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Vom Kuwi-Studium an der Leuphana in die Selbstständigkeit in Indonesien

14.09.2016 Elisa Bracht hat 2015 am Leuphana College ihren Bachelor-Abschluss in Kulturwissenschaften und BWL absolviert. Nach ihrem Studium hat sie entschieden, nach Indonesien auszuwandern, um dort ein Gästehaus auf der Insel Lombok zu bauen. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg in die junge Selbstständigkeit und warum das Studium an der Leuphana dafür die beste Vorbereitung war.

Du hast nach deinem KuWi-Studium an der Leuphana ein Gästehaus in Indonesien eröffnet. Wann und wie kam es zu dieser Idee? Hast du vorher schon Erfahrungen mit Gründung gemacht?

Seit 2010 war ich oft in Indonesien (Bali) bis ich 2014 das erste Mal nach Lombok gekommen bin. Sofort habe ich mich sehr wohl und willkommen gefühlt. Kurz vor meiner ersten Reise nach Lombok war meine WG am Stint (Stintbrand 2013) völlig abgebrannt, weil im Restaurant unter der Wohnung Feuer gelegt wurde. Ich hatte keinerlei materiellen Besitz mehr, was im ersten Moment ein Schock war, welcher sich aber bald als Erleichterung anfühlte. Die Hausratsversicherung hat den Schaden gezahlt und ich hatte plötzlich Geld auf meinem Konto. Dieses Geld wollte ich nicht in sinnlose Besitztümer, sondern lieber in meine Zukunft investieren. Nachdem ich circa einen Monat in Lombok war, wusste ich bereits, dass dies der perfekte Ort für meinen Traum war. Ich reiste zurück nach Deutschland und plante einen erneuten sechsmonatigen Aufenthalt in Lombok. Während dieser 6 Monate habe ich meine Bachelorarbeit „Internationaler Tourismus als Faktor für Lokalentwicklung in Kuta Lombok“ geschrieben. Ich habe vor Ort recherchiert, um möglichst viel über die Region, die Menschen und deren Kultur zu erfahren. Erneut habe ich festgestellt, wie sehr ich diesen Ort liebe und mich entschieden, Land zu erwerben. Nach Abgabe der Bachelorarbeit im Mai 2015 bin ich sofort zurück nach Lombok.

Du erzähltest, dass du ohne das kulturwissenschaftliche Studium an der Leuphana nie den Schritt in die Selbstständigkeit, und dann auch noch im fernen Indonesien gewagt hättest. Inwieweit hat dein Studium dich auf die Selbstständigkeit vorbereitet und dir Kompetenzen vermittelt? Wo siehst du Vorteile für deine Entwicklung im Vergleich zu einer anderen Ausbildung?

Ich habe mich damals für das Studium der Kulturwissenschaften hauptsächlich wegen der Vertiefungsmöglichkeit „Tourismus“ entschieden. Schon lange war ein eigenes Gästehaus mein Traum, und auch wenn ich dachte, dass sich dieser Traum vielleicht nie erfüllen würde, konnte ein Studium in dieser Richtung ja nicht schaden. Meiner Meinung nach haben Studierende an der Leuphana alle Möglichkeiten, sich über ihr Studium hinaus zu bilden. Sei es im Komplementärstudium oder in unzähligen weiteren Angeboten von der Uni. Natürlich sind die Klausurphasen stressig, aber während des Semesters hat man Freiraum. Diesen halte ich für unglaublich wichtig, um sich auch außerhalb des Studienfaches zu bilden. Wenn man nur gestresst einem Credit Point nach dem anderen nachjagt, bleibt da nicht viel Zeit. Durch das Leuphana Semester habe ich gute Freunde aus unterschiedlichsten Studiengängen kennengelernt und in Gesprächen ging es dann nicht immer nur um das KuWi- Studium, sondern um alle möglichen Themen. Ich denke, dass der interdisziplinäre Lerngedanke an der Leuphana sehr zur Persönlichkeitsentwicklung führt. Ich hatte während meines Studiums Zeit, mir Gedanken zu machen, was ich für mich neben einer guten Studiennote in dieser Welt eigentlich erreichen will. Der an der Uni herrschende Gründungsgeist hat auch mich bereits am Anfang des Studiums erwischt. 2012 habe ich mit Freunden aus meiner Heimatstadt das Label „Alles Jute“ gegründet und so erste kleine Erfahrungen zum Thema Gründung gemacht In meinem BWL Minor konnte ich meine Hausarbeit in Personalmanagement über „Interkulturalität im Unternehmen“ am Beispiel meines eigenen zukünftigen Gästehauses schreiben und auch in Kulturwissenschaften konnte ich das Thema meiner Bachelorarbeit zukunftsorientiert für mich wählen. Besonders Prof. Dr. Kreilkamp vom Tourismuslehrstuhl hat mich sehr unterstützt bei meinem Vorhaben. An unserer recht kleinen Uni ist man nicht nur eine anonyme Matrikelnummer. Ich habe bisher nur ein Studium an der Leuphana gemacht und kann mein Studium nur mit dem von Freunden verglichen. Aber man kann sich im breitgefächerten Angebot oft das aussuchen, was zum eigenen Lebensweg passt. Natürlich muss man die vorhandenen Möglichkeiten auch erkennen und für sich zu nutzen wissen.

Was waren besonders wichtige und lehrreiche Erfahrungen, die du mit der Selbstständigkeit und auf dem Weg dorthin gemacht hast?

Ich glaube, ich wurde für meine Projektidee von vielen durchaus als naiv und Grün hinter den Ohren abgestempelt. Aber wenn man einmal etwas entschieden hat, sollte man sich von anderen nicht vom Weg abbringen lassen. Ich habe 2014 die für mich bisher größte Lebensentscheidung getroffen ohne genau zu wissen, wie das alles funktionieren soll. Doch das Leben unfassbar gut mitgespielt. Über drei Ecken hat sich ein bauerfahrener Elektriker aus Hamburg bei mir gemeldet, der Interesse am Projekt hatte. Es gab noch weitere „Zufälle“ und Begegnungen mit Menschen. Der Weg bis zur Eröffnung vom BATU BAMBU war wirklich nicht immer leicht. Es gab große bürokratische und bautechnische Hürden. Ich komme aus einer Architektenfamilie, doch selbst gebaut habe ich noch nie. Es gab Tage, da habe ich mich in einen gut gekühlten Hörsaal zurückgewünscht. Einfach nur zuzuhören und nicht die Verantwortung für eine Baustelle zu haben. Meine Tage während der Bauphase waren vollgepackt und Schlaf kam zu kurz. Aber es ist spannend, wie viel Durchhaltevermögen man entwickelt, wenn man seinen eigenen Traum verfolgt. Hätte ich das ganze Arbeitspensum nicht für mich, sondern als Angestellte für einen Chef gemacht - schon nach 3 Wochen hätte ich gekündigt! Ich habe hier vor allem Geduld und Kraft zum Durchhalten gelernt. An alle Studierenden: Entschuldigt, aber eine stressige Klausurenphase ist nichts gegen zwei Wochen auf einer indonesischen Baustelle.

 

Wo hast du Unterstützung für dein Projekt gefunden? Wie hast du das Gästehaus und alles damit Zusammenhängende finanziert?

Wie gesagt komme ich aus einer Architektenfamilie und hatte das Glück, dass mein Vater die Baupläne entwerfen konnte. Zudem hat er mich über Skype und Email aus der Ferne unterstützt. Bei schwierigen Bauphasen war er sogar vor Ort. Mein Startkapital waren Ersparnisse und das Versicherungsgeld. Zudem habe ich mir bei meiner Familie Geld geliehen, welches ich in den nächsten zwei Jahren abzahlen werde. Mein Vater ist mittlerweile nicht nur Architekt des Ganzen, sondern auch mit in der Firma „PT. BATU BAMBU LOMBOK“, die wir hier zusammen gegründet haben. Besonders zum Ende der Bauphase konnte ich die anfallenden Kosten nicht mehr decken und mein Vater hat mich finanziell unterstützt. Man kann noch so gut versuchen, zu kalkulieren. Am Ende wird ein Bau doch immer teurer. Gerade in Indonesien musste ich erst einmal herausfinden, was Preise für Baumaterial sind und wie wir günstig und schön bauen können. Dazu hatte ich wenig Erfahrung und eine Kostenkalkulation zu Beginn war schwierig. Kurz vor der Eröffnung war meine Familie zu Besuch und hat viel geholfen. Meine Mama (auch Architektin) und mein Stiefvater (Bauingenieur) haben unser Poolproblem in den Griff bekommen und ihren Urlaub mehr auf der Baustelle als am Strand verbracht. Sogar mein kleiner Bruder hatte tagelang den Farbpinsel in der Hand. Auch Freunde aus meiner Heimatstadt oder der Uni haben mit angepackt und beim letzten Schliff vor der Eröffnung geholfen. Niemals hätte ich gedacht, dass mich meine Familie und Freunde so sehr unterstützen würden.

Was kannst du Leuten, die mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen, mit auf den Weg geben?

Lebt diesen Gedanken und macht euch frei von Unsicherheiten, die von außen auf euch einschlagen. Ich hatte anfangs keinen blassen Schimmer, wie das alles funktionieren soll, sei es finanziell oder organisatorisch. Man wächst an seinen Aufgaben. Wenn man wirklich etwas will, dann schafft man den Weg zum Ziel, trotz vieler Umwege. Ich war überrascht von der vielen Unterstützung, aber alle haben gemerkt, wie hartnäckig ich meinen Traum verfolgte. Auch in meiner Familie gab es kritische Kommentare: „Mensch, mach doch was Richtiges - du hast doch studiert“, und „Was willst du eigentlich da hinten“, „Ist das denn sicher? Was, wenn das schiefgeht?“ Ja, mein ganzes Vorhaben hätte auch nach hinten losgehen können. Dieses Risiko hat man immer, aber auf Lombok sagen die Menschen „Jangan pernah mencoba tidak pernah tahu “ (Never try, never know!) Gerade wenn man frisch gebacken aus der Uni kommt, stehen einem alle Türen offen. Ich hatte nur Plan A, und wenn alles schiefgegangen wäre, dann hätte ich ein paar Jahre wo anders in der Welt hart arbeiten müssen, um meine Schulden zurück zu zahlen. Aber auch das wäre kein Weltuntergang geworden. Wir sind jung und haben auch nach einem fehlgeschlagenen Projekt Möglichkeiten, es nochmals zu versuchen. Ich hatte das Glück, dass mein Plan A der Selbstständigkeit nicht gescheitert ist und dafür bin ich unendlich dankbar. Zu Beginn des Projektes war ich 23 Jahre alt und ein Stück weit war mein Traum sicherlich naiv. Als junger Mensch hat man neben geringer Erfahrung, Ängsten und Sicherheitsbedürfnis noch dieses Stück Naivität und Kindlichkeit in sich, um Dinge einfach auszuprobieren. Wer eine große, vielleicht utopische Idee hat, sollte allen Mut zusammennehmen und die Aktion wagen. Zu viele Gedanken und Sorgen führen nur dazu, dass man sich im Kreis dreht und nicht vorwärtskommt.

Vielen Dank für das Interview!


Weitere Informationen

Das Interview führte Julia Graßhoff.