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Ein stimmiges Ganzes – Lehrentwicklung und Sozialpädagogik

30.04.2018 Die von Prof. Dr. Sandermann verantwortete Studiengangsentwicklung des Bachelors Sozialpädagogik wurde vom Lehrservice unter der Leitung von Dr. Julia Webersik unterstützt. Begleitung und Prozessmoderation wurden von Gesche Keding, Referentin für Lehrentwicklung im Lehrservice, übernommen.

Weder Juristen noch Ärzte, noch nicht einmal Ingenieure – am meisten nachgefragt werden am deutschen Arbeitsmarkt zurzeit Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Sie haben eine Einstellungsquote von nahezu 100%. Es gibt einen großen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedarf nach diesem Fach.
Daher überrascht es nicht, dass der Bachelor „Berufliche Bildung in der Sozialpädagogik“ seit Jahren erfolgreich läuft: Er hat beachtliche Abschlusszahlen und eine verschwindend geringe Schwundquote. „Das ist einerseits toll und man hätte es vor 30 Jahren auch nicht erwarten können“, kommentiert Studiengangsleiter Prof. Dr. Philipp Sandermann, „andererseits wird daran auch der Fachkräftemangel deutlich. Der zeigt sich in der Sozialpädagogik auf allen Ebenen. Das ist gerade für uns relevant, weil wir Leute ausbilden, die später Leute ausbilden für diesen Bereich.“ Sozialpädagogik ist an der Leuphana im Lehramtsstudium verortet und funktioniert nach dem „train the trainer“-Prinzip. Sandermann und sein Team nahmen personelle Wechsel zum Anlass, das Studienprogramm nochmal genau unter die Lupe zu nehmen. Sie fassten Forschungsstände, Lehrangebot und berufliche Perspektiven in den Blick und merkten, dass Aktualisierungsbedarf bestand. „Wir wollten das offensiv angehen“, sagt Sandermann, „es ging darum, den Kenntnisstand der Studierenden und der Alumnis zum bisherigen Studienangebot ernst zu nehmen, weil sie als einzige die Studienprogramme in der Draufsicht kennen. Außerdem galt es, Lehrende und das Studiendekanat mit einzubinden.“ Dabei war ihm klar, dass somit eine komplexe Mischung an Akteur*innen beteiligt war: „Das musste strukturiert, moderiert und gerahmt werden – das war Anlass, den Lehrservice anzufragen“, sagt er. Dies bot außerdem die Möglichkeit, die Expertise des Lehrservice in den Bereichen Hochschuldidaktik und Curriculumsentwicklung mit einzubinden. „Dafür brauchten wir ein repräsentatives Format als Organisationsform, mit Statusverteter*innen aus allen Gruppen, denen dann zugetraut wird, dass sie das gemeinsam machen. Mit dem Lehrservice hatten wir eine neutrale Instanz, die den Prozess zwar mit Fachwissen in Hinblick auf Curriculumsentwicklung allgemein unterstützt hat, aber gleichzeitig Ämterdiffusion vermied. Wenn ich das als Lehrender moderieren würde, wäre das nicht möglich gewesen.“ 
Eine sehr wichtige Rolle nahm auch Sabine Teichmüller, Referentin für Qualitätsmanagement in der Fakultät Bildung, ein. Als Mitglied des QPL-geförderten Netzwerks für Lehrentwicklung konnte sie den Reformprozess mit ihrer umfassenden Expertise unterstützen und die Beteiligten zu Fragen der Studienprogramm- und Lehrentwicklung beraten.

Studiengangsentwicklung „vom Ende her gedacht“ 

Leiterin des Lehrservice, Dr. Julia Webersik ergänzt: „Aus Sicht des Lehrservice ist die Vorgehensweise, die die Sozialpädagogik gewählt hat, exemplarisch. Es hat uns beeindruckt,  dass es innerhalb eines Programmes eine Studienprogrammgemeinschaft der Lehrenden und der Studierenden gibt, die sich über Lehre und das Programm austauschen und es auch zusammen weiterentwickeln wollen.“ Das ist nicht selbstverständlich, führt Webersik aus: „Eine kompetenzorientierte Gestaltung der Curricula und Module ist eine anspruchsvolle Aufgabe, besonders weil die Leuphana ja in ihrem Leitbild gezielt ein sehr umfassendes Kompetenzprofil anstrebt. Der Ansatz, den Gesche Keding seitens des Lehrservice gemeinsam mit den Sozialpädagogen verfolgte, betrachtet Studiengangsentwicklung vom Ende des Studiums her. In Kedings Worten: „Welche Situationen in Beruf und Wissenschaft sollten die Studierenden bewältigen können?“ 

Konkret wurde mit drei Szenarien gearbeitet: Neben der klassischen Laufbahn, die auf ein Lehramt in Berufsbildenden Schulen hinausläuft, wurde auch die wissenschaftliche Laufbahn betrachtet, ebenso wie Leitungsberufe in Ministerien und sozialen Bildungsorganisationen. „Diese drei Karrieregruppen haben wir perspektivisch als Studierende in unserem Studiengang – denen müssen wir was bieten“, sagt Sandermann, „dazu haben wir herausgefunden, welche Überschneidungen es zwischen den drei Szenarien gibt. Was brauchen alle? Was brauchen nicht alle? Wie viel Vielfalt wird in den Studieninhalten benötigt und was müssen alle durchlaufen?“ Webersik betont, dass es dabei nicht nur um technische Fertigkeiten geht und Sandermann ergänzt: „Im Berufsleben nach dem Studium werden Situationen neu sein. Nicht in jeder Hinsicht kann man die Leute vorher darauf vorbereiten oder ausbilden. Aber worauf man hin bilden kann, ist eine möglichst hohe Flexibilität und ein Wissensstand darüber, dass ich in bestimmten Situationen so agieren kann, dass ich auch mit etwas, das im Moment unerwartet ist, trotzdem umgehen und Sicherheit wieder herstellen kann.“

Der Blick „von hinten“, von den Berufsszenarien aus, erlaubte es, präzise einzelne Studieninhalte in ihrer Bedeutung zu erfassen. Als Beispiel nennt Sandermann Forschungsmethoden und Statistik – bei vielen Leuten, die von vornherein wissen, dass sie später ins Lehramt gehen wollen, keine beliebten Module. „Doch wenn man von einem beruflichen Szenario her schaut, was jemand braucht, die oder der zum Beispiel in einer ministeriellen Führungsposition oder einer administrativen Position ist oder der eine soziale Organisation leitet, wird klar, dass es ohne Statistik nicht geht. Diese Fertigkeit, also Statistiken zu verstehen, zu interpretieren, Teilaspekte herauszugreifen, kann man nicht bloß dadurch lernen, dass man sie in einem Methodenmodul einmal vorgestellt bekommen hat. Es geht nur darüber, dass man sich regelmäßig mit Varianten von Statistiken auseinandersetzt.“ Schwimmen lernt man nur, indem man schwimmt. Gäbe es einen „Wie man schwimmt“-Eintrag auf Wikipedia wäre dieser vermutlich faktisch richtig und gleichzeitig für das tatsächliche Schwimmen vollkommen irrelevant. Diesen Effekt gibt es, nicht nur mit Statistik, häufig und das hat Auswirkungen auf die Lehre. 

Explizites und implizites Wissen 

Durch den Umweg über die Szenarios, kann man die Aspekte des Kompetenzbegriffes, die über explizites Wissen hinausgehen, leichter in den Blick bekommen. Explizites Faktenwissen ist für bestimmte Bereiche relevant. „Aber es darf dabei eben nicht stehen bleiben, ansonsten ist es einfach eine Anhäufung von Fakten“, pointiert Sandermann. Zeitgemäße Lehre orientiert sich vielmehr an in Kontexte eingebettetem, implizitem Wissen. Dies gilt selbst bei Dingen, wo es scheint, dass explizites Wissen ausreicht, wie etwa bei Rechtskenntnissen. „Selbst da“, erklärt Sandermann, „hilft es, die Zusammenhänge zu verstehen; verglichen etwa mit einem ‚In diesem Paragraph, in diesem Absatz steht folgendes‘. Besser ist es, zum Beispiel zu wissen, warum es jetzt da steht, wo es früher einmal stand und warum es gewandert ist.“
Kompetenzen umfassen darüber hinaus psychologische Aspekte wie Motivation, Werte und Selbstorganisation. „Wie plane ich mich, was ist mir dabei wichtig? Es geht auch um Praktiken des Arbeitens und welche später in einem beruflichen Kontext hilfreich sind“, ergänzt Gesche Keding.  

Ein zentrales Element des Prozesses waren Gespräch und Diskussion. Studiengangsleitung, Mitarbeiter*innen, Studierende, Alumnis und Team Q haben aus ihren unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Kenntnissen Neuerungen erarbeitet und Bewahrenswertes zusammengetragen. Noch an einer weiteren Stelle ist das Gespräch unverzichtbar: In einem anderen Studiengang könnte ein solcher Prozess auch anders laufen. Dieses Vorgehen hat Keding im Gespräch mit Sandermann entwickelt. Webersik freut sich, dass der Prozess gemeinschaftlich lief: „Alle relevanten Akteure, Lehrende und vor allem auch Studierende haben in dem Programm gemeinsam geschaut, wo wir mit dem Programm hin wollen und was die Ziele sind, um ein stimmiges Ganzes zu entwickeln. Die Leuphana möchte Studienprogramme anbieten, die nicht nur den gesetzlichen Mindeststandards genügen, sondern auch ein stimmiges fachliches wie didaktisches Profil haben und zum besonderen Bildungsanspruch der Leuphana passen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Lehrenden aus dem Fach mit Expert*innen zu Didaktik und Curriculumsentwicklung und natürlich auch mit Studierenden und Team Q zusammenarbeiten, wie es im Falle des Sozialpädagogik-Reformprozesses gelungen ist.“ 

Lehrservice

Dipl.-Psych. Gesche Keding
Universitätsallee 1, C8.103a
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1262
keding@leuphana.de

Dr. Julia Webersik
Universitätsallee 1, C7.410
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1827
julia.webersik@leuphana.de

Institut für Sozialpädagogik

Prof. Dr. Philipp Sandermann
Universitätsallee 1, C1.318
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2381
Fax +49.4131.677-1633
philipp.sandermann@leuphana.de


Autor: Martin Gierczak