Meldungen zum Studium

„Es wurde viel erreicht“ – Ein Blick auf die Anfänge der UN-Menschenrechtsabkommen

08.12.2017 Am Sonntag war Internationaler Tag der Menschenrechte. Angesichts politischer Entwicklungen wie in der Türkei, Russland oder den USA ist der 10. Dezember von besonderer Bedeutung. Christoph Kleineberg, Mitinitiator des Leuphana-Studienganges Governance and Human Rights, betont im Interview: „Die Akzeptanz der Menschenrechte hat zugenommen, aber wir müssen wachsam bleiben."

Herr Kleineberg, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde 1948 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Was hat sich seitdem getan?

Als die Vorsitzende der UN-Menschenrechtskommission Eleanor Roosevelt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vor knapp 70 Jahren auf den Weg brachte, da war das ein herausragender Meilenstein. Die Beteiligten haben sich intensiv mit der Frage auseinander gesetzt, wie eine bessere Welt entstehen kann. Bei der Um-und Durchsetzung der Menschenrechte ging es in den Anfängen um ganz andere Themen als heute. Damals kämpften breit aufgestellte Organisationen zugunsten großer Gruppen, also für allgemeine Interessen. Heute ist man gerade in der westlichen Welt dazu übergegangen, individuell seine Menschenrechte einzuklagen. Wir sind also einen deutlichen Schritt weiter gekommen.

Können Sie dafür konkrete Beispiele nennen?

Nehmen wir das Thema Gleichbehandlung. 1948 wäre niemand auf die Idee gekommen zu fordern: ‚Ich möchte ein drittes Geschlecht im Geburtsregister eintragen lassen.‘ Heute setzen sich damit verschiedene Institutionen wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte auseinander. Oder: Wir haben aktuell berechtigterweise eine Debatte über sexuelle Belästigung. Vor 20 Jahren hingegen mussten wir noch hinnehmen, dass Vergewaltigung in der Ehe nicht bestraft wurde - das klingt für mich nach institutionalisiertem Patriarchat. Gleichzeitig haben sich in Bezug auf die Menschenrechte sehr gute und ausführliche Schutz- und Kontrollmechanismen entwickelt, so dass viele Fälle ans Licht kommen. Insgesamt kann ich beobachten, dass Menschenrechte tendenziell immer größere Beachtung finden.

Der Eindruck ist aber doch ein ganz anderer: Versklavung, Ermordung, Unterdrückung – aus der ganzen Welt erreichen uns Meldungen von Menschenrechtsverletzungen.

Das sind wirklich schreckliche Nachrichten und wir beobachten in vielen Ländern auch Rückschritte. Was ich jedoch sagen will: In der Gesamtheit betrachtet nimmt die Akzeptanz von Menschenrechten zu. Lassen Sie mich noch ein Beispiel geben: An dem internationalen berufsbegleitenden Master Governance and Human Rights der Professional School  nimmt aktuell ein Student aus Saudi-Arabien teil. Er berichtet davon, dass sich in seinem Land eine Bewegung zugunsten der Gleichberechtigung entwickelt – vorsichtig, aber spürbar. In Saudi-Arabien gibt es tatsächlich mehr und auch  progressivere Stimmen als wir mitbekommen. Was bei uns hängen bleibt ist aber, dass Amnesty International im vergangenen Jahr mehr als 150 Hinrichtungen in dem Land zählte.

Seit der Wahl von Donald Trump blicken wir mit Sorge in die USA. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Dort sehe ich definitiv einen Einbruch. Ganz vieles, was dort in Bezug auf die Menschenrechte erreicht wurde, wird nun in Frage gestellt - Gleichberechtigung, Rollenverständnis der Frau, Minderheitenrechte oder der Schutz von Migranten. Was mir Sorge bereitet ist, dass diese Haltung in einer Parallelwelt stattfindet. Die Menschen bleiben mit ihrer Meinung und ihrer Mediennutzung unter sich und hören auf zu reflektieren. In dieser abgeschotteten Blase kann man die Leute nur schwer von Menschenrechten überzeugen. Und trotzdem glaube ich an eine Gegenbewegung. Dass es sie gibt, ist auch hier an der Professional School der Leuphana spürbar: Zu unserem internationalen Studiengang Governance and Human Rights haben wir von Anfang an Anfragen aus der ganzen Welt bekommen, nur nicht aus den USA. Das hat sich mit der Wahl von Donald Trump geändert: Das Interesse seitens amerikanischer Studierenden ist seitdem deutlich gestiegen. Wir nennen diese Phänomen ‚possession paradox‘: Man vermisst gewisse Dinge erst dann, wenn man sie nicht mehr hat – und fängt dann möglicherweise an, um sie zu kämpfen. 

Vielen Dank für das Gespräch.

M.A. Governance and Human Rights im Video

Christoph Kleineberg
Universitätsallee 1, C40.115
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1983
Fax +49.4131.677-2981
christoph.kleineberg@leuphana.de


Urte Modlich. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.