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Plietsch: Leuphana-Studierende machen nachhaltiges Einkaufen alltagstauglich

09.09.2016 Anfang letzten Jahres hatten einige Studierende der Leuphana die Idee, einen verpackungsfreien Laden zu eröffnen. Aus dieser Vision hat sich mittlerweile ein konkretes Projekt entwickelt, mit dem Ziel, nachhaltiges Einkaufen alltagstauglich zu machen: „plietsch.“ Das Team wurde beim Dies Academicus im Rahmen des Awards des Social Change Hub (SCHub) als eine der besten Gründungsideen geehrt.

Henrik Siepelmeyer (23) und Lisa Heldt (23) studieren beide am College Environmental and Sustainability Studies und gehören zum plietsch-Team. Im Interview erzählen sie von ihrer Idee und von den Herausforderungen, einen Laden nach dem „plietsch“- Prinzip zu eröffnen. 

Was hat euch auf die Idee gebracht, einen verpackungsfreien Laden zu eröffnen?

Henrik Siepelmeyer: Das Ganze begann damit, dass ein Student der Leuphana, Alexander Dobruschkin, Anfang letzten Jahres auf Facebook die Idee eines verpackungsfreien Ladens postete und zu einem Treffen einlud, in dem über ein mögliches Projekt gesprochen werden konnte. Zu den folgenden drei Treffen kamen viele Studierende und andere Interessierte, insgesamt bestimmt 100 Leute. Auch wenn Alexander mittlerweile aus Zeitgründen nicht mehr dabei ist, ist seine Unverpackt-Idee immer noch Kern der Sache, die sich seitdem zu plietsch weiterentwickelt hat.

Lisa Heldt: Es kristallisierte sich dann schnell heraus, dass viele zwar großes Interesse daran hätten, in einem solchen Laden einzukaufen, jedoch nicht unbedingt daran, mitzugründen. Einige haben sich jedoch dazu bereit erklärt, uns bei Fragen, in denen sie Know-How haben, zu unterstützen. Es kam dann bis Mitte letzten Jahres zu einer Ausdünnung und mittlerweile sind wir ein festes Team von neun Leuten. Wir haben uns dann letztes Jahr ohne große Hoffnungen für den SCHub-Award des Dies Academicus beworben und direkt gewonnen. Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet, auf Anhieb so viele Stimmen zu kriegen und auch persönlich so viel Zuspruch zu erhalten. Das hat uns einen unheimlichen Motivationsschub gegeben. Wir haben von der Leuphana das SCHub-Camp organisiert bekommen, in dem wir unsere Planung vertiefen konnten.

Henrik Siepelmeyer: Zwei aus unserem Team haben ihre Masterarbeit über zwei Unverpackt-Läden in Hannover geschrieben. Dadurch haben wir großartige Kontakte für Austausch und Kooperation. Wir können von ihnen viel mitnehmen und Befürchtungen wie die Aufrechterhaltung von Hygienestandards neutralisieren. Die haben das alles schon mal geschafft, dadurch wissen wir, dass es möglich ist. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, das ist ein großer Vorteil in der Planung und auch in der Kommunikation mit potentiellen Kooperationen. Wir können klarer informieren und Bedenken ausgleichen.

Wo kommt eigentlich das Wort „plietsch“ her und was hat es mit eurer Idee zu tun?

Lisa Heldt: Plietsch kommt aus dem plattdeutschen und bedeutet in etwa „schlau“ auf eine praktische, lösungsorientierte Weise. Dies ist auch der Anspruch an unser Projekt. Wenn man nachhaltig einkaufen möchte, steht man vor einem Berg von Entscheidungen. Kaufe ich das Gemüse lokal aber nicht unbedingt aus Bioproduktion? Oder lieber biologisch hergestellt, dafür aber in mehr Plastik eingepackt oder weit hergeflogen von einem anderen Kontinent? Es ist schwer zu entscheiden, was die bessere Lösung ist, ob es eine beste Lösung überhaupt gibt. Selbst wir wissen nach vier Jahren eines nachhaltigkeitswissenschaftlichen Studiums nicht immer, was die optimale Wahl ist!

Henrik Siepelmeyer: Das sorgt dafür, dass nachhaltiges Einkaufen sehr kompliziert wird. Wir glauben aber, dass man nachhaltiges Einkaufen nur beliebter machen kann, indem es einfacher, alltagstauglicher wird, auch für Leute ohne umfangreiches Vorwissen. Dadurch, dass Einkaufen Spaß macht. Es muss eben „plietsch“ sein.

Eure Produkte sind also nicht nur unverpackt, sondern auch bio?

Henrik Siepelmeyer: Genau. Das Weiterdenken des plietsch-Gedankens ist es, Produkte in Bio-Qualität anzubieten. Das EU-Bio-Label hat uns eine zu große Toleranzgrenze, zum Beispiel müssen demnach nicht unbedingt 100% des Produktes biologisch hergestellt sein, es reicht auch ein Anteil. Wir wollen uns eher strengeren Labeln wie Naturland oder Bioland orientieren. Diese Produkte wollen wir aus der Region, also von umliegenden Höfen beziehen. Wir hatten bereits Kontakt mit einigen Landwirten und wir wurden mit viel Interesse empfangen. Mit dreien haben wir uns auch schon eingehender über mögliche Kooperationen unterhalten. Durch die Nähe zur Region werden die Produkte transparenter, man kann im Zweifel einfach vorbeifahren.

Wie sollen eure zukünftigen Kunden und Kundinnen die Produkte am besten befördern?

Lisa Heldt: Ideal wäre natürlich, wenn jeder sein Gefäß selbst zum Abfüllen mitbringt. Möglich soll es auch sein, Behältnisse auszuleihen. Wir denken auch an einen Lieferservice per Lastenfahrrad, denn besonders Glasgefäße können sehr schwer sein. Wir würden die befüllten Gefäße dann den Kunden und Kundinnen nach dem Kauf vorbeibringen.

Wie finanziert ihr euer Projekt?

Henrik Siepelmeyer: Wir erhoffen uns, durch die Teilnahme an Gründungswettbewerben ein gewisses Startkapital zu sichern und natürlich ist Crowdfunding eine tolle Möglichkeit, einen solchen Laden zu finanzieren. Im Dezember wird das SCHub-Camp für dieses Jahr stattfinden. Dort wollen wir uns näher mit einem Finanzierungskonzept befassen und beraten lassen. Momentan arbeiten wir intensiv an der Idee der Ausgründung als Genossenschaft. Das ist nicht nur für die Finanzierung interessant, sondern kann den Laden auch nochmal stärker lokal verankern. Der Umfang der Finanzierung ist natürlich auch davon abhängig, welche Services wir anbieten werden. Wir haben noch eine ganze Menge Pläne und sind noch nicht sicher, was plietsch von Anfang an zu bieten hat.

Habt ihr schon mal Erfahrung mit Gründung gemacht?

Henrik Siepelmeyer: Ich habe die Initiative Zero Waste University gegründet mit dem Ziel, die Leuphana zur ersten Zero Waste Universität Deutschlands zu machen. Darüber hinaus steht aktuell noch die Gründung eines Debattierclubs an der Leuphana aus.

Lisa Heldt: Ich habe persönlich noch nicht gegründet, aber einige weitere aus dem Team haben schon Erfahrung gesammelt. Einer davon hat bereits zwei Unternehmen gegründet. Sonst profitieren wir aus der Second-Hand-Erfahrung der verpackungsfreien Läden aus Hannover.

Was könnt ihr Leuten, die mit dem Gedanken spielen, zu gründen, auf den Weg geben?

Lisa Heldt: Es mag banal klingen aber: Einfach machen! Rausgehen, drüber reden, Leute fragen, ob sie Interesse zur Mitarbeit oder Anregungen haben. Die Idee muss nicht perfekt sein, wenn man sie vorstellt, auch wenn man sich diesen Druck schnell selber macht. Wir haben so viel positives Feedback bekommen, auch ohne konkrete Umsetzungspläne. Daraus ergaben sich eine Menge Kontakte und neue Ideen, die wir weiterverarbeitet haben. Es gibt auch viele Gründungswettbewerbe bei denen man sich bewerben kann.

Henrik Siepelmeyer: Man sollte auf jeden Fall die Gründungsberatung hier an der Leuphana nutzen, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Social Change Hubs und des Entrepreneurship Hubs haben uns sehr unterstützt. Es gibt viele Angebote für Leute, die Lust haben, sich mit ihrer Idee selbstständig zu machen. Man denkt selbst viel kritischer über sein Projekt als andere. Oft lösen sich durch Gespräche mit Externen Probleme auf, von denen man dachte, sie könnten einem die ganze Idee kaputt machen. Dann ist es natürlich ein großer Motivationsschub, doch wieder positives Feedback und Lösungsvorschläge zu bekommen, die mal außerhalb des Tunnels sind, in den man nach langer Beschäftigung mit dem Thema kommt. Es ist auch wichtig, sich zwischendurch mal vom Thema zu lösen und es nicht zu seinem Lebensinhalt zu machen. Nur so hat man die Möglichkeit, das Ganze nochmal mit ein bisschen Distanz zu überblicken und zu überdenken.

Lisa Heldt: Und wer Interesse an der Mitwirkung an unserem Projekt hat, ist natürlich herzlich eingeladen, uns über unsere Website zu kontaktieren!


Vielen Dank für das Gespräch!



Das Interview führte Julia Graßhoff (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.