Meldungen aus der Forschung

Klingende Erinnerungen – Neu an der Leuphana: Prof. Dr. Monika E. Schoop

20.03.2019 Es gibt immer weniger Zeitzeug*innen des NS-Regimes. „Musik kann gerade in dieser Situation ein wichtiger Teil des kollektiven Gedächtnisses sein“, sagt die Juniorprofessorin für Musikwissenschaft.

„Verfolgt und verraten. Vom Kerker bedroht. Freiwild für die Gestapo-Schergen“, so lautet eine Strophe des Liedes „Wilde Gesellen“ in der Fassung der Edelweißpiraten. Viele unangepasste Jugendliche nannten sich in der NS-Zeit so. Satt HJ-Kluft trugen sie Karo-Hemd, statt Hakenkreuz ein Edelweiß, statt gedrillt zu werden, wollten sie frei sein. Mit ironischen, teils stark regimekritischen Liedern riskierten einige der Edelweißpiraten ihr Leben.

Heute sind viele Lieder aus Konzentrationslagern, Ghettos und dem Widerstand vergessen. Dabei könnten sie helfen, Erinnerungen an die Schrecken des NS-Regimes wachzuhalten und Parallelen zu aktuellen rechten Strömungen zu zeigen, sagt Monika Schoop: „Es gibt kaum noch Zeitzeugen, die aus der NS-Zeit berichten können. Aber Musik ist ein zentraler Bestandteil von Erinnerungskultur und kann Menschen emotional ansprechen – ganz anders als ein Geschichtsbuch.“ Beispielhaft nennt sie Esther Bejarano und ihre Band, die Microphone Mafia. Die jüdische Musikerin überlebte Auschwitz, weil sie dort im Mädchenorchester Akkordeon spielte. Heute führt sie mit Rappern antifaschistische Lieder auf. 

„Die Musiker*innen werden zu Memory Agents“

Mit Methoden der Ethnologie und Soziologie wie teilnehmende Beobachtung und Interviews forscht die Musikethnologin gemeinsam mit Wissenschaftler*innen der Universität zu Köln im DFG-Projekt „Klingende Erinnerungen: NS-Widerstand und Verfolgung in zeitgenössischer Musik aus Deutschland“. Das Projekt untersucht musikalische Praktiken, die sich aktiv mit der Erinnerung an die NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen. Der Fokus liegt dabei auf Widerstand gegen und Verfolgung durch das NS-Regime. Monika Schoop fokussiert sich insbesondere auf die aktuelle Medialisierung und Performance von Widerstandsliedern aus der NS-Zeit. Namentlich untersucht sie das Edelweißfestival in Köln. Gerade im Rhein-Ruhr-Gebiet war die Jugendbewegung während der NS-Zeit stark. Heute erinnern engagierte Menschen an die Zeit. „Die Musiker*innen werden zu Memory Agents“, erklärt Monika Schoop. Im Verlauf von „Klingenden Erinnerungen“ wird sie als teilnehmende Beobachterin das Edelweißpiratenfestival mitorganisieren. Mit ihrer Forschung füllt die Wissenschaftlerin eine Leerstelle: „Gerade erst war ich auf einer Konferenz in den USA. Das Feld war für die anderen Forschenden völlig neu.“ 

Die Musikwissenschaftlerin forscht gern zu Themen außerhalb des Mainstreams. In ihrer Promotion an der Universität Hildesheim beschäftige sie sich mit der Musikindustrie auf den Philippinen. Durch die Digitalisierung habe sich die Branche dort von transnationalen Major-Labels emanzipiert – negativ wie positiv: „Einerseits entstanden viele kleine Indie-Labels und Tonstudios. Andererseits gibt es deutlich mehr Raubkopien.“ Dies hänge auch mit der gesellschaftlichen Kluft auf den Philippinen zusammen: Viele Menschen könnten sich reguläre CDs kaum leisten. Umso mehr gelte die Schallplatte heute als Statussymbol – für Fans und Bands. Auf den Philippinen gibt es kein Presswerk, was die Exklusivität noch einmal erhöht. 

Monika Schoop erklärt das allgemeine Schallplatten-Revival über die Haptik und das sinnliche Erleben: „In den Rillen wird die Musik quasi sichtbar und das Auflegen einer Platte ist für viele eine Art Ritual. Das steht im Kontrast zu körperlosen Musik-Dateien.“ Die Wissenschaftlerin selbst hört am liebsten Indie, Punk, Hardcore und Singer-Songwriter-Musik. Ihre Instrumente sind E-Gitarre, Schlagzeug und Ukulele. Populäre Musik ist auch in der Lehre ihr Schwerpunkt. 



Autorin: Marietta Hülsmann