Meldungen aus der Forschung

Just a small bunch of flowers: Artenkenntnis nimmt ab

15.07.2019 Wer Biologie, Bio-Lehramt oder Umweltwissenschaft studiert, sollte sich mit der heimischen Flora auskennen. Eine groß angelegte Studie an deutschen Universitäten zeigt aber: Vielmehr als Löwenzahn und Gänseblümchen kennen auch angehende Expert*innen nicht. In Zeiten der Biodiversitätskrise ein riesiges Problem.

„Nur wer Arten kennt, kann ihr Verschwinden bemerken“, erklärt Dr. Thorsten Buck vom Institut für Tierökologie. Ohne Artenkenntnis sei keine wissenschaftliche Arbeit möglich. Umso wichtiger ist eine fundierte akademische Ausbildung an den Universitäten. Gemeinsam mit Forscherinnen der Universitäten Hamburg und Hildesheim befragte der Biologe an acht Universitäten rund 1100 Bachelor-Studierende vor und nach dem Besuch von Bestimmungsübungen. Die Ergebnisse der Pretests waren für den Wissenschaftler erschreckend: „Die Artenkenntnis lag fast bei null.“ Von 32 häufigen heimischen Pflanzenarten erkannten die Studierenden im Mittel 2,6. Waldmeister, Weiße Taubnessel oder Akelei konnten die wenigsten Studierenden beim Namen nennen. Das Autor*innen-Team sieht die Ursache auch im Schulunterricht: Lehre der Pflanzen- und Tierwelt weiche oft anderen, ebenfalls relevanten Themenfeldern. „Auch die Vermittlung von Artenkenntnis braucht wieder einen festen Platz in der Schule“, fordert Buck. 

Die Kurse in den Universitäten brachten einen signifikanten, aber nur schwachen Lernzuwachs. „Am meisten lernten die Studierenden bei der Vermittlung von konzeptionellem Wissen“, berichtet Buck. Lernten die Studierenden die Pflanzen also nur auswendig, behielten sie sehr wenig. Setzten sie sich mit Bestimmungsmerkmalen von Pflanzenfamilien auseinandersetzen und wendeten sie auf unterschiedliche Arten an, war der Lernzuwachs größer. Die erfolgreichsten Studierenden hatten aber zusätzlich zu den Kursen an Exkursionen teilgenommen. Diese Erkenntnisse werden innerhalb der Kurse zur Arten- und Formenkenntnis an der Leuphana Universität bereits genutzt, um die Qualität und Quantität des Lernerfolges zu steigern. 

Der Biologe und Pädagoge Buck bietet deshalb seit Jahren Fahrten für Studierende an: „Spannende außeruniversitäre Lernorte liegen aber auch vor der Haustür.“ Genauso könne Artenkenntnis auf dem Schulhof trainiert werden. „Für die wissenschaftliche Laufbahn, aber auch für die Ausbildung angehender Biologie-Lehrkräfte brauchen wir an den Universitäten hochmotivierte Dozent*innen mit profunder Artenkenntnis. Sonst geht immer mehr Artenkenntnis verloren.“

Die Studie wurde unter anderem mit Geldern des Leuphana-Lehrpreis finanziert, mit dem Thorsten Buck ausgezeichnet wurde.


Autorin: Marietta Hülsmann