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Buch schreiben statt Vokabeln pauken: Leuphana-Schwedischkurs gibt Anthologie heraus

05.01.2016 Am Ende des B2-Schwedisch-Seminars „Litterärt laboaratorium“ (Literaturlabor) standen nicht die Klausur und auch nicht die mündliche Prüfung. Stattdessen halten die Studierenden ihr eigenes Buch in den Händen: „Schweden. Ein unbekanntes Land.“ Wie das war, erzählen Seminarleiterin Dagmar Mißfeldt und Teilnehmer Torben Steen im Tandem-Interview.

Torben Steen und Dagmar Missfeldt präsentieren das Buch: "Schweden. Ein unbekanntes Land".

Student und Dozentin im Interview

Torben Steen studiert an der Leuphana Professional School Wirtschaftsrecht und lernt seit mittlerweile fünf Semestern Schwedisch. Im Wintersemester 2015/16 hat er den Kurs „Schwedisch B2.2 Litterära laboratorium - Literaturlabor“ belegt. In dem Kurs haben Studierende eine Anthologie erstellt. Dafür haben sie schwedischsprachige Texte übersetzt, die verschiedene Facetten Schwedens zeigen. Torben Stehen hat den Text „Sverigeporr på tyska“ (dt.: „Schwedenporno auf Deutsch“) übersetzt. Im Interview spricht er über die Arbeit mit der Schwedischen Sprache, die vielseitige Kuriositäten und Anreize bietet.

Wie lief die Arbeit am Buch, speziell zu Ihrem Kapitel, konkret ab?
Übersetzen bedeutet mehr, als nur Wort für Wort von einer Sprache in eine andere zu transformieren. Vielmehr muss man ein gewisses Sprachgefühl mitbringen und immer im Hinterkopf bedenken, was für eine Textart und welcher Schreibstil vorliegt und wer die Zielgruppe ist. Die Aufgabe des Übersetzers ist es, den gleichen „Effekt“ in der Zielsprache rüberzubringen. So haben wir allerhand Texte übersetzt, die von Blogeinträgen über Kanelbullar-Rezepte bis hin zu Gedichten und Fachtexten reichten.

Auf der Suche nach einem für mich geeigneten Text habe ich ganz typisch mit Google nach „Tyskland - Sverige - fördomar“ gesucht, also nach „Deutschland - Schweden - Vorurteile“. Zwischen all den Texten über Deutsche, die Urlaub auf Elchfarmen machen und mit Astrid Lindgrens Kinderbüchern aufgewachsen sind, fiel mir ein Text ins Auge.

„Sverigeporr på tyska“. Das Wort „porr“ war mir unbekannt. Das Ergebnis des Wörterbuches: „porr“ bedeutet „Porno“, der Titel konnte mit „Schwedenporno auf Deutsch“ übersetzt werden. Leicht errötet und grübelnd, wie ich auf einen solchen Text stoßen konnte, habe ich mich getraut, den Text zu lesen: Eine schwedische Journalistin berichtet den Schweden darüber, dass wir Deutschen immer vor dem TV kleben, wenn Inga Lindström läuft, eine „typisch“ schwedische Romantikschnulze, an der eigentlich gar nichts schwedisch ist. Für mich stand fest: Dieser Artikel ist bestens für unsere Anthologie geeignet.

Ich habe erst einmal alle unbekannten Wörter nachgeschlagen, sodass ich eine Rohfassung „runterübersetzen“ konnte. Danach habe ich mir Fragen nach Stil, Herkunft und Adressat gestellt. Mein Text war sehr modern und umgangssprachlich geschrieben, sodass viele Wörter Alternativen haben. Dagmars Feedback war für mich von großer Bedeutung, weil sie sich als Übersetzerin gut auskennt. Letztendlich hat sie aber immer wieder betont, dass es kein richtig oder falsch gibt. Es bleibt eine Sache der Auffassung, welches Wort im Einzelfall besser ist. Schwierigkeiten kamen auf, wenn die Unterschiede der Sprachen so groß waren, dass man sich vom Original distanzieren musste. So lieben die Schweden Nebensätze. Wir Deutschen fragen uns nach einer langen Satzreihe: „Wann kommt denn jetzt endlich das Verb?“, da dieses immer am Ende des Satzes steht. Dann muss man sich trauen, sich mal vom Original lösen und mal zwei Sätze daraus zumachen.

Am Ende trafen wir in einem Workshop noch professionelle Übersetzerinnen, die unseren Werken den Feinschliff verpasst haben.

Wie hat sich Ihr Schwedenbild durch das Buch verändert?
Ich war leider selbst noch nie in Schweden, bin natürlich aber auch mit Pippi Langstrumpf etc. aufgewachsen. Auch ich bin dem sogenannte „Bullerbü-Syndrom“ verfallen. Auch wenn ich nun einen Blick hinter die Klischées Schwedens werfen konnte, hat sich mein Schwedenbild nicht geändert.
Schweden bietet den perfekten Schauplatz für Bücher und Filme. Große alte Herrenhöfe mit grünen Wiesen bieten Flair für Liebesfilme und dunkle Ecken im kalten, düsteren Schweden gleichzeitig den Handlungsort für einen angsteinflößenden Schwedenkrimi.

Was haben Sie durch die Arbeit am Buch gelernt?
Die Übersetzungsarbeit hat mir geholfen, die schwedische und die deutsche Sprache im Zusammenspiel zu sehen und zu verstehen. Nichts bietet bessere Möglichkeiten, Sprachunterschiede so praxisbezogen und spürbar zu identifizieren. Durch ein feines Sprachgefühl kann man ausdrucksstärker kommunizieren. Man stößt auf typisch schwedische Wörter, die man sonst eher umschreiben würde. So das Wort „fika“, das wir Deutschen nur mit „Kaffee trinken und Gebäck essen“ umschreiben; die Schweden haben dafür ein eigenes kleines Wörtchen.

Geleitet hat die Veranstaltung Dagmar Mißfeldt, Koordinatorin des Fachs Schwedisch an der Zentraleinrichtung Moderne Sprachen, ZEMOS. Sie arbeitet außerdem als Übersetzerin aus dem Schwedischen für Literatur und Film.

Frau Mißfeldt, warum ein Buch als Seminarergebnis?
Eine normale Prüfungsleistung wäre eine Hausarbeit gewesen. Ich habe mich aber für diese Form entschieden und meine Bewertungskriterien offengelegt: Prüfungsleistung war die jeweilige Übersetzung des Einzelnen. Es lag dann irgendwann nahe, alle Beiträge als Buch zu sammeln und gemeinsam zu veröffentlichen. So konnte ein Produkt für die Allgemeinheit entstehen.

Wie kann man sich die Arbeit am Buch während des Semesters konkret vorstellen?
Es gab keine Vorgaben, was die Art der Texte anging. Ob Blog, Zeitungsartikel, wissenschaftlicher Aufsatz oder Belletristik –  Hauptsache war, dass ein anderes Schwedenbild gezeigt wurde, als das altbekannte, idyllisierte.

Die Studierenden hatten keine Vorkenntnisse des Übersetzens und kannten keine Übersetzungstechniken. Schnell haben sie erkannt, dass eine wortwörtliche Übersetzung nie eine adäquate Übertragung sein kann und das man beim Übersetzen neben hoher Kompetenz in beiden Sprachen auch viel über die Kultur des Ausgangstextes wissen muss. Wichtig ist: Am Ende sollte eine Übersetzung immer die gleichen Bilder und Gefühle erwecken, wie das schwedische Original es tut. Dazu gehören u. a. auch Wortspiele, Konnotationen und Wirkungs-Äquivalenz, d. h. das Original muss so auf  den deutschen Leser wirken wie das schwedische Original auf die schwedische Leserin. Die Texte wurden mehrfach überarbeitet bis die endgültige druckreife Version feststand.

Wie haben Sie die Studierenden dabei erlebt?
Sehr engagiert, fleißig und eigenständig. Voller Ideen. Ich habe im Seminar nur koordiniert und bei der Beitragsauswahl geschaut, dass sich nichts doppelt. Alles andere kam von den Studierenden selbst.

Bei der Veröffentlichung von Übersetzungen stellten sich zum Beispiel Fragen zum Urheberrecht. Also darf man den übersetzen Text hinterher überhaupt veröffentlichen? Wir hatten einen Studenten dabei, der Jura studiert und auf Schwedisch ein Referat über das Urheberrecht hielt. Anschließend hat die Gruppe auf Schwedisch ein entsprechendes Anschreiben an die schwedischen Autoren formuliert. Den Brief hat jeder an seinen schwedischen Autoren geschickt und die Freigabe vereinbart. Eine Studentin war eine gelernte Grafikerin, die das Buch am Ende layoutet hat.

Was hat Sie selbst am meisten überrascht?
Die Qualität der ausgewählten Texte und dass am Ende wirklich alles geklappt hat. Die Textauswahl und das ständige Überarbeiten der Texte haben länger gedauert als einige Studenten am Anfang dachten. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Die Talente der Studierenden trafen mich manchmal völlig unvermittelt. Mir hat das Seminar gezeigt, dass man sich auf die autonome Kraft und die Kreativität der Studierenden verlassen kann und dass dann das Beste dabei herauskommt.

Ist geplant, dass weitere Bücher dieser Art entstehen?
Für die Zukunft möchte ich das nicht ausschließen. Im Moment ist das aber nicht geplant. Es ist vor allem auch eine Kostenfrage. Das Svenska Institutet in Stockholm kam zum Beispiel für die Kosten des Übersetzungs-Workshop mit den Expertinnen Dr. Christel Hildebrandt und Dr. Gabriele Haefs auf. Gabriele und Christel sind die Übersetzungsstars, was die schwedische Literatur angeht. Im Workshop haben wir drei Übersetzerinnen in Kleingruppen gemeinsam mit den Studierenden an deren Rohübersetzungen gearbeitet. Schließlich hat die ZEMOS alle Druckkosten übernommen. Gedruckt wurde das Buch in einer Auflage von 100 Exemplaren an der Druckerei der Leuphana.

Hat sich Ihr Schwedenbild oder das der Studierenden nach dem Buch geändert?
Meines nicht, ich habe ja selbst dort gelebt. Das der Studierenden vielleicht schon eher. Einige Aspekte kannten die Studierenden noch nicht, z.B. wie groß das Problem mit dem Rechtsradikalismus dort ist.

Wo kann man das Buch kaufen?
Das Buch kann man nicht käuflich erwerben, aber es steht in der Universitätsbibliothek zur Ausleihe zur Verfügung.

Worum geht es in diesem Buch?


Die Interviews führten Julia Graßhoff (mit dem Studenten Torben Steen) und Dörte Krahn (mit Dagmar Missfeldt), Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.


Weitere Informationen

Dagmar Mißfeldt
Universitätsallee 1, C5.126
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2658
missfeldt@leuphana.de