Meldungen aus der Forschung

Gig Economy: Arbeit und Migration in digitalen Zeiten

29.04.2019 Wie hoch die Rechenleistung von Computern auch sein mag, am Ende sind es Menschen, die Mode, Technik und chinesisches Essen nach Hause liefern oder Algorithmen mit Trainingsdaten füttern. Prof. Dr. Manuela Bojadžijev, Dr. Moritz Altenried und Mira Wallis untersuchen gemeinsam die Effekte der Digitalisierung für Arbeit und Migration.

Mittags im Büro. Statt zum nächsten Bäcker zu bummeln, wird das Essen online bestellt. Die Auswahl ist groß, das Handling einfach. Sogar Lieferzeiten werden auf der Webseite angegeben. Kurze Zeit später klingelt ein junger Mann mit einem würfelförmigen Rucksack. Etwas außer Atem vom Radfahren packt er Pizza und Pasta aus. Der Kurier ist einer der vielen Menschen, die im Rahmen einer digitalisierten, urbanen Lieferindustrie die so genannte letzte Meile zur Kundschaft zurücklegt. Solche Berufe gab es schon früher, doch vieles hat sich verändert. Die Aufträge kommen nicht mehr analog als Lieferschein, sondern werden per App erteilt. Paketscanner messen Lieferzeiten. GPS-Systeme erfassen die Routen von Fahrradkurieren. Kaum ein Arbeitsschritt bleibt unbekannt, die Arbeit wird kleinteiliger und oft per Auftrag entlohnt. „Wie verändern sich Arbeitsorganisation und -kontrolle, Alltag sowie Mobilitätspraxen, wenn Arbeit digitalisiert wird?“, fragt Manuela Bojadžijev, Professorin für Globalisierte Kulturen. Im Rahmen des DFG-geförderten Projekts „Digitalisierung der Arbeit und Migration“ beschreibt das Forschungsteam, welche Konsequenzen diese Transformation beispielsweise für Privatleben, Haushaltsstrukturen oder Mobilität hat.

Virtuelle Migrant*innen

Nicht immer sitzen die Arbeitenden in Deutschland. Der zweite Teilaspekt der Studie beschäftigt sich mit Crowdwork, einem anderen Beispiel für die Digitalisierung von Arbeit. Diese Form der Arbeit wurde erst durch das Internet möglich. Beim Crowdwork sind viele Arbeitssuchende auf einer Online-Plattform angemeldet und konkurrieren weltweit um Aufträge. Beispielsweise könnte ein deutsches Unternehmen seine Kundenbetreuung aus Kostengründen auslagern wollen. Es sucht auf einer Crowdwork-Plattform nach „virtual assistants“, die telefonische und schriftliche Kundenanfragen von zuhause und an ihren privaten Rechnern bearbeiten. „Die Crowdworker sitzen oft in strukturschwachen Regionen“, erklärt Projektmitarbeiterin Mira Wallis. So bekäme möglichweise eine Frau mit deutschen Sprachkenntnissen in Rumänien den Auftrag. „Damit könnte man sie als virtuelle Migrantin bezeichnen“, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Zwar arbeitete diese Frau nicht in Deutschland, muss aber zum Beispiel über einige kulturelle Kenntnisse verfügen, um die Arbeit eines Auftraggebenden in Deutschland zu erledigen. 

Beide Arbeitsformen gehören zur sogenannten Gig-Economy: Kurzfristig werden kleine Aufträge, vermittelt über eine Plattform, an formell Selbstständige vergeben. Im Falle des Crowdwork werden sie global ausgeschrieben: Jede*r könnte diesen Auftrag theoretisch überall auf der Welt annehmen. Anders bei der „letzten Meile“ wo die Aufträge an Straßen und Adressen geliefert werden müssen: „Hier findet sich wiederum oft eine hohe Zahl Migrant*innen, die Essen oder Pakete ausliefern“, beschreibt Projektmitarbeiter Dr. Moritz Altenried die digitalisierte und oft plattformgesteuerte Arbeit von Paket- und Lieferdiensten. Digitalisierung, Arbeit und Migration werden in der Fragestellung ihres gemeinsamen Projektes zusammengefasst: „Wenn die Suche nach Arbeit einer der zentralen Antriebe für Migration ist, wie verändern sich Mobilitätspraktiken und unser Verständnis von Migration, wenn sich die Arbeit unter digitalen Bedingungen transformiert?“. Mit ethnographischen Methoden erfasst das Team die Digitalisierung der Arbeit insbesondere im Niedriglohnsektor. Die Disruption bestehender ökonomischer Bereiche durch Plattformökonomien führt zu starker Konkurrenz zwischen Unternehmen: „Die letzte Meile ist heute einer der am härtesten umkämpften Sektoren der gegenwärtigen Logistikwirtschaft“, sagt Manuela Bojadžijev.


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Autorin: Marietta Hülsmann