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„Das Buch wird überleben.“ - Präsidentin des deutschen PEN zu Gast bei Podiumsdiskussion zum Medienwandel

06.02.2018 Welche Bedeutung das Lesen und neue Medien für die gesellschaftliche Entwicklung haben, darüber diskutierten am Wochenende Dr. Regula Venske, deutsche Präsidentin des Schriftstellerverbands PEN und Kulturjournalist Dr. Michael Köhler. Die College Veranstaltung im Libeskind-Auditorium war Teil des Leuphana Semesters.

Die Digitalisierung hat die Medienlandschaft verändert: Das Internet bietet in neuen Geschwindigkeiten Nachrichten, Videos, Blogs und Kommunikationsplattformen – ein Angebot, bei dem klassische Medien wie Radio, Fernsehen oder Buch scheinbar nicht mithalten können. „Erleben wir gerade einen Ablösungsprozess?“ Diese zentrale Frage stellte Leuphana Professor Achatz von Müller (Verantwortlicher des Verstehensmoduls) als Moderator der Podiumsdiskussion „Mediale Moden: Themen und Formate im Wechsel des Zeitgeistes“. Als Gesprächspartner_innen dazu eingeladen waren Dr. Regula Venske, Präsidentin der Schriftstellervereinigung PEN in Deutschland und Dr. Michael Köhler, Kulturjournalist beim Deutschlandfunk. 

Dass Menschen neue Medien als Bedrohung empfinden, ist ein altes Phänomen – das machten beide Gäste anhand von verschiedenen Beispielen deutlich: Der griechische Philosoph Sokrates sei etwa 400 Jahre vor Christus dem geschriebenen Wort gegenüber sehr kritisch gewesen, so Regula Venske: „Er glaubte, mit der Verschriftlichung gehe das Gedächtnis verloren.“ Michael Köhler erinnert an die Einführung des Farbfernsehens in Deutschland vor mehr als 50 Jahren und die damit verbundene Befürchtung, dass die Kunst darunter leide – „Was für Debatten, die damals geführt wurden!“

Gleichzeitig wiesen die Gäste auf neue Möglichkeiten und Rollen digitaler Medien hin. So beschrieb Regula Venske die Bedeutung des Internets für Menschen, die in Ländern leben, in denen freie Meinungsäußerung lebensgefährlich sein kann. „Blogger nutzen das Netz für kritische Artikel - und sie werden dafür verfolgt. Es kommt nicht von ungefähr, dass der  türkische  Präsident Erdogan regelmäßig Internetseiten zensiert und digitale Kanäle lahmlegt.“

Eine besondere Relevanz kommt nach Auffassung von Prof. Dr. Achatz von Müller jedoch dem Buch – „dem Grundmedium unserer Kultur“ zu.  Er beschrieb seine Sorge, dass das Lesen dem schnellen Informationskonsum zum Opfer fallen könnte.  „Ich behaupte: Ohne das Lesen wird die Autonomie der Information  und des Wissens zerstört – ein für alle mal.“ Tatsächlich kaufen immer weniger Menschen Bücher, bestätigte Regula Venske anhand von aktuellen Zahlen aus einer Studie des Börsenvereins des deutschen Buchhandels: „Von 2012 bis 2016 gingen dem Buchhandel mehr als 6 Millionen Buchkäufer verloren.“ Die Zahl der verkauften Bücher ging hingegen nur geringfügig zurück, was bedeutet: Die Kaufintensität hat zugenommen. Insgesamt bleibt die Schriftstellerin optimistisch: „Das Buch wird überleben“, sagte sie. Auch, weil es im Gegensatz zu den digitalen Medien aufgrund seiner Materialität etwas Bleibendes hat.

Ein Buch zu lesen, erfordere allerdings auch Fähigkeiten. „Wir müssen über Lesekompetenzen reden. Wenn Kinder Wörter entziffern, dann heißt das noch lange nicht, dass sie lesen können.“ Es gehe vielmehr um das Verstehen des Gelesenen, was viele Schüler_innen nicht beherrschten. Deswegen müßten Lehrer dafür wesentlich mehr Freiraum bekommen, betonte die Literaturwissenschaftlerin. „Einen geschützten Raum“, ergänzte Michael Köhler, „in dem alle Sinne erfahrbar gemacht werden.“ Angesichts steigenden Analphabetismus in Deutschland mahnte auch Historiker Achatz von Müller am Ende der Veranstaltung: „Wir müssen die Lesefähigkeit behalten. Wenn Informationen und Kritik Werte unserer offenen Gesellschaft bleiben sollen, dann ist das Lesen unverzichtbar.“

Mit dem Leuphana Semester bietet das College ein einzigartiges Einstiegsprogramm in das Studium. In den größtenteils fächerübergreifenden Modulen erarbeiten sich die Studierende Grundlagen eines wissenschaftlichen Studiums. Die Podiumsdiskussion „Mediale Moden: Themen und Formate im Wechsel des Zeitgeistes“ war eine Veranstaltung des Moduls „Wissenschaft lehrt Verstehen“.



Urte Modlich. Neuigkeiten aus der Universität können an news@leuphana.de geschickt werden