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"Eine Schule ist ein kleiner Globus"

07.01.2016 In diesem Jahr sind drei Studierende der Leuphana Lehrerbildung ins Stipendienprogramm „Horizonte“ aufgenommen worden. Worauf sie sich freuen können und was das Stipendium bringt, erzählt die ehemalige Stipendiatin und Leuphana-Alumna Umeira Seifie im Interview.

Umeira Seifie ist 23 Jahre alt und hat ihr Lehramtsstudium mit den Schwerpunkten Deutsch und Englisch für Haupt- und Realschule abgeschlossen. Nun ist sie Lehramtsanwärterin und Doktorandin an der Universität Erfurt. Während ihres Studiums wurde sie durch das Horizonte-Stipendium der Hertie-Stiftung unterstützt, das Lehramtsstudierende mit Migrationshintergrund fördert.

Frau Seifie, das Horizonte-Programm richtet sich ausschließlich an Studierende mit Migrationshintergrund. Warum ist das wichtig?
Es gibt ja das Klischee, dass Migrantinnen und Migranten ihren Fokus auf das Gehalt legen. Da mag ja auch was dran sein: Wenn ich aus einem Land komme, in dem ich tagtäglich mit großer Armut konfrontiert bin, setze ich mir als Ziel, niemals in eine solche Armut zu verfallen. Es ist ja auch eine Art von Privileg, sich für einen Weg entscheiden zu können, der kein allzu hohes Einkommen verspricht. Das Horizonte-Programm ist daher wichtig, um Menschen mit Migrationshintergrund in die Schule zu kriegen, es fehlt überall an Lehrkräften mit Migrationshintergrund.

Warum ist es denn so wichtig, mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund in den Schulen zu haben?
Nun, eine Schule ist ja ein kleiner Globus, eine abgeschlossene Welt sozusagen. Für Schülerinnen und Schüler spielt sich das Leben größtenteils Zuhause und in der Schule ab. Da ist Diversität natürlich wichtig. Außerdem haben Lehrkräfte mit Migrationshintergrund gegenüber Kindern mit Migrationshintergrund i.d.R. ein anderes Standing. Die Kinder brauchen auch jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. Ein Beispiel: Deutsche Lehrkräfte wissen, dass Muslime kein Schweinefleisch essen. Aber damit Fleisch halāl, also zulässig ist, braucht es viel mehr als bloß schweinfreies Essen. Das wissen natürlich viele nicht, warum auch? Ich kenne ja auch nicht die religiöse Praxis der Sikh, wenn ich nicht zufällig jemanden in der Schule habe, der dieser Religion angehört. So etwas erfordert eine aktive Auseinandersetzung, die nicht aus dem Nichts erwartet werden kann.

Was hat Ihnen das Horizonte-Stipendium gebracht?

Die finanzielle Unterstützung war natürlich hilfreich, aber noch wichtiger ist das Rahmenprogramm und die Vernetzung. Der Austausch mit Studierenden aus ganz Deutschland war nützlich, ich habe viele interessante und engagierte Menschen kennengelernt. Ansonsten ist der Austausch im Studium etwas festgefahren. Zum Beispiel habe ich einen Studierenden kennengelernt, der spielt mit den Kindern Fußball, nachdem die Hausaufgaben gemacht wurden, aber auch nur, wenn sie von den Kindern ordentlich erledigt wurden. Dadurch haben auch die Kinder gearbeitet, die sonst keinen Bock auf Hausaufgaben haben, und anschließend wurde zusammen gespielt. Dieser Austausch mit interessanten Menschen und der Einblick in alternative Lehrformen war sehr wertvoll und stand im Kontrast zu den oft konservativen Haltungen von vielen mir bekannten Lehramtsstudierenden. Die Hertiestiftung ist selbst auch gut nach außen vernetzt, dadurch wurde uns viel Unterstützung durch Kontakte zuteil. Wird es auch immer noch: Ich habe zwar mein Stipendiat beendet, aber es gibt regelmäßige Alumni-Treffen die diese Vernetzung weiterführen.

Wie sah dieses Rahmenprogramm aus?
Wir hatten vier Wochenendseminare. Das erste handelte von Zielfindung, wir sollten drei konkrete Ziele aufstellen. Für die Umsetzung wurde uns ein Topf von je 500€ zur Verfügung gestellt. Meine Ziele waren Projektmanagement und das Kennenlernen von Gehirnstrukturen und Lerntechniken. Ich war dann in Berlin bei einem professionellen Unternehmen im Bereich Projektmanagement. Das hat mir authentisches KnowHow gebracht, basierend auf der Erfahrung von Menschen, die schon etliche Projekte umgesetzt haben und somit wissen, was funktioniert und worauf man achten sollte. Das zweite Seminar handelte von Unterrichtsstörung. Störungen im Unterricht sind unglaublich schleppend für den Fortschritt. Die Betreuung in den Seminaren war super, unser Feedback wurde umgesetzt und die Seminare wurden somit stetig verbessert. Es gab noch ein Seminar über Classroom-Management.

Classroom-Management?
Da haben wir gelernt, Bedingungen für störungsfreien Unterricht zu schaffen. Zum Beispiel Tische in Reihen vermeiden, denn da braucht die Lehrkraft eine Weile, um in die hinteren Reihen zu gelangen, wenn dort jemand stört. Auch Banalitäten wie die Zettel zu lochen sind tatsächlich sehr wichtig. Wir haben auch viel über das Auftreten der Klasse gegenüber gelernt. Das letzte Seminar schließlich ging um Elternarbeit. Die Leseförderung zeigt zum Beispiel, dass in diesem Bereich nur etwa 20% in der Schule, 80% jedoch Zuhause passiert
Außerdem hatten wir alle 6 Wochen einen Jour fixe, an dem wir Themen und Methoden besprochen haben, zum Beispiel waren wir einmal im Kletterpark, eine gute Methode um den Gruppenzusammenhalt zu stärken, da die Aufgaben dort sich nicht alleine lösen lassen. Außerdem gab es noch zwei 5-tägige Sommerakademien, eine Art Klassenfahrt, nur mit engem Programm und viel wissenschaftlichem und schulpraktischen Input. Es gab sogar einen Poetry Slam mit einem echten Slammer. Die Betreuung und der Input des Rahmenprogramms war gut umgesetzt und sehr kostbar.

War es schwer, das Stipendium zu bekommen?
Die Auswahl für das Stipendium fand ich sehr gut, es wurde zwar Wert auf Leistung gelegt, aber genauso viel auf Persönlichkeit und Diversität. Allerdings wurde gar nicht nach dem Migrationshintergrund gefragt. Es wurden auch viele zugelassen, die sich kaum von Personen ohne Migrationshintergrund unterscheiden lassen. Der Migrationshintergrund bringt bestimmte Erfahrungen mit sich, die wichtig für die Schülerinnen und Schüler sind, daher das ganze Stipendium! Außerdem gab es zum Beispiel einen Iraner, der sehr aktiv anti-muslimisch eingestellt war und seine Ansichten dazu auch ständig eingebracht hat. Das ist natürlich ein schlechtes Vorbild in Bezug auf kulturelle Vielfalt. Ein anderer wollte nicht über seinen Migrationshintergrund sprechen, dabei finde ich eine solche Tabuisierung nicht vernünftig. Es ist doch wichtig, darüber zu sprechen, immerhin ist der Migrationshintergrund der Schlüssel zum Stipendium gewesen

Warum wollen Sie eigentlich Lehrerin werden?
Es ist eine Chance, positiv auf die Jugend einzuwirken und damit eine nachhaltige Veränderung zu schaffen. Ein Beispiel: Ich habe den Schülerinnen und Schülern mal eine Geschichte vorgelesen. Sie geschieht aus der Sicht eines Schülers, der nicht viel Besitz hat und neidisch auf einen anderen Schüler ist, weil der super ausgestattet ist, total viel Spielzeug hat und so weiter. Ich habe dann aufgehört zu lesen und die Kinder gebeten, dem reicheren Jungen zu charakterisieren. Die Kinder haben ihm viele negative Attribute zugeordnet: Egoistisch, eingebildet, in der Art. Dann habe ich die Geschichte weitergelesen: Die beiden Jungen treffen aufeinander und kommen ins Gespräch. Der ärmere Junge erfährt, dass die Eltern des reichen Jungen geschieden sind und beide ihn mit Gegenständen überhäufen, die er gar nicht haben will. Er hat schon alles doppelt. Also gibt er dem anderen die Sachen, die er doppelt hat, und die beiden werden Freunde. Ich habe die Kinder anschließend erneut gebeten, dem Jungen Attribute zuzuschreiben, und jetzt fiel die Bewertung durchweg positiv aus. Die Kinder sollten mir dann beantworten, warum ich diese Aufgabe gestellt habe. Und das Gefühl, wenn sie die Hintergründe begreifen und verstehen dass es wichtig ist, zu reflektieren und zu hinterfragen, dieses Gefühl ist sehr wertvoll.

Frau Seifie, vielen Dank für das Interview!

Autor: Jannik Böker (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.