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Neuer Minor „Psychology and Society“: „Raus aus dem Labor, rein ins Feld“

02.07.2018 Das Nebenfach stellt gesellschaftsrelevante Fragen der Psychologie in den Vordergrund. Bei deren Beantwortung können Interventionsstudien, Ich-Botschaften und nasse Smartphones helfen.

Es ist mucksmäuschenstill im Hörsaal als Professor Dr. Trötschel das klingelnde Handy einer Studentin ins Wasserglas wirft. Niemand wagt, etwas zu sagen. Noch vor der Vorlesung hatte Trötschel die Anwesenden mürrisch um Ruhe gebeten: „Mir bekommt der Wetterwechsel nicht gut.“ Als dennoch ein Telefon klingelt, wird er wütend. Was die Studierenden noch nicht ahnen: Die Kommilitonin ist studentische Mitarbeiterin des Professors für Organisations- und Sozialpsychologie, das Handy wasserdicht und die ganze Geschichte gespielt. Alle im Hörsaal waren Teil einer gestellten Situation. Trötschel führte den Begriff des normativen Verhaltens ein. Dieser beschreibt den Gehorsam gegenüber gesellschaftlichen Regeln. „Mit solch einem unerwarteten Ereignis in der Vorlesung wird Psychologie unmittelbar erlebbar. Die anschließende Diskussion zeigt die gesellschaftliche Bedeutung“, erklärt Trötschel. Der neue Minor „Psychology and Society“ stellt diese Aspekte in den Mittelpunkt und thematisiert die gesellschaftsrelevanten Elemente zweier Kernanwendungsfächer der Psychologie, der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie (AOW-Psychologie) sowie der pädagogischen Psychologie. „Damit erfüllen wir die Maßgaben der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und verbessern zudem die Anschlussfähigkeit des Major Psychologie (Grundlagen)“, erläutert Trötschel, der den Studiengang gemeinsam mit Professor Dr. Carolin Schuster entwickelt hat. 

Mit dem neuen Minor stellt sich das Leuphana College aber auch der Forderung des Wissenschaftsrats. Die Psychologie soll demnach mehr ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Deshalb fragt der Minor anwendungsorientiert: Wie kommt es beispielsweise zu unterlassener Hilfeleistung? Warum scheitern Klimaverhandlungen? Wieso verhalten sich Personen in Situationen, die eigentlich Widerstand erfordern, gehorsam? Im Falle des kleinen Hörsaal-Experiments können unter anderem Statusunterschiede eine Erklärung sein. Aber auch die Frage, ob sich der Einzelne angesprochen fühlt, einzugreifen. Es werden auch Handlungsempfehlungen erarbeitet. Beispielsweise hätten Studierende Ich-Botschaften senden können wie: „Ich empfinde diese Maßnahme als unverhältnismäßig.“ Diese Art der Kommunikation gilt in der Psychologie als konfliktvermeidend, da eigene Emotionen beschrieben werden, das Problem aber nicht direkt adressiert wird. 

Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Hochschullandschaft

Eine Besonderheit des Minor „Psychology and Society“ ist die frühe Praxisorientierung: „Raus aus dem Labor, rein ins Feld”, sagt Trötschel. Studierende können unter anderem ehrenamtliche Arbeit z.B. in der Nachbarschaftshilfe untersuchen und erforschen, wie weitere Menschen zur Teilnahme motiviert werden können. Hier spiele das Wir-Gefühl eine Rolle, wie stark Menschen also Nähe und Ähnlichkeiten zu ihren sozialen Gruppen wahrnehmen, sowie die Empathie, also die emotionale Perspektivübernahme. Aber auch Kosten- und Nutzen-Analyse wie beispielsweise soziale Anerkennung können bei sozialem Engagement entscheidend sein. Denkbar sei zudem die Erforschung des Verhaltens von Schlichtern bei der Lösung von Nachbarschaftskonflikten im Rahmen einer Feldstudie. Trötschel selbst forscht zu Verhandlungen. Ergebnisse aus diesem Forschungsfeld haben unmittelbare gesellschaftliche Relevanz, beispielsweise im Bereich politischer oder Klimaschutzverhandlungen. „Mit dem neuen Minor erarbeitet sich die Leuphana ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Hochschullandschaft und wird den verschiedenen Forderungen des Wissenschaftsrats bereits auf der Ebene von Bachelorstudiengängen gerecht“, sagt der Psychologe.

Thematisch ist der Minor breit gefächert und beschäftigt sich unter anderem mit Gesundheitspsychologie, Nachhaltigkeitspsychologie oder politischer Psychologie. „Damit sprechen wir Bewerber*innen sehr vieler Disziplinen an“, sagt Trötschel. 

„Psychology and Society“ startet zum Sommersemester 2019, eine Bewerbung ist allerdings schon zum WiSe 18/19 möglich. Der Minor wird in englischer Sprache studiert.


Kontakt

Prof. Dr. Roman Trötschel
Universitätsallee 1, C1.013
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1759
roman.troetschel@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann