Meldungen zum Studium

"Zu den Quellen unserer eigenen Denkmuster vorstoßen“ – und was Big Bang Theory damit zu tun hat

02.09.2015 In diesen Wochen treffen Studieninteressierte in ganz Deutschland eine Entscheidung darüber, wo sie in den kommenden Jahren ihren Bachelor machen möchten. 1450 von ihnen haben in den vergangenen Tagen einen Zulassungsbescheid vom Leuphana College bekommen. Mit ihrem College ist die Leuphana eine der Vorreiterinstitutionen in der deutschen Bildungslandschaft. In Nordamerika ein fester Bestandteil des akademischen Bildungssystems, entstehen Colleges in Deutschland und Europa erst nach und nach. Was Studierende davon haben, warum immer mehr Colleges eingerichtet werden und warum sich die europäischen Colleges nun zusammengeschlossen haben, erzählt Dr. Claudia Heuer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leuphana College im Interview.

Dr. Claudia Heuer, was ist eigentlich ein College?
Auf diese Frage gibt es wahrscheinlich fast so viele Antworten wie es Colleges gibt. Dr. Karin Beck, die von 2009 bis 2014 geschäftsführende Leiterin des Leuphana College war, formuliert es so:

„Die Aufgabe des College ist es explizit nicht, die Studierenden zu Expertinnen und Experten heranzubilden. Das heißt aber nicht, dass die Ausbildung unmethodisch oder unwissenschaftlich ist. Im Gegenteil, das Vermitteln von methodischem und systematischem Denken steht in Zentrum der Ausbildung. Bei der Bildung von Expert_innen ist die Bildung des Menschen zum autonomen Individuum traditionell nur ein Nebeneffekt, während er eben im College traditionell das Ziel sein sollte.“

Die große Herausforderung und aber auch die große Bereicherung sehe ich darin, die „Einsamkeit“ der eigenen Disziplin zu verlassen und sich in den Austausch mit anderen Perspektiven zu begeben.

Immer mehr Universitäten richten Colleges ein. Woher kommt das Interesse an überfachlicher Bildung?

Karrieren und Berufsbilder werden durchlässiger und Menschen, die heute ein Studium anfangen, möchten lernen, wie sie mit diesen Rahmenbedingungen umgehen können. Viele Menschen fürchten sich heute vor den Unwägbarkeiten einer sich verändernden Arbeitskultur und setzen alles daran, diese durch „richtige“ Entscheidungen in Ausbildung und Studium zu reduzieren. Diese Reaktion ist angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sicherlich nachvollziehbar, schließlich wird Erwerbsarbeit offenbar zu einem knappen Gut. Aber die Lage muss ja nicht für immer so bleiben. Das System, in dem wir jetzt leben, ist von Menschen geschaffen und kann auch von Menschen wieder verändert werden. Eine breite Hochschulbildung ist aus meiner Sicht einer der Schlüssel zu diesen Veränderungen.

Diese (arbeits-)kulturellen Veränderungen zeichnen sich schon länger ab. Warum entstehen die Colleges gerade jetzt?
In meiner Wahrnehmung befinden wir uns dafür jetzt gerade an einem historisch besonders interessanten Punkt: Die großen Hochschulreformen sind vollzogen und konnten erste Wirkung entfalten, die College-Bewegung hat an Fahrt aufgenommen. Nicht alle haben gleich hochschulweite Programme aufgelegt, wie dies hier in Lüneburg passiert ist, aber viele haben umfassende überfachliche Bildungsanteile in ihre Bachelorprogramme integriert, die dann eben „nur“ für einzelne Studiengänge oder Institute konzipiert sind.

Das Leuphana College hat sich jetzt mit anderen europäischen Bildungsinstitutionen zusammengetan.

Die Kolleginnen und Kollegen von den anderen europäischen Colleges und wir hier in Lüneburg haben uns die Köpfe heiß geredet über die Inhalte und die Methoden unserer überfachlichen Studienprogramme, so dass es jetzt an der Zeit ist, den Blick verstärkt nach außen zu richten, von anderen und im Austausch mit anderen zu lernen, um unser eigenes Studienprogramm weiterzuentwickeln. Meine Vision ist, dass das Leuphana College an einer engen Kooperation zur Entwicklung einer eigenen europäischen Liberal Arts and Science-Tradition mitwirkt. Wenn wir es schaffen, ein dauerhaftes europäisches Netzwerk von Colleges mit überfachlichen Studienprogrammen zu knüpfen, gewinnen wir alle.

Am 11. und 12. September 2015 richten die europäischen Colleges eine Konferenz aus zum Thema „Liberal Arts and Sciences Education and Core Texts in the European Context“. Worum geht es dabei?
Es wird um die Bildungsideen und Lehrmethoden in der College-Bildung gehen. Man sieht hier, dass die europäische College-Bewegung derzeit am Beginn einer konkreten Abgrenzung von den US-amerikanischen Vorbildern steht.

Im Titel der Konferenz sind Core Texts, also Schlüsseltexte einer Kultur, wie das in Europa etwa Homers Illias ist, genannt. Welche Rolle spielen diese Texte für Colleges?
Zusammenfassend könnte man sagen, dass es um inhaltliche Aspekte von kanonischen Texten gehen wird, von Homer bis Nietzsche. Für mich – und auch für viele Kolleginnen und Kollegen am College – geht es bei der Auseinandersetzung mit den Schlüsseltexten darum, zu den Quellen unserer eigenen Denkmuster vorzustoßen und sichtbar zu machen, woher unsere Vorurteile über die Welt stammen. Einfach ausgedrückt: das „Wie“ unseres Denkens zu ergründen. Erst wenn man verstanden hat, wie man eigentlich zu der Denkweise kommt, die man für selbstverständlich hält, kann man diese verändern und hinterfragen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Entwicklung einer europäischen College-Tradition?
Das sind einige. Schwer wiegt sicherlich, dass es  eine interne Hierarchie im Wissenschaftssystem gibt. Es gibt eine schöne Szene in The Big Bang Theory, in der Sheldon Cooper sich um Forschungsgelder bewerben soll und sich nicht wirklich dazu aufraffen kann, den Antrag zu schreiben. Er lässt sich letztendlich dazu motivieren, indem ihm als Horrorszenario vor Augen gehalten wird, dass „irgendwelche Geisteswissenschaftler“ oder – schlimmer noch – eine Liberal Arts-Einrichtung das Geld bekommen könnte, wenn er es nicht für die theoretische Physik gewinnt. Diese Szene überspitzt die Problematik natürlich bis in die Absurdität, aber sie illustriert einen der möglichen Gründe dafür, dass allgemeinbildende Programme manchmal Schwierigkeiten haben, sich zu behaupten.

Dr. Claudia Heuer, vielen Dank für das Interview!

Zur Person

Dr. Claudia Heuer ist seit 2012 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leuphana College. Sie hat Rechtswissenschaften und Britische, Amerikanische und Neuere deutsche Literatur studiert. In ihrer Dissertation hat sie sich mit Satire und Postmoderne im Gegenwartsroman befasst. Aktuell forscht sie, auf der Grundlage von Shakespeares Ophelia, zu Selbstmörderinnen.

Die erste europäische Liberal Arts and Science-Konferenz findet am 11. und 12. September in Amsterdam statt. Die Leuphana ist eine der ausrichtenden Organisationen neben dem Amsterdam University College und der University of Winchester. Die Leuphana wird mit vier Universitätsmitgliedern vertreten sein, darunter Dr. Claudia Heuer.

Das Interview führte Stefanie Hennig (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.