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Nur noch den Schmerz aushalten: Studieren mit chronischer Erkrankungen

06.06.2018 Nicht jede Hürde im Leben kann man sehen. Die 26-jährige Julia (Name von der Redaktion geändert) leidet unter einer chronischen Nervenerkrankung und nimmt deshalb schwere Medikamente. Wie sie ihr Studium trotzdem meistert, erzählt sie hier.

Ihre Sauerstoffflasche hat Julia im Rucksack versteckt. Niemand soll sie sehen. Die 26-Jährige musste sie aber heute mit zur Uni nehmen. Es ist Präsentationstag. Den kann sie nicht verschieben, aber die Schmerzen sind zu stark. Seit ihrer Pubertät leidet Julia unter Nervenschmerzen, einer so genannten Neuralgie. Immer wieder quälen sie schwere Attacken, die sie im Alltag lähmen. Die Ursache kennen die Ärzte nicht, eine Heilung scheint bisher aussichtslos. Julia ist chronisch krank. „Wenn die Attacken kommen, kann ich nur noch den Schmerz auszuhalten. Das Leid ist zu groß.“ Morgens hat Julia bereits ihre Medikamentendosis für den Tag aufgebraucht. Wenn jetzt die nächste Schmerzattacke kommt, hilft ihr nur noch konzentrierter Sauerstoff. Er zieht die Gefäße zusammen. Das wirkt krampflösend.

„Mein erstes Studium musste ich wegen meiner Erkrankung schon abbrechen. Die Prüfungen gingen über mehrere Stunden. Das habe ich nicht geschafft“, erzählt Julia. An der Leuphana klappt es besser. Einige Kurse aus dem ersten Studium konnte sie sich bereits anrechnen lassen. Den Nachteilsausgleich hat sie gerade erst beantragt. Aber eigentlich will sie kein Sonderfall sein. Vieles wäre vielleicht einfacher, wenn man ihr Handicap sehen würde, glaubt sie. Aber Julia trägt keinen Gipsarm und kann von einem Skiunfall erzählen. „Niemand sieht meine Schmerzen“, sagt die Studentin.

Sie muss mehrfach im Monat zum Arzt

Mittlerweile macht ihr nicht mehr nur die Neuralgie zu schaffen. „Die Medikamente dagegen sind so hoch dosiert, dass mein Magen und andere Organe angegriffen sind“, erzählt Julia. Während der Schmerzattacken verkrampft sich ihre Muskulatur so stark, dass sie nur durch Krankengymnastik wieder gelöst werden kann. „Das bedeutet aber auch, dass ich einen weiteren Termin in der Woche habe“, sagt Julia. Sie muss ohnehin mehrfach im Monat zum Arzt: Medikamentendosis neu einstellen, neurologische Untersuchungen oder Nebenwirkungen behandeln. Weil sie deshalb bei einer Gruppenarbeit für ein Referat oft fehlte, gab es Kritik von Kommilitonen. „Dann habe ich doch von meiner Krankheit erzählt“, berichtet Julia. Sie war erleichtert über die Reaktion der Gruppe. Alle hatten Verständnis.

Doch meist versteckt Julia ihr Leiden. Sie bekommt hoch dosierte Mittel, die man nicht mehr als Tabletten nehmen kann: „Wenn eine Schmerzattacke kommt, gebe ich mir in der Uni auf der Toilette eine Spritze“, sagt Julia. Auch mit der Sauerstoffflasche versteckt sie sich dort, wenn sie sich die Atemmaske vors Gesicht halten muss. Immer auf der Hut, dass niemand kommt. „Die Flasche rauscht, wenn man sie öffnet. Das kann man hören“, erklärt Julia. Noch immer ist es schwer für sie, mit ihrer Erkrankung offen umzugehen. Sie würde lieber mehr leisten können. Aber ihr Körper ist geschwächt von der jahrelangen Medikation und den Schmerzen. Meist wählt Julia Kurse, in denen sie eine Hausarbeit schreiben kann und keine Klausur. „Eine Stunde lang kann ich ganz gut arbeiten, aber dann muss ich mich meist wieder ausruhen“, erzählt Julia. Viele Prüfungen am Stück kann sie nicht ablegen. In der Regelstudienzeit schafft sie ihr Studium deshalb nicht. Dennoch möchte die gebürtige Hamburgerin bald ihr Bachelor-Examen ablegen und dann erstmal arbeiten: „Aber eine 40 Stunden-Woche schaffe ich wohl nicht.“

Eine Freiberuflichkeit kommt für sie auch nicht in Frage. „Ich muss abgesichert sein“, sagt Julia. Dauerhafter Stress kann wieder Auslöser für eine Schmerzattacke sein. Mit einem Schwerbehindertenausweis hätte die Studentin mehr Rechte, aber die Beantragung findet sie einfach nur „furchtbar“. So muss sie sich immer wieder rechtfertigen, ohne doch genau sagen zu können, was der Grund ist. In diesen Situationen genießt sie die Gespräche mit ihrer Freundin. Claudia wohnt im WG-Zimmer neben ihr und leidet unter Rheuma. „Wir haben ähnliche Probleme. Es tut gut, sich auszutauschen“, sagt Julia. 



Autorin: Marietta Hülsmann