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Diversität in der Lehre: Verena Eickhoff im Interview

05.06.2018 Die Referentin für diversitätsorientierte Lehre an der Leuphana erklärt anlässlich des Diversity-Tages, warum das Thema immer wichtiger wird und wie die Umsetzung gelingen kann.

Was bedeutet diversitätsorientierte Lehre? 

Diversitätsorientierte Lehre kann so verstanden werden, dass in der Gestaltung von Lehre und Studium Fragen wie die folgenden berücksichtigt werden: Wer sind meine Studierenden? Worin unterscheiden sie sich, welche Gemeinsamkeiten haben sie, und welchen Einfluss haben diese Aspekte auf das Lernen? Wie kann ich diese in lernförderlicher Weise bei der Lehr- oder Studiengangsgestaltung berücksichtigen? Konkreter gesprochen zum Beispiel: Welches Vorwissen haben die Studierenden, welche Kompetenzen besitzen sie bereits im selbstgesteuerten Lernen oder wissenschaftlichen Schreiben, wie flexibel sind sie zeitlich und räumlich? Die Schlussfolgerungen für die Lehrgestaltung können dann sehr verschieden sein: Heterogenes Vorwissen kann ich auf Lehrveranstaltungsebene mit bestimmten Methoden begegnen, auf Studiengangsebene sind Vorkurse eine Option. Besonders in den ersten Semestern ist es ratsam, zentrale Studierkompetenzen systematisch zu vermitteln und nicht schon vorauszusetzen. Durch Blended-Learning- oder Onlineformate biete ich einen flexibleren Zugang, der besonders bedeutsam für Studierende mit Erwerbs- und Sorgearbeitsverpflichtungen ist. Weitere Diversitätsdimensionen, die in der Lehre relevant sein können – aber nicht müssen – sind etwa die soziale Herkunft, „race“, Dis_Ability, Geschlecht ebenso wie die Studienmotivation, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen oder das Ablenkungs- und Aufschiebeverhalten. Sie können beeinflussen, wie zugehörig ich mich an der Hochschule fühle, ob ich durch rassistische oder ableistische Stereotype bedroht werde, ob ich eher strukturierte oder offene, forschungs- oder praxisorientierte Lehr-Lern-Settings bevorzuge. Als Lehrperson sollte ich meine Lehre so gestalten, dass ich die Bedürfnisse aller Studierenden berücksichtige.

Weitere Fragen sind: Wie kann ich Lehr-Lern-Settings so gestalten, dass Diversität als Lerngegenstand erfahren wird? Wie setze ich die Diversität der Studierenden aktiv so ein, dass das Erleben von Diversität den Perspektivwechsel befördert, Studierende sich eigener Normen bewusst werden und Empathie, Ambiguitätstoleranz und Konfliktlösungskompetenz entwickeln? Die Leuphana zielt darauf, ihre Studierenden zur Lösung gesellschaftlicher Problemlagen zu befähigen und die Bereitschaft zur Übernahme sozialer Verantwortung in einer pluralen Gesellschaft zu fördern. Hierfür ist Diversitykompetenz eine wichtige Grundlage. Unterstützt wird diese durch die Vermittlung von Fachwissen zu Diversität. Eine weitere Frage ist also: Welches Wissen über Diversität und ihre gesellschaftliche Relevanz möchte ich in meiner Lehre vermitteln, welche Erkenntnisse zu Diversität gibt es in meiner Disziplin und wie baue ich diese ins Curriculum ein?

Gibt es bestimmte didaktische/methodische Elemente, die sich besonders gut für die Umsetzung diversitätsorientierter Lehre eignen? 

Welche methodisch-didaktische Gestaltung besonders gut geeignet ist, hängt von der konkreten Zielsetzung ab, von der Frage, welche Bedeutung ich Diversität in einer konkreten Situation zuschreibe. Letzteres lässt sich nicht pauschal beantworten. Dennoch lässt sich grundlegend der abwechslungsreiche Einsatz interaktiver Methoden empfehlen, denn diese fördern Partizipation und Motivation. Unterschiedlichen Lernständen und Präferenzen in Bezug auf Lernformen kann so besser begegnet werden als in Settings, in denen die Lernaktivitäten primär rezeptiv sind. Zudem bieten Peer-Learning-Formate viele Möglichkeiten, um Diversität zu begegnen, da Studierende hier nicht nur die Rolle der Lerner*in, sondern auch der Tutor*in, Mentor*in oder Lehrenden einnehmen und so unterschiedliche Kompetenzen einbringen können und verschiedene Aktivitäten ausführen.

Durch kollaborative Lernformate, in denen Studierende gemeinsame Inhalte erarbeiten und erstellen – ein Beispiel wäre die gemeinsame Textproduktion, bei der Studierende verschiedene Rollen, etwa als Autor*in, Reviewer*in oder Lektor*in, übernehmen – wird das soziale Lernen gefördert. Studierende müssen sich mit Unterschieden in der Gruppe auseinandersetzen, sie können erfahren, dass für eine produktive Gruppenarbeit sowohl ein gewisses Maß an Gemeinsamkeiten als auch Unterschieden hilfreich ist und die Vereinbarung von allen akzeptierten Regeln eine wichtige Gelingensbedingung darstellt.

Um Diversität als Lerngegenstand und eine wertschätzende Haltung gegenüber Diversität zu fördern, bieten sich erfahrungsorientierte Zugänge an, in denen biografische Erfahrungen einbezogen und reflektiert sowie Perspektivwechsel und Empathie befördert werden. Dadurch wird nicht nur die kognitive, sondern auch die affektive Ebene angesprochen sowie Selbstreflexivität als metakognitive Fähigkeit gefördert. Einstellungen gegenüber Diversität sind eng mit den eigenen Werten und damit auch mit der eigenen Identität, dem eigenen Selbstkonzept verbunden, die über reine Wissensvermittlung schwer zu verändern sind.

Welche Angebote macht der Lehrservice der Leuphana, um Lehrende in der Umsetzung diversitätsorientierter Lehre zu unterstützen?

Das Unterstützungsangebot ist vielfältig und hängt von den Bedürfnissen der Lehrenden ab: Natürlich ist es möglich, eine grundlegende Beratung zu diversitätsorientierter Lehre zu bekommen, die gerade für Personen interessant sein könnte, die sich bisher eher wenig mit Diversität beschäftigt haben oder ihr Wissen systematisieren wollen. Wichtiger erscheint mir jedoch das Angebot, als Mitdenker*in zu fungieren. Viele der Lehrenden setzen sich seit Langem mit Diversität in der Lehre auseinander, in den Bildungswissenschaften ist dies ein wichtiges Forschungsthema, wenn auch stärker auf den Schulkontext bezogen. Für den Lehrservice geht es also gar nicht primär darum, Wissen zu vermitteln, sondern als Austauschpartner*in zu fungieren. Wenn ich eine Lehrveranstaltung oder einen Studiengang weiterentwickeln, diversitätsgerechter gestalten oder Diversity-Lehrinhalte integrieren möchte, dann ist es sehr hilfreich sich in einer Gruppe auszutauschen, gemeinsam Problemlagen, Ideen und Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren. Hier kann der Lehrservice einbezogen werden und eine Perspektive und Impulse „von außen“ bieten – und bei Bedarf methodisch-didaktische Expertise einbringen sowie bei der Umsetzung unterstützen. Die kann sowohl durch punktuelle Beratung erfolgen als auch durch Lehrentwicklungsprojekte. Durch die Förderung im Rahmen des Qualitätspakts Lehre stehen Lehrenden hierfür neben der fachlichen Unterstützung durch den Lehrservice auch Fördermittel zur Verfügung, so können zum Beispiel Peer Mentor*innen finanziert werden, wie es gerade in einem Projekt der Fakultät Kulturwissenschaft für Digital-Media-Incoming-Studierende aus Hong Kong der Fall ist, oder externe Expertise durch Workshops einbezogen werden. Zudem ist es unser Anspruch, Lehrende der Leuphana zu vernetzen und so Peer-Learning und einen hochschulweiten Dialog über diversitätsorientierte Lehre – und letztlich deren Umsetzung – zu unterstützen.

Wo sollte diversitätsorientierte Lehre an der Leuphana in der Zukunft Ihrer Meinung nach stehen? Was sollte noch selbstverständlicher werden?

Ich denke, dass Diversity und damit auch diversitätsorientierte Lehre hier an der Leuphana wie generell an deutschen Hochschulen noch nicht von allen als selbstverständlicher Bestandteil des Lehrens wahrgenommen und wertgeschätzt wird, auch wenn das Thema Diversity an der Leuphana sehr präsent ist und von vielen unterstützt wird. Meinem Eindruck nach erfolgt der Zugang zu Diversity häufig über einen persönlichen Zugang. Personen, die hinsichtlich bestimmter, gesellschaftlich besonders relevanter Diversitydimensionen minoritär positioniert sind, wenden sich dem Thema weit häufiger zu. Personen, die primär majoritär positioniert sind und dadurch überdurchschnittlich viele Privilegien besitzen, engagieren sich dagegen weniger selbstverständlich für Diversitybelange. Ich würde mir wünschen, dass Diversity noch selbstverständlicher als für alle bedeutsames Thema wahrgenommen wird. Auch in der Erziehungswissenschaft werden Differenz und Diversity bis heute nicht in der Allgemeinen Erziehungswissenschaft diskutiert, sondern in Spezialbereichen wie der Interkulturellen Pädagogik. In der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik gibt es bisher gar keine Arbeitsgruppe zu diversitätsorientierter Lehre. Kürzlich habe ich ein Webinar einer australischen Universität zum Thema Teaching & Learning belegt. Die allererste Aufgabe war, sich mit der Diversität der Studierenden und der Diversity-Policy der Hochschule auseinanderzusetzen. Das fand ich super! Diversität war ganz grundlegender Teil des Curriculums und kein Spezial- oder Randthema. In den akademischen Kulturen in Australien, Nordamerika oder UK scheinen mir Diversity und Inklusion schon viel tiefer verankert. Lehre und Studium diversitätsgerecht zu gestalten und sich aktiv mit Diskriminierung und Privilegien auseinanderzusetzen, wird als allgemeine Aufgabe betrachtet. Das würde ich mir für Deutschland und die Leuphana wünschen. Wenn also in Zukunft alle bei der Planung von Seminaren, Modulen und Studiengängen als einer der ersten Schritte reflektieren, wie die Diversität der Studierenden (und Lehrenden) berücksichtigt und gefördert und wie Barrieren vermieden werden können, dann wäre das toll. Wenn es dann auch gelingt, Barrieren im Zugang zum Studium abzubauen – so dass etwa die Bildungsherkunft nicht mehr den starken Einfluss hätte, den sie heute zu Ungunsten von Personen aus nicht-akademischen Familien hat, wenn die Leuphana den Einsatz für Diversität noch stärker mit der Lösung des gesellschaftlichen Problems mangelnder Bildungsgerechtigkeit verbinden würde – dann wäre das aus meiner Sicht umso erfreulicher. 

Vielen Dank für das Gespräch!


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