Meldungen zum Studium

Studierende im Portrait: Huda Midani - Online in Damaskus

18.06.2018 Trotz Krieg und einer stark hierarchischen Gesellschaft kann Huda Midani „Governance and Human Rights“ in Syrien studieren. Sie nimmt online an den Kursen der Leuphana Professional School teil. Bildung ist für sie der Weg zu Frieden und Gerechtigkeit.

„Wenn du Angst hast, stirbst du“, sagt Huda Midani. Die Syrerin lebt, arbeitet und studiert in Damaskus. Obwohl dort Krieg herrscht. Zumindest im Moment sei es an ihrem Wohnort aber „ziemlich sicher“. Für Huda Midani ist die Situation in ihrem Land Motor, etwas ändern zu wollen. Sie studiert an der Professional School der Leuphana Universität Lüneburg den in seiner Form weltweit einmaligen Master-Studiengang „Governance and Human Rights“. Huda Midani hat einen Bachelor-Abschluss in Informatik und einen Master-Abschluss in Betriebswirtschaftslehre. Der technische Bachelor-Abschluss erschwerte ihr in Syrien aber einen politikwissenschaftlich orientierten Master-Abschluss. „Wir sind bei der Wahl nicht sehr frei. Es muss sich meist thematisch sehr eng an den Bachelor anschließen.“ Ihr Geschlecht hingegen sei kein Hindernis, obwohl die syrische Gesellschaft noch immer patriarchalisch orientiert sei. „Vielmehr schließen sich die Türen für diejenigen, die nicht zu den Eliten und ihren Anhängern gehören, also den mächtigen Gruppen in der politischen Ordnung“, erklärt Huda Midani.

Wut über die Ausgrenzung

Sie sieht in diesem Ungleichgewicht auch einen Auslöser für die Konflikte: „Viele in unserem Land wollen eine Rolle spielen, aber sie kommen nicht an die Spitze. Die Wut über die Ausgrenzung und ihre Gegendynamik durch die Eliten hat viel Gewalt hervorgerufen“, glaubt die Syrerin. Bildung ist der Ausweg für sie. Deshalb lernt sie und will ihr Wissen an andere weitergeben. Übers Internet erfuhr sie von den E-Learning-Kursen an der Leuphana. Für die 35-jährige Mutter auch die Möglichkeit, Studium, Familie und Beruf miteinander zu verbinden: „Ich habe ein Start-up gegründet und gebe Computer- sowie Management-Seminare an der Universität.“ Darüber hinaus ist sie in den Vorständen von zwei NGOs tätig und fungiert als Mentorin für zwei Start-up-Teams. In den freien Stunden nimmt sie an den Online-Kursen teil, tauscht sich mit Lehrenden und anderen Studierenden aus. „Auch aus diesen virtuellen Begegnungen sind schon Freundschaften entstanden“, berichtet die Syrerin.

90 Prozent der Kurse des Masters an der Leuphana sind online, zehn Prozent verbringen die Studierenden in Lüneburg. Für Huda Midani ist das nicht möglich. „Ich bekomme kein Visum für Deutschland, da man mir nicht glaubt, dass ich in meine Heimat zurückkehren will“, erklärt sie. Dennoch kann sie ihr Studium an der Leuphana abschließen. „Für Studierende, die Präsenzzeiten nicht wahrnehmen können, gibt es die Möglichkeit, per Online-Meeting über Adobe Connect an den Präsenzterminen teilzunehmen“, erklärt Juliane Herden vom E-Learning Service der Professional School. Trotzdem würde Huda Midani gern den Universitätsalltag erleben, beispielsweise einen Professor im Aufzug treffen oder mit Kommilitonen Kaffee trinken.

"Vielen Menschen in Krisengebieten würde geholfen"

Um diese Lücke zu schließen und eine Gemeinschaft von Sozialwissenschaftler*innen aufzubauen, gründet sie eine neue Initiative namens SSRD (Social Sciences Research Development). „In der SSRD-Initiative besuchen wir offene Online-Kurse (MOOCs) und verbinden uns mit Professor*innen und Studierenden im Ausland übers Internet, organisieren Seminare, bilden Forschungsgruppen und tauschen offene Ressourcen aus.“ Darüber hinaus wünscht sie sich weitere Online-Angebote – vielleicht sogar die Möglichkeit, auf ähnlicher Basis zu promovieren: „Vielen Menschen in Krisengebieten würde mit solchen Angeboten geholfen.“

Doch zunächst will sie die Situation in Syrien verbessern. „Die meisten in meinem Land haben eine gute ethische Einstellung, dennoch fließen überall Bestechungsgelder - so schlecht sie auch für ein funktionierendes Regierungssystem sind. Ich möchte dagegen kämpfen und helfen, bessere spirituelle, ethische und rechtliche Grundlagen zu schaffen“, sagt Huda Midani. Nach ihrem Abschluss möchte sie gern für eine gemeinnützige Organisation arbeiten, um den Menschen durch mehr Bildung Möglichkeiten zur individuellen und kollektiven Weiterentwicklung zu bieten: „80 Prozent der Syrer leben heute unter der Armutsgrenze. Armut ist die Wurzel vieler sozialer Probleme, wir brauchen viel Arbeit und fundierte Lösungen, um das zu bekämpfen.“ 

Online-Lernplattform der Professional School
Alle rund 1.150 Studierenden der Professional School nutzen die Online-Lernplattform zur Organisation ihres Studiums. 350 von ihnen sind in Studiengängen eingeschrieben, die die Plattform besonders intensiv nutzen. Insgesamt steigt die Zahl der User. Beispielsweise startet im Herbst der Master-Studiengang „Arts and Cultural Management“, der in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut angeboten wird. Der Studiengang wird sehr stark online geprägt sein, da hier Studierende aus der ganzen Welt teilnehmen werden.



Autorin: Marietta Hülsmann