Meldungen aus der Forschung

Biokulturelle Diversität: „Natur und Kultur sind oft eng verbunden”

02.12.2019 Traditionelles Wissen und althergebrachte Praktiken spielen in der Landwirtschaft kaum noch eine Rolle. Forscher*innen untersuchen in Bolivien, wie stark sich dieser Verlust auf die Nachhaltigkeit auswirkt. Das Vorhaben wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit fast zwei Millionen Euro gefördert.

Der Artenverlust bei Pflanzen und Tieren gehört zu den drängenden, aber mittlerweile auch viel beachteten Problemen unserer Zeit. Weniger weiß man über die ebenso bedrohte biokulturelle Diversität. Die Vielfalt wildlebender und genutzter Tiere und Pflanzen sowie die damit verknüpften traditionellen Wertesysteme, Wissensformen und Praktiken verschwinden mehr und mehr. Das inter- und transdisziplinäre Forschungsprojekt „BioKultDiv - Biokulturelle Diversität in Agrarlandschaften des Globalen Südens“ untersucht nun die Auswirkungen dieses Verlusts auf die Nachhaltigkeit. In den kommenden fünf Jahren forscht ein internationales Team um Projektleiter Dr. Jan Hanspach in Bolivien. „Das südamerikanische Land hat nicht nur eine reiche Flora und Fauna. Nachhaltigkeit ist dort tief in der Gesellschaft verwurzelt und die Rechte von Mutter Natur sind in der Verfassung verankert“, berichtet Hanspach, Wissenschaftler am Institut für Ökologie an der Leuphana. Dennoch wirkten auch in Bolivien neoliberale Kräfte und die Regierung erlaubt unter anderem die Abholzung des Regenwaldes. „Die moderne Landwirtschaft ist von Technik geprägt. Traditionelles Wissen spielt kaum noch eine Rolle“, sagt Hanspach.
 
Innerhalb der biokulturellen Diversität wird der Mensch als Teil des zu untersuchenden Systems gesehen. „So etwas wie reine Natur oder Wildnis gibt es eigentlich kaum. Vielmehr sind Natur und Kultur oft eng miteinander verbunden. Wir möchten wissen, wie diese Verbindung zu mehr Nachhaltigkeit beitragen kann“, erklärt Hanspach. Die Wissenschaftler*innen arbeiten gemeinsam mit NGOs und kleinbäuerlichen Betrieben: „Die Bauern sollen ihre Probleme benennen. Mithilfe von empirischen Fallstudien soll getestet werden, welche Formen der biokulturellen Diversität Landwirtschaft nachhaltiger gestalten können“, sagt Hanspach. Dazu gehört auch das Wissen indigener Völker: „Wir haben eine Wissenschaftlerin im Team, die bereits im Amazonas bei einem indigenen Volk gelebt hat. Ziel ist es, zum westlichen Denken alternative Naturverständnisse und Weltsichten aufzunehmen.“

Gemeinsam mit den Forschungspartner*innen sollen Handlungsempfehlungen für die Praxis entwickelt werden, die nicht nur für Bolivien gelten. Innerhalb von Workshops werden Stakeholder in bis zu zehn verschiedenen Agrarlandschaften des Globalen Südens zusammengebracht, um Konzepte für die jeweiligen Regionen zu entwickeln. Durch die Einbindung des Projektes in die Netzwerke von Bioversity International, des „Programme on Ecosystem Change and Society“ (PECS) und der Heinrich-Böll-Stiftung soll die langfristige Verfügbarkeit der Projektergebnisse ermöglicht werden.

Weitere Informationen

Autorin: Marietta Hülsmann