Meldungen aus der Forschung

Grabung Schöninger Speere: Homo heidelbergensis jagte mit Speeren aus Fichtenholz

06.05.2019 Der Frühmensch kannte eine ähnliche Natur wie wir. Die Ökologin Prof. Dr. Brigitte Urban und ihr Team konnten durch Pollenanalysen die Vegetation der Altsteinzeit rekonstruieren.

Mario Tucci treibt den Stechrahmen mit kräftigen Hammerschlägen in die Erdschichten. Der Wissenschaftler muss aufpassen. Nur wenige Zentimeter entfernt ragen die Backenzähne eines eurasischen Altelefantens aus dem Erdreich. Ein Grabungsteam der Universität Tübingen hat den Kiefer freigelegt. Der Elefant lebte vor etwa 300 000 Jahren während einer Warmzeit auf dem heutigen Braunkohle-Abbaugebiet nahe Schöningen bei Helmstedt. Doch wie sah seine Umwelt aus? Welche Pflanzen standen ihm als Nahrung zur Verfügung? Und wie veränderte sich die Vegetation während der Jahrtausende? Mit Pollen- und Sporenanalyse zeichnen die Lüneburger Forschenden die damalige Lebenswelt nach. Die Wissenschaftler*innen sind Teil des archäologisch-naturwissenschaftlichen Verbundprojekts „Klima-und Umweltvariabilität im späten Mittelpleistozän im Bereich der paläolithischen Fundstellen von Schöningen“. Gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Braunschweig und Tübingen möchten sie verstehen, wie Leben und Natur in der Altsteinzeit ausgesehen haben könnten. 

Die Laborfenster bleiben zu

Dazu analysieren sie unter anderem die in Jahrtausenden entstanden Bodensedimente in dem ehemaligen See, insbesondere auch seiner Uferzonen. „Zwischen etwa 10 000 bis 15 000 Jahre dauert eine Warmzeit im jüngeren, bis zu 30 000 Jahre im Mittel- und Altquartär an“, erklärt Brigitte Urban, Professorin für Ökologie, insbesondere Landschaftswandel. Wie in einem Sandwich sind die warmzeitlichen Sedimente zwischen den Gletscherablagerungen zweier Eiszeiten eingebettet. Die dazwischen liegende Schöninger Seeabfolge erreicht bis zu acht Meter Schichtmächtigkeit. Die Tübinger Archäologen haben die Sedimente treppenförmig freigelegt. Mario Tucci nimmt an den Stufen Proben. Sorgsam präpariert er mit speziellen Metallboxen ausgestochene Erdquader mit einem Spatel frei. Die Bodenschichten dürfen sich nicht vermischen, dies würde seine Untersuchungsergebnisse verfälschen. Er verpackt das Material sofort in Plastikbeutel. Umherfliegende Pollen von blühenden Bäumen oder Gräsern könnten zu Verunreinigungen führen. Später im Labor trägt er zum Schutz Haarnetz und Kittel. „Gleich wie warm es ist: Die Fenster bleiben wegen der Kontaminationsgefahr auch geschlossen“, sagt Tucci. Im Labor trennt er organisches und mineralisches Material mit einer Reihe von physikochemischen Behandlungsschritten aus den Erdschichten, dann zentrifugiert er die teilweise nur 100 Mikrometer kleinen Pollen und Sporen, Mikroholzkohle, Algen- und andere winzige Fossilreste ab und bestimmt unter dem Mikroskop die Arten: „Hier sind beispielsweise Pollen der Gattungen Carpinus und Corylus zu sehen.“ Tucci setzt auf einer Liste zwei Striche für den Hasel und drei für die Hainbuche. Die Forschenden sind sowohl an qualitativen als auch quantitativen Daten interessiert. Nur so können sie die Lebenswelt möglichst genau nachzeichnen.
 
Durch die Forschung von Brigitte Urban ist es bereits gelungen, den Verlauf der Vegetation während der sogenannten Reinsdorf-Warmzeit vor etwa 300 000 Jahren zu konstruieren. „Die Flora hat sich im Vergleich zur jetzigen Warmzeit nur wenig verändert“, erklärt die Geobiologin. Das ermöglicht den Wissenschaftler*innen Parallelen zu ziehen: „Wir möchten verstehen, wie sich das Klima während einer Warmzeit und am Übergang in eine Kaltzeit entwickelt.“ Beispielsweise fanden die Forschenden in den oberen Schichten des Sediments kaum noch Gehölz- dafür überwiegend Gräser- und Kräuterpollen. Diese und weitere limnologische Befunde der Kolleg*innen der TU Braunschweig sprechen für ein trockeneres Klima mit veränderter Saisonalität am Ende des Warmzeitkomplexes. Damals dominierten Steppen. Bevorzugt am Seeufer kamen Birken, einzelne Kiefern, Wacholder und vermutlich sehr wenige Exemplare der Grün-Erle vor. In den ausgedehnten Steppen wuchs vermutlich auch sehr vereinzelt die Lärche. 

Säbelzahnkatzen, Nashörner und Elefanten 

Der wissenschaftliche Schulterschluss zwischen Archäologie und Biologie liefert weitere spannende Ergebnisse: Im Gebiet der heutigen Schöninger Speere lebte der Frühmensch Homo heidelbergensis. Er benutzt bereits Waffen zur Jagd. Die gefundenen Exemplare gelten heute als die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt. „Interessanterweise sind die gefunden Speere überwiegend aus Fichtenholz gefertigt. Fichtenpollen haben wir in den Sedimenten aber nahezu nicht gefunden“, erklärt Brigitte Urban. Die Ökologin geht davon aus, dass Homo heidelbergensis die Waffen aus Fichten des Harzes geschnitzt hat. Für die Rohstoffgewinnung musste er aber weite Strecken von bis zu 40 Kilometern oder sogar mehr zurücklegen. Geeignetes Material stand offenbar in der Umgebung nicht zur Verfügung und zeigt die hohen kognitiven Fähigkeiten des Frühmenschen im Umgang mit der Natur und einen hohen Sozialisierungsgrad. Viel diskutiert wird auch die Frage, warum Homo heidelbergensis einige der zur Tötung eingesetzten Speere nicht aus den erlegten Tieren zog. Die Forschenden fanden Waffen, die noch in Resten von Wildpferdjagdbeute steckten. „Damals gab es Säbelzahnkatzen, Nashörner und Elefanten. Der Frühmensch hätte die Waffen auch zum Selbstschutz dringend benötigt, zudem war ja die Rohstoffbeschaffung nicht einfach“, erklärt die Biologin. Nicht nur die Schöninger Speere, sondern auch die Klima- und Umweltveränderungen während dieses Warmzeit-Komplexes werfen immer wieder neue Fragen beispielsweise an die Anpassungsfähigkeit des Menschen auf, denn er war über die Jahrtausende dauernde Reinsdorf-Warmzeit immer wieder am Seeufer, was die archäologischen Hinterlassenschaften aufzeigen. Brigitte Urban und ihr wissenschaftliches Team werden weiter bei der Beantwortung der Fragen helfen. 

Die DFG fördert diese naturwissenschaftliche Untersuchung der altsteinzeitlichen Fundstelle für die Dauer von drei Jahren mit rund 150 000 Euro.


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Autorin: Marietta Hülsmann