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Der Computermusiker: Lehrpreis-Gewinner Jonathan Reus im Portrait

29.01.2018 Der amerikanische Künstler und Wissenschaftler Jonathan Reus verbindet Mathematik und Informatik mit Geisteswissenschaften. An der Leuphana hat er bei der Entwicklung des Majors „Digital Media“ mitgearbeitet. Für seinen Seminarvorschlag „Algorithmic Ontohacking: Computational Time, Movement and the Body“ wurde er mit dem Lehrpreis ausgezeichnet.

Auf einer Leinwand flimmern Bedienfenster eines Computers. Dazu erklingen rhythmisch trommelnde, schnurrende und vibrierende Klänge. Jonathan Reus steht unten auf der Bühne und erzeugt die elektronische Musik. Aber er tut dies weit entfernt von üblichen Methoden digitaler Musikproduktion. Mit seinen Händen bedient er einen alten Computer-Bildschirm. Es scheint fast, als spiele er ihn wie ein traditionelles Musikinstrument. Er zupft jedoch keine Saiten und drückt keine Tasten, sondern manipuliert die Elektronik. Der gebürtige Amerikaner ist Musiker, Performer und Wissenschaftler. Reus musikalische Wurzeln liegen aber in der amerikanischen Volksmusik: Er spielt Banjo, Mundharmonika und Klarinette.

Video: Obsolete Apple computer performance (3:56 Min.)

Sein aktueller Musikstil ist weitaus technischer. „Programmieren ist eine wichtige Fähigkeit elektronischer Musiker oder Digitalkünstler. Sie erkennen, dass eine bestimmte Software spezifische kreative Ideologien mit sich bringt", erklärt Reus. Aus diesem Grund stellt er seine Kunst und Forschung an den Schnittpunkt der Kultur- und Naturwissenschaften. Für seine Studierenden bedeutet dies, dass sie nicht nur künstlerisch orientiert sein sollten, sondern auch die Grundlagen der Technik beherrschen müssten.

Dann wird sich mit dem Kurs „Algorithmic Onto-Hacking“ eine neue Welt eröffnen. Im Seminar arbeitet Reus mit der Philosophin Yvonne Foerster sowie dem Künstler und Forscher Jaime del Val zusammen, um eine kritische Analyse von Software und Algorithmen mit Tanz, interaktiven Medien und Computertechnologie zu verbinden. Die Fokussierung auf Algorithmen ist ihm wichtig, da sie eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung und Steuerung des künstlerisch Machbaren spielen. „Onto-Hacking“ ist ein Begriff, der dem Kollaborateur Jaime del Val entlehnt ist. Das Wort bezieht sich auf das Hinterfragen von Formen des Seins (aus dem Griechischen „Ontos“), die durch Software erzeugt werden. Dieses Konzept ist die theoretische Grundlage für den Kurs, der mit dem Lehrpreis ausgezeichnet wurde. „Zunächst studieren wir die Grundlagen der Phänomenologie und Verkörperungsphilosophie, die uns die konzeptionellen Werkzeuge an die Hand geben, um kritische Designfragen zu stellen. Von dort aus werden wir mit den Studierenden Computer-Interfaces entwerfen und bauen, die am Körper getragen werden“, erklärt Reus. Der Kurs schließt mit einem Workshop in Zusammenarbeit mit dem „Ontohacklab“ (Teil des EU-geförderten „Metabody-Projects“). Studierende zeigen Präsentationen und Performances. Reus kam vor drei Jahren an die Leuphana, um den Major im Bereich der digitalen Medien zu etablieren. Er war insbesondere für den Praxisteil verantwortlich. „Die Leuphana hat eine lange Tradition im Bereich der neuen Medien. Zusammen mit Berlin und Weimar gehört sie zu den großen Drei in Deutschland", sagt Reus. Er studierte Informatik und Bildende Kunst an der University of Florida in den USA. Im Jahr 2008 brachte ihn ein Fulbright-Stipendium nach Europa. Dort entwickelte er Computerinstrumente am Studio für Elektro-Instrumentalmusik (STEIM) in Amsterdam. „Die Niederlande sind sehr künstlerisch fortschrittlich, vor allem in den digitalen Medien", erklärt Reus seinen Umzug nach Europa. Heute lebt er als freischaffender Künstler in Den Haag. Kürzlich erhielt er einen großen Talentförderungspreis des „Dutch Creative Industries Fund“, und ab März wird er Forschungsstipendiat an der Kunstakademie ArtEZ in Arnheim. Reus Arbeiten wurden an zahlreichen internationalen Schauplätzen für Musik und Neue Medienkunst gezeigt. Zudem war er Artist in Residence in Spanien, Estland und Portugal.

Welche Klänge sind möglich?

Wenn Jonathan Reus über Musik spricht, meint er nicht Musik auf traditionelle Weise. Im Vergleich zu den meisten musikalischen Praktiken blicken elektronische Musiker eine sehr kurze Tradition. Deshalb sei es wichtig, grundsätzliche Fragen zu stellen: Welche kreativen Werkzeuge werden benötigt? Wie könnten neue Instrumente aussehen? Welche Klänge sind möglich? Für Reus ist das Potenzial der elektronischen Musik noch immer riesig: „Computer können Musik erzeugen, die Menschen nicht spielen können oder wollen. Das ist bemerkenswert, erfordert aber Achtsamkeit". 

Seine Kunst verlangt oft nach einer neuen Wahrnehmung. Bei seiner Installation „The Intimate Earthquake Archive“ trägt sein Publikum eine spezielle Weste, die mit einem Vibrationssystem ausgestattet ist. Damit werden Erdbebenschwingungen übertragen. „Es ist tiefes Zuhören im Körper“, sagt Reus. Für ihn geht die Rezeption und Komposition seiner Kunst über das traditionelle Zuhören hinaus. Da der Bildschirm die primäre Schnittstelle für die Datenverarbeitung bleibt, sind viele Computer-Musikprogramme für ihn sehr visionär. „Sie funktionieren oft wie eine Filmbearbeitungssoftware, was zu einer anderen Art des Zeiterlebens führt.“ Wenn er Instrumente baut, spricht er mehr von konzeptionellem Design als von Konstruktion. Aber er blickt auch auf seine musikalischen Wurzeln zurück: Er möchte mit Volksmusikern verschiedener Traditionen zusammenarbeiten, die auch ihre eigenen Instrumente bauen. Ihn interessiert die Beziehung des Musikschaffenden zu seinem Instrument. Sie ist auch grundlegend mit seiner Forschung zu digitalen Medien verbunden.



Lehrpreisträger Jonathan Reus im Video (0:51 Min.)

Marietta Hülsmann. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden.