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Produktive Verunsicherung wagen - Dr. Steffi Hobuß zum College und zehn Jahren Leuphana

26.03.2018 Gibt es einen Zusammenhang zwischen antiker Philosophie und gegenwärtigem Studium? Was ist produktive Verunsicherung? Hilft es manchmal, Gelerntes auch wieder zu verlernen? Dr. Steffi Hobuß, akademische Leiterin des Leuphana College, im Interview.

Dr. Steffi Hobuß, Sie haben lange zur interkulturellen Philosophie und zur Philosophie der Antike geforscht und gelehrt. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Tätigkeit als akademische Leiterin des College?

Aus meiner Beschäftigung mit interkultureller Philosophie habe ich eine große Wertschätzung für Präsenzformate gewonnen, das heißt solche, bei denen man tatsächlich gemeinsam physisch irgendwo ist. Das heißt nicht, dass ich die Digitalisierung nicht auch vorantreiben will, das ist für mich natürlich wichtig, da den Anschluss zu halten und gute digitale Formate zu haben. Aber Digitalität ist nur Mittel zum Zweck, nämlich Verbesserung des Studiums, etwa durch mehr Interaktion in Lernphasen. Daher sollte im Sinne des Studiums beides ineinander greifen - ohne Präsenzformate geht es nicht, ganz besonders, wenn inhaltlich verschiedene Perspektiven zusammen kommen. Es ist nicht ersetzbar, gemeinsam präsent in einem Raum zu sein und sich in die Augen zu schauen und nachzudenken und gemeinsam Dinge zu formulieren, auch um zu merken, wie Formulierungen missverstanden werden können. Dann formuliert man es halt nochmal, in tatsächlicher gegenseitiger Präsenz. Deswegen sind mir Präsenz und Anwesenheit im Studium wichtig.

Und aus Ihrer Forschung zur Antike?

Ein Beispiel: Ich habe neulich wieder „Die Wolken“ von Aristophanes gelesen, eine Komödie von 423 v. Chr. Darin werden zwei unterschiedliche Bildungssysteme einander gegenüber gestellt, zwei Lehrer führen ein Streitgespräch, welche Bildung besser für den Bauernsohn Pheidippides ist. Der eine vertritt die tradierten Vorstellungen, wie Bildung zu sein hat, nämlich hauptsächlich Traditionen zu vermitteln. Der andere steht für die sokratische Vorstellung, also für das Prinzip „Denk lieber selbst, anstatt das zu übernehmen, was die Autoritäten Euch sagen“. Ideal wird es sein, wenn man beides miteinander verbindet, die reiche Tradition, aus der man viel lernen kann verbunden mit dem Mut, selbst zu denken. Dies zusammen ist etwas, das wir heute zu Liberal Education zählen würden. Mit solchen Überlegungen sind wir nicht allein. Die feministische Philosophin Martha Nussbaum zum Beispiel stellt in ihrem Buch „Cultivating Humanity. A classical defense of reform in liberal education“ dar, was Liberal Education sein kann und sein sollte. Sie tut das ebenfalls mit Bezug zur Antike und eben auch zu “Die Wolken”. Ich habe Freude daran, mich auf solche Weise mit Bildungsfragen zu befassen, zugleich besteht durch meine Tätigkeit aber immer ein Bezug zur Praxis. Es geht immer auch um die Frage, was sich wie umsetzen lässt.

In Ihren Reden und Publikationen zum College benutzen Sie gelegentlich den Ausdruck „produktive Verunsicherung“ – was meinen Sie damit?

Damit beziehe ich mich unter anderem auf das sokratische Gespräch, so wie es Platon festgehalten hat. Der platonische Sokrates bringt seine Gesprächspartner in eine tiefe Irritation, er zeigt die unvermeidliche Aporie in unserem Denken auf. Sie sind verwirrt, weil sie einsehen müssen, dass sie das, von dem sie glaubten, dass sie es sicher wissen, nicht wissen. Platon zeichnet einen Sokrates, der sagt: „Erst dann, wenn man in diese Aporie geführt worden ist, also eine schmerzliche Einsicht in sein Nichtwissen erlangt hat, kann man wirklich etwas lernen.“ Das ist eine Inspirationsquelle. Das heißt natürlich nicht, dass ich genau das mit den Studierenden machen will. Mir geht es um eine gut begleitete und vor allen Dingen produktive Verunsicherung. Es geht mir also nicht um eine Verunsicherung um der Verunsicherung willen – das wäre zynisch. Sondern es geht mir darum, den Studierenden klar zu machen, dass sie auch gewisse Sachen verlernen müssen, wenn sie an die Uni kommen. Dies könnte man auch von Maria Castro Varela herleiten.

An die Uni kommen, um Dinge zu verlernen?

Genau. Zumindest um dies auch zu tun. Lernen ist sehr oft auch ein Verlernen. Hier im College haben wir zum großen Teil junge Studierende, die frisch von der Schule kommen. Die haben das oft nicht auf der Rechnung. Sie denken „Lernen besteht daraus, immer mehr, immer mehr, immer mehr zu lernen“, akkumulativ also. „Je mehr ich lerne, desto besser.“ Ich bin überzeugt, dass man zulassen muss, dass man auch Sachen wieder verlernt und Einsicht darin gewinnt, dass das Wissen vorläufig beziehungswiese noch unzureichend war. Dies gilt selbst für Sachen, die einem bisher geholfen haben. Manchmal lernt man etwas und es ist zu diesem Zeitpunkt auch ein tatsächlicher Fortschritt. Aber im Nachhinein merkt man, dass das nicht der Wahrheit letzter Schluss war. Dies könnte man gut mit Hegel begründen. Es gilt, Gewissheiten hinter sich zu lassen. Das fällt uns allen nicht besonders leicht. Es ist mir ein großes Anliegen, dafür zu werben.

Zum zehnjährigen Bestehen der Leuphana geben Sie gemeinsam mit Prof. Dr. Anna Henkel eine Publikation heraus: „Die Rolle der Universität in Wissenschaft und Gesellschaft im Wandel“. Was hat es damit auf sich?

Ich bin schon ziemlich lange hier, seit 1996. Prof. Dr. Anna Henkel hingegen ist relativ neu hier. In unseren Diskussionen merkten wir, dass es hilfreich war, zu erfahren, wie die jeweils andere Strukturen und Prozesse wahrnimmt. Wir nahmen das und die zehn Jahre Leuphana zum Anlass, um noch weitere, unterschiedliche Perspektiven zu versammeln und zu schauen, was eigentlich das Spezifische, sozusagen das Ermöglichende an der Leuphana ist. Ich erinnere mich noch gut, wie viel Kritik es zu Beginn der Neuausrichtung gegeben hat. Wir wollen natürlich keine Lobhudelei machen. Aber wir haben Lust, möglichst viele Leute aus möglichst vielen Einrichtungen und Fakultäten und Ebenen dieser Universität zu fragen: Was bedeutet und ermöglicht für Euch das spezielle Modell, das wir hier haben? Wir haben ja ein ganz spezifisches Modell mit dem College, der Graduate School und der Professional School. Wir haben zentrale Einrichtungen, die es in diesen Zuschnitten an anderen Universitäten nicht gibt. Wir haben zudem die Idee der Wissenschaftsinitiativen. Forschung findet hier nicht in abgegrenzten Kästen statt, streng disziplinär, sondern Forschung und Lehre sind interdisziplinär, weil sie an gesellschaftlich relevanten Themen ausgerichtet sind. Die Idee und den Neuansatz, der hier gewagt wurde, möchten wir in der Publikation darstellen. Es ist offen gedacht und konzipiert. Wir wollten möglichst viele Leute zu einer Reflexion einladen. Das werden viele kleine Texte sein, viele Lichter, die sich zu einem hoffentlich facettenreichen Bild zusammensetzen. Am 4. April wird die Publikation dann bei einem Release-Event vorgestellt.

Kommen danach noch weitere Veranstaltungen dazu?

Wir hoffen, dass auch andere Akteurinnen und Akteure der Uni den Impuls aufnehmen. Zum Beispiel könnte die Frage nach der Universität im Wandel oder dem speziellen Modell, das wir hier haben, in den 10 Minutenreihen thematisiert werden. Oder das College-Kolloquium könnte sich im kommenden Semester solchen Fragen widmen. Außerdem plane ich gemeinsam mit Anna Henkel eine Tagung zum Thema „relationaler Humanismus“, die sich ebenfalls da einfügt. Ziel ist es, auch wissenschaftlich zu reflektieren, was wir hier tun oder tun sollten.

Vielen Dank für das Gespräch!



 Das Interview führte Martin Gierczak.