Meldungen zum Studium

Wer nutzt wem? – Internationaler Workshop zu den Herausforderungen des digitalen Wandels

05.12.2017 Studierende der Leuphana haben beim Workshop Post-X Politics mit renommierten Expert_innen über den digitalen Wandel diskutiert. Die Veranstaltung reagierte damit auch auf politische Entwicklungen – wie das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen. Die Studentinnen Clara Wessalowski und Johanna Ochner fassen ihre Eindrücke vom Workshop zusammen.

Das von Nelly Y. Pinkrah, Miglė Bareikytė, Dr. Clemens Apprich (Leuphana) und Prof. Joshua Neves (Concordia University) konzipierte Tagungsformat ließ politische Fragen rund um den digitalen Wandel, neue Technologien und soziale Medien in den Mittelpunkt treten. Auch die Rolle der Kultur- und Medienwissenschaften stand hierbei immer wieder zur Debatte. Dass die als Rednerin geladene Künstlerin Hito Steyerl kurz zuvor vom britischen ArtReview-Magazin als erste Frau zur weltweit einflussreichsten Person im Kunstbetrieb gekürt worden war, ließ sich als schöne Pointe lesen, da gerade solche Kulturen der Rankings und Zuschreibungen Teil des Problemfeldes sind, das der Workshop zu thematisieren versuchte. Gemeinsam mit Wendy Chun, Nishant Shah und Clemens Apprich eröffnete Steyerl den Workshop mit einer Podiumsdiskussion über das Thema Datendiskriminierung. Die Wissenschaftler_innen gaben damit Einblicke in ihre Arbeit an dem 2018 erscheinenden gemeinsamen Buch Pattern Discrimination (Lüneburg/Minneapolis: meson/University of Minnesota Press, 2018).
 
Die Problematik begegnete den Teilnehmenden im Verlauf des Workshops in vielen diskutierten Beispielen wieder: Gesichtserkennungs-Software, automatisierte Empfehlungssysteme und selbstfahrende Fahrzeuge scheinen die Boten eines neuen Zeitalters zu sein, das auf Grundlage algorithmischer Entscheidungsmechanismen über digitale Räume hinaus Wirklichkeit gestaltet. Doch die Untersuchung vermeintlich neutraler Technologien zeigt Probleme auf: Bilderkennungsprogramme, die nicht-weiße Gesichter schwer bis gar nicht ausmachen können oder Software, die im Dialekt verfasste Nachrichten US-amerikanischer Minderheiten als Niederländisch missinterpretiert sind Ausdruck einer weitgreifenden strukturellen Ungleichheit. 
Unter dem Deckmantel von Neutralität und Objektivität reproduziert und vergrößert der Einsatz solcher Technologien rassistische und sexistische Diskriminierung, die oft bereits in den Datenmengen angelegt sind. Post-X-Politics behandelte Medientechnologien deshalb als etwas, das nicht einfach vorhanden ist, sondern gemacht wurde und Annahmen darüber enthält, was Menschen sind und sein können. Es ist wichtig zu fragen, wie sie unsere Wahrnehmung, unsere Gewohnheiten, Bedürfnisse, Fähigkeiten, unser Handeln und Miteinander prägen.

Erweitert die digitale Technik tatsächlich unsere Entscheidungsspielräume?

Vor allem algorithmische Filtermechanismen, die dazu führen, dass sich Gruppen von Nutzer_innen auf Plattformen wie Facebook, Youtube und Twitter immer weniger mit gegensätzlichen oder abweichenden Meinungen auseinandersetzen und damit zur Bildung sogenannter „Filterblasen“ beitragen, wurden kritisch hinterfragt und vor dem Hintergrund möglicher Intervention-Strategien diskutiert. Wo kann eine kritische kulturwissenschaftliche Perspektive in Zeiten digitaler Kulturen ein Gegengewicht zum Big-Data-Credo einer reinen Quantifizierbarkeit von Wirklichkeit bieten? Nutzt die Technik uns und erweitert unsere Entscheidungsspielräume, oder nutzen wir mittlerweile eher der Technik?

Aus Studierendensicht eröffneten sich neue Perspektiven auf das eigene Studienfach und die Frage, worin man als Kulturwissenschaftler_in im Bereich Digitaler Kulturen eigentlich ausgebildet wird. Den aus Politik und Wirtschaft oft gehörten "Herausforderungen der Digitalisierung“ kann und muss kritischer begegnet  werden, als dies in einer bloßen Affirmation der Silicon-Valley-Startup-Kultur, die vielen Absolvent_innen dieser Studiengänge derzeit in ihren ersten beruflichen Erfahrungen begegnet, möglich ist. Wenn es darum gehen soll, in welcher Welt wir künftig leben wollen, wird sich die Förderung kritischer Unterscheidungsfähigkeit als unerlässlich erweisen, um Visionen zu entwickeln, die Alternativen zu diesem auf Hochglanz polierten Techno-Kapitalismus bieten.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein historischer Abschnitt, der noch nicht abgeschlossen ist, schwer einzufangen ist. Die im Workshop begonnenen Reflexions- und Verknüpfungsprozesse, insbesondere in Hinblick auf die politische Selbstverortung der Kultur- und Medienwissenschaften, werden anhalten. Post-X Politics war eine wichtige und spannende Möglichkeit für Studierende, sich am aktuellen Diskurs zu beteiligen - was sich bei einem Gegenstandbereich, der sich auf sehr aktuelle und teilweise schwer greifbare Phänomene bezieht, zwar als eine komplexe, vor allem aber produktive Angelegenheit herausgestellt hat.

Weitere Eindrücke der Veranstaltung

Kontakt

Dr. Clemens Apprich
Universitätsallee 1, C5.319
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2285
clemens.apprich@leuphana.de


Clara Wessalowski und Johanna Ochner. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.