Meldungen aus der Forschung

Forschungsprojekt „Thesaurus der Sprachbildlichkeit“

16.12.2019 Prof. Dr. Ulrike Steierwald (Literaturwissenschaft) und Prof. Dr. Wolfgang Kemp (Kunstgeschichte) entwickeln ein digitales Modell für die Sprachbildlichkeit der Künste.

Ein Thesaurus ist eine strukturierte Sammlung von Begriffen. Sein Ziel ist nicht, im Unterschied zu einem Wörterbuch oder Nachschlagewerk, die korrekte Rechtschreibung oder eine Übersetzungsmöglichkeit festzuhalten. Stattdessen zeigt ein Thesaurus auf, wie Begriffe in ihrer Bedeutung zusammenhängen. Im vergangenen Jahr beschäftigte sich eine erste Tagung des Projektes beispielsweise mit dem Eintrag „Herz“ – Herzblatt, Herzblättchen, Herzbeutelentzündung, Herzenserguss, „Sit wibes herze // hât sin lip“, Herzenskälte, Herzenswärme, Herz in der Hose, Herzenserregung, Herz-Jesu, Herzinfarkt, Herzinnenhaut, „und das Herz // der gefesselte Flüchtling“, Herzstoß, Herzensmensch, Herztot, Herzpochen, Herzprobleme, Herzenslaune, Herzensdiebe, Herzenslieb, sich ein Herz fassen … „Ergänzungen jederzeit möglich und notwendig", sagt Steierwald.
Wer in einer solchen Sprachfülle Ordnungen und Zusammenhänge ausfindig machen möchte, ist auf ein überzeugendes System angewiesen. Das griechische Ursprungswort „thesaurós“ bedeutet „Ort, an dem Schätze aufbewahrt werden“; hiervon leitet sich auch das Wort „Tresor“ ab.  Beispiel für einen wissenschaftlichen Thesaurus ist der „Thesaurus linguae Latinae“ (TLL). Der TLL hat zum Ziel, alle lateinischen Wörter, die in Quellen bis 600 n.Chr. zu finden sind, aufzuführen. Der erste Band erschien 1893, mittlerweile (2019) ist man beim Buchstaben R angelangt, immerhin. Aber in solchen zeitlichen Dimensionen würde ein Projekt heute ohnehin keine Finanzierung mehr finden, meint Ulrike Steierwald: „Es geht uns ja nicht um eine ‚tote‘ Sprache, wie das Latein, sondern um die Bildlichkeit der deutschen Sprache in ihrer sehr lebendigen künstlerischen Gestaltung.“
„Sprachbildlichkeit“ meint, dass die aufgeführten Wörter unter dem Aspekt des „ein Bild Hervorrufens“ behandelt werden. Das verlangt eine unkonventionelle Projektentwicklung: „Wer die lebendige Bildsprache und Sprachbildlichkeit der Künste in einem dynamischen Beziehungssystem der Begriffe nachvollziehen und beschreiben möchte, ist auf eine transdisziplinäre Zusammenarbeit von Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen angewiesen“, erklärt Steierwald.
 
Das Projekt steht in zwei größeren Kontexten: Das eine ist Künstliche Intelligenz. Selbstreferentiell-kreativ arbeitende Programme können auf der Basis von immensen digitalen Text- und Bildersammlungen schon heute neue Bilder und Texte entstehen lassen. Da dies durchaus beeindruckend funktioniert, setzt sich im Zuge der Digitalisierung zunehmend die Annahme durch, menschliche Sprache als Ganze sei in bedeutungslose Datensätze zerlegbar, die dann nach bestimmten Regeln miteinander in Beziehung gesetzt werden können. Dem ist auch nicht zu widersprechen. „Aber die historisch und kulturell bedingten Regelhaftigkeiten in den Beziehungen ausfindig zu machen, zu identifizieren und zu beschreiben, das ist es, was uns interessiert“, sagt Kemp.
Dabei lässt sich die Bedeutung von Wörtern nicht ‚festpinnen‘, sie tritt in Kontexten, Verwendungen, Assoziationen zutage. „Ein isoliertes Zeichen bedeutet nichts“, pointiert Steierwald. Um das zu zeigen, ist ein digitaler Thesaurus heute ein passendes Medium und setzt von vornherein auf einer unübersehbaren, stetig sich erweiternden Fülle von digitalen Text- und Bilddaten auf, um sie untereinander in Beziehung zu bringen. Zum anderen kann das Projekt als Arbeit an einer Art progressiver Universalpoesie in ihrem romantischen Verständnis gesehen werden. „Vielleicht waren die Frühromantiker in einer Situation, die mit der heutigen durchaus vergleichbar ist", sagt die Wissenschaftlerin, „sie wollten den Begriff der Unendlichkeit gegen die Macht geschlossener Systeme stark machten." Das Progressive ist hierbei wörtlich zu verstehen: Steierwald und Kemp ist bewusst, dass sich ein solches Thesaurus-Projekt nicht abschließen lassen wird, dass es sich um ein Projekt handelt, das ständig im Werden ist. „Aber die Notwendigkeit eines Denkens in offenen Prozessen entspricht schließlich ganz den aktuellen Herausforderungen – nicht nur im Bereich der Kunst."

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie im gerade erschienenen Themenheft „Sprachbildlichkeit. Zur Universalpoesie eines Thesaurus“, hg. v. Ulrike Steierwald u. Wolfgang Kemp. figurationen, Jg. 20/02, Böhlau/ Vandenhoeck & Ruprecht, 2019. Mit Beiträgen von Anna Degler, Yvonne Förster, Nora Gomringer, Wolfgang Kemp, Noémi Kiss, Achatz von Müller, Barbara Naumann, Ruth Neubauer-Petzoldt, Lilian Robl und Ulrike Steierwald.
 Und unter: www.sprachbildfahrzeuge.de

Autor: Martin Gierczak