Team Fragen zur Sicherung der Ökosystemdienstleistungen und Biodiversität von schonend bewirtschafteten Kulturlandschaften. Boutaud testet etwa, wie Laufkäfer auf unterschiedliches Management von Heidelandschaften reagieren. Laufkäfer eignen sich besonders für Naturschutz-Fragestellung, da diese Artengruppe sehr divers ist: Allein in Deutschland gibt es rund 550 Laufkäfer-Arten. Sie unterscheiden sich nicht nur in Größe und Form, sondern auch in ihrer Lebensraum-Spezialisierung und ihrem Ausbreitungspotential. Einige Arten können fliegen, andere nicht.

Oft bis nachts am Mikroskop

Am liebsten beobachtet Boutaud Käfer in der Natur. Regen, Kälte oder Hitze stören ihn wenig. Der Entomologe liebt die Feldarbeit bei jedem Wetter. Einen Teil seiner Forschungsarbeit hat er in den chinesischen Subtropen verbracht und dort im Rahmen des DFG-Projekts „BEF China“ zur Diversität von Waldökosystemen mitgearbeitet. Im Forschungshaus nahe der Untersuchungsflächen lief manchmal eine Ratte durch die Küche und vor Moskitos, die dort gefährliche Krankheiten übertragen können, schützte er sich mit einem starken Abwehrmittel. Boutaud mag Herausforderungen. Oft sitzt er bis nachts zu Hause an seinem eigenen Mikroskop, präpariert Käfer, bestimmt seltene Arten oder stöbert in der neuesten Forschungsliteratur. Manchmal nur um Kommiliton*innen bei deren Forschung zu unterstützen. Von Insekten und Wissenschaft bekommt Boutaud nie genug.


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Estève Boutaud
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Autorin: Marietta Hülsmann