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Beschluss zur Intersexualität: „Es gibt auch etwas dazwischen“

05.06.2018 Daniel Masch wollte eigentlich Lehrerin werden. Doch heute berät der Transmann Menschen aller geschlechtlicher Identitäten. Der Leuphana-Doktorand wurde körperlich als Frau geboren, fühlt sich aber als Mann. Doch er kennt auch viele Personen, die sich aus unterschiedlichen Gründen keinem Geschlecht zuordnen können. Sie können nun die dritte Option wählen.

„Guten Tag, ich bin Herr Masch““ – Dieser Satz ging Daniel nicht immer leicht über die Lippen. „Früher hatte ich lange Haare, trug nur Kleider und Röcke. Ich wollte das Gefühl in mir nicht zulassen und zwang mich fast, weiblich zu sein“, beschreibt der 34-Jährige. Als Kind hatte er schon das Gefühl, lieber Junge als Mädchen sein zu wollen. Daniel Masch ist trans* und lebt heute als Mann. Dafür nimmt er Hormone und geht den nicht immer einfachen Weg der Transition zum männlichen Körper. Aber nicht immer kann sich jemand so eindeutig entscheiden. 

Dies betrifft besonders Trans*Personen, die sich nicht eindeutig weiblich oder männlich definieren, und Inter*Personen, bei denen beide Geschlechter körperlich angelegt sind. Ein Baby erscheint beispielsweise äußerlich männlich, aber im Unterleib sind dennoch Eierstöcke und Gebärmutter angelegt. Früher wurden diese Kinder oft operiert und bekamen ein Geschlecht zugewiesen. Bis Ende 2013 musste in der Geburtsurkunde entweder männlich oder weiblich als Geschlecht eingetragen werden. Nun hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass im Geburtenregister künftig ein dritter Geschlechtseintrag für intersexuelle Menschen möglich sein muss. Für Daniel Masch ist der Beschluss ein Riesenschritt in Richtung Toleranz und Anerkennung: „Die dritte Option zeigt Inter*- und nicht-binären Trans*Menschen: Ihr gehört genauso dazu wie alle anderen! Wir nehmen euch wahr.“ 

Mitten im Promotionsstudium kam die Wende

Die Leuphana strahlte das dank der Arbeit des Gleichstellungsbüros für ihn schon länger aus: „Die sind wirklich zauberhaft. Andere Unis könnten froh sein, wenn sie auch so eine gute Anlaufstelle hätten“, sagt Daniel Masch. Er studierte Grundschullehramt an der Leuphana. Nach dem Examen blieb er aber erst mal in der Wissenschaft, forschte zu problemlösendem Handeln bei Lehrer*innen und schrieb an seiner Doktorarbeit. Mitten im Promotionsstudium kam die Wende. „Ich schnitt meine langen Haare kurz und ging endlich in meinen Männerklamotten zur Uni“, erinnert sich Daniel Masch. Bisher hatte er immer bis zum Abend gewartet, bis er Röcke gegen Hosen tauschte. Jetzt zeigte er sich auch gegenüber seinen Studierenden so. „In diesem Semester leitete ich gerade ein Seminar. Einer meiner Studenten sprach mich an: Ich sei im falschen Raum. Sie hätten doch eine Dozentin“, erinnert sich Masch. Er ist froh, so klar und offen mit seiner Transidentität umgehen zu können: „Ich bin auch gesellschaftlich in meiner neuen Identität angekommen, aber soweit sind wir noch nicht für alle Menschen.“ 

Nicht jede Trans*- oder Inter*Person könne ihre geschlechtliche Identität so offen leben, wie sie sich fühle. Die psychische und emotionale Belastung dieses „Sich-Versteckens“ ist in vielen Fällen groß. Für viele Menschen entstehe daher die Gefahr psychischer oder körperlicher Erkrankungen. Frühberentungen oder Erwerbslosigkeiten seien nicht selten. „Viele haben das Gefühl, nicht zu passen und nicht gesehen zu werden“, erklärt Daniel Masch. Umso mehr weiß er die Offenheit der Leuphana mit dem Gleichstellungsbüro zu schätzen: „Wenn sich Menschen hier willkommen fühlen, bietet das größere Bildungschancen“, erklärt Masch. Die Universität sei ein geeigneter Ort, um reifen zu können. Allein mit den All-Gender-Toiletten und der gendergerechten Sprache sei die Leuphana schon früh wichtige Schritte gegangen. 

Dem binären Geschlechtersystem nicht unterordnen

Im Studium war das Gleichstellungsbüro wichtige Anlaufstelle für ihn. „Ich konnte dort stundenlang mit den Leuten reden“, erinnert sich Masch. Dann gründete er selbst eine Beratungs- und Anlaufstelle für Trans*Menschen und ist mittlerweile Geschäftsführer des Zentrums für Menschen der LGBTIQ*-Community, dem „checkpoint queer“ am Bahnhof. Dort berät er Trans*Personen, Intersexuelle und andere Menschen mit diverser geschlechtlicher Identität. Er kennt beispielsweise eine Person, die sich dem binären Geschlechtersystem auch äußerlich nicht unterordnen möchte und auf der einen Gesichtshälfte einen Bart stehen lässt und die andere Seite schminkt. Andere tragen keinen rein weiblichen oder männlichen Namen, sondern nennen sich beispielsweise Se oder T*, um ihre Trans*- oder Inter*Identität zu dokumentieren. Die Community sei divers, die Probleme häufig ähnlich. „Viele sind müde, sich immer erklären zu müssen. Manche lassen sich dann einfach von ihrer Umwelt zwangsgendern, sich also dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen“, berichtet Masch. Die neue Aufmerksamkeit durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts könne Vorurteile abbauen. Für ihn selbst gilt: „Wenn sich jemand unsicher ist, wie er mich ansprechen soll, darf er gern fragen“, sagt Daniel Masch. Ihm ist Offenheit wichtig; er mag, die Menschen, wie sie sind. „Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der sich jedes Geschlecht zeigen darf und keines abgewertet wird.“ 

Daniel Masch spricht am 06. Juni 2018 im Rahmen des Diversity-Tags um 16 Uhr in Raum C.14.027 über das Thema „Trans* - Ein unordentliches Gefühl?“


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Autorin: Marietta Hülsmann