Meldungen aus der Forschung

„Wir sind nicht das böse Kind von Mutter Natur“ – Prof. Dr. Michael Braungart im Interview

03.04.2019 Das rund 20 Jahre alte Grundlagenwerk „Cradle to Cradle“ des Professors für Ökodesign ist jetzt in der Penguin-Reihe „Patterns of life: Special Editions of groundbreaking science books“ erschienen. Ein wissenschaftlicher Ritterschlag für den Chemiker und Visionär.

Herr Professor Braungart, Ihr Buch ist nicht nur in der gleichen Reihe wie Charles Darwins „The Origin of species“ erschienen. Es ist auch essbar.

Ja, ich könnte hineinbeißen. 

Cradle-to-Cradle-Produkte sind also grundsätzlich ungiftig?

Es kommt auf den Kreislauf an. In der Biosphäre ist Kupfer ein Schadstoff, in der Technosphäre ein wichtiger Rohstoff und nahezu endlos einsetzbar. Mir geht es darum, dass alles Nährstoff wird. Dinge, die verschleißen wie Schuhsohlen, Reifen oder Waschmittel sollten von Anfang an so produziert werden, dass sie der Biosphäre nutzen. Alle Dinge, die nur benutzt, aber nicht verbraucht werden, gestalten wir so, dass sie für die Technosphäre nützlich sind. Dadurch können wir viel schönere und viel bessere Produkte erzeugen. 

Dennoch leben wir in einer Wegwerf-Gesellschaft.

Echte Paradigmenwechsel brauchen Zeit. Die meisten Menschen denken immer noch nach dem Prinzip „Von der Wiege zur Bahre“ Wir sagen aber: „Von der Wiege zur Wiege.“ Ein Produkt, das nur zu Abfall wird, ist ein dummes Produkt. Bis jetzt haben wir versucht, die falschen Dinge perfekt zu machen. Jetzt sind sie perfekt falsch. Oder anders gesagt: Nur weil etwas weniger schlecht ist, ist es nicht gut. Reifen halten heute doppelt so lange, der Feinstaub durch den Abrieb entsteht trotzdem. Außerdem ist der Abrieb der Autoreifen jetzt noch viel schädlicher, da er jetzt viel leichter eingeatmet wird und als Mikroplastik in die Ozeane gelangt, da der Feinstaub von 470 Reifenchemikalien jetzt viel feinteiliger ist.

Aber wir bemühen uns nachhaltiger zu werden.

Nachhaltig ist nur das Minimum. Wir müssen nützlich werden. Denken Sie nur an den Grünen Punkt! Er hat der Umwelt nichts gebracht. In Supermärkten werden rund 60 000 Produkte angeboten, aber wir haben nur drei Tonnen um den Abfall zu trennen. Ein Joghurtbecher enthält etwa 600 verschiedene Chemikalien, um nicht zu brechen, möglichst leicht und billig zu sein. Die Komponenten können wir nie wieder trennen. Solche Produkte sind krank.

Was macht Cradle-to-Cradle-Produkte besser?

Sehen Sie, niemand kauft eine Waschmaschine, um sie zu besitzen. Wir möchten sie wegen der Waschleistung haben. Unternehmen sollten also besser 3000 Mal Waschen verkaufen. Die Maschine geht danach wieder ans Unternehmen zurück. Sie ist so gebaut, dass alle Teile leicht zu recyceln sind und kein Wert verloren geht. Das wird nicht teurer. Im Gegenteil: Verbraucher bekommen ein besseres und schöneres Produkt, weil das Unternehmen mehr in Qualität investiert. Die Maschine soll ja nicht kaputt gehen, die Firma möchte schließlich Waschleistungen verkaufen. Das Unternehmen macht sich wiederum von internationalen Rohstoffspekulationen unabhängig.

Wie viele dieser Produkte gibt es bereits?

Schon jetzt gibt es rund 11 000 Cradle-to-Cradle-Produkte auf dem Markt. Vom Bürostuhl, der nur noch aus sehr wenigen Kunststoffen besteht über essbare Sitzbezüge in Zügen der Bahn bis zum kompostierbaren T-Shirt. Das Wacken-Festival soll auch Cradle-to-Cradle werden und wir planen mit einem norddeutschen Presseverlag eine wiederverwertbare Zeitung. Seit Jahren gibt es zudem eine Kooperation mit der IG Metall, um produzierende Betriebe Cradle-to-Cradle zu gestalten. Jetzt gerade haben von der Bundeswirtschaftsministerium Fördermittel über 170 000 Euro für ein Forschungsprojekt zur Entwicklung einer Cradle-to-Cradle-Kreuzfahrtkabine bekommen. Unsere Arbeit geht sehr gut voran.

Das klingt aber alles nicht nach Verzicht. Überraschenderweise propagieren Sie sogar Konsum.

Die traditionelle Nachhaltigkeit sagt: Konsum ist schlecht. Wenn du dich erschießen würdest, wärst du am besten für die Umwelt. Wir denken anders: Der Kunde ist mein Freund. Er hilft dem Unternehmen als Change Agent sich umzustellen. Je mehr die Menschen kaufen, desto schneller schafft das Unternehmen den Wechsel. Ich habe beispielsweise eine Eisverpackung entwickelt, die nur im gefrorenen Zustand fest ist. Sie kann einfach weggeworfen werden und bewässert die Erde. Pflanzensamen enthält die Verpackung auch noch. Konsumiert der Mensch auf diese Weise, schadet er nicht. Er wird nützlich. 

Aber noch definieren wir Schutz mit Verzicht. 

Im Moment ist es nur bio, wenn der Mensch nicht dabei ist. Fahr weniger Auto, produziere weniger Müll. Das wäre so als würden sie sagen: Ich schlage mein Kind nur zweimal am Tag statt fünfmal. Dabei sollten wir nicht weniger schlecht sein, sondern gut. Das möchten die Menschen auch sein. Wir müssen niemanden umerziehen. Aber noch besser als klimaneutral ist es klimapositiv zu sein. Dazu müssen wir ganz neue Wege gehen, in Kreisläufen denken und alle Produkte neu designen. Wir sollten nicht die Müllindustrie unterstützen, sondern unsere Intelligenz in die Produktion stecken. 

Vielen Dank für das Gespräch!



Das Interview führte Marietta Hülsmann.