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Studierende im Portrait – Seda Güner: Die Kämpferin

23.07.2018 Die angehende Lehrerin hat den schwarzen Gürtel in Taekwondo, setzt sich für benachteiligte Kinder ein und muss für sich selbst einstehen, wenn sie mal wieder hört: „Sie sprechen aber gut Deutsch!“.

„Danke, Sie aber auch“, antwortet Seda Güner dann höflich. Doch sie muss schlucken. Die 27-Jährige ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Jetzt wird sie Deutschlehrerin für Haupt- und Realschulen. „Was studierst du?“, fragen manche überrascht. Gerade wegen dieser Vorurteile hat sie sich für Deutsch als Schulfach entschieden. „Ich wollte zeigen, dass ich es schaffe. Manche stempeln einen als dumme Ausländerin ab.“ 

Seda hingegen liebt die Diversität. Je bunter, desto besser. Auch an der Schule. „Ich arbeite mit allen Kindern gern“, sagt sie. Soziale Themen sind ihr noch wichtiger als fachliche Leistung. „Ich möchte vor allen Dingen Schüler*innen mit Defiziten helfen.“ Die Arbeit im sozialen Brennpunkt kann sie sich gut vorstellen; Verständnis ist Seda genauso wichtig wie Respekt: „Ich kann mit der Faust auf den Tisch hauen und danach dennoch freundlich ,Guten Morgen‘ sagen.“ Klare Regeln hat sie beim Taekwondo gelernt. Sie trainiert seit 20 Jahren und trägt den Titel des zweiten Dan. In einem Jugendzentrum im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg unterrichtet sie Kinder, die zum Teil soziale oder emotionale Defizite haben. „Beim Taekwondo kann man sich auspowern. Das hilft beispielsweise Kindern mit ADHS.“ Aber auch Meditation ist Teil der koreanischen Kampfsportart. „Ich habe sie als Methode im Schulunterricht verwendet. Meditation hilft beispielsweise Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten, sich zu fokussieren.“ Ihre Bachelorarbeit hat Seda Güner über Motivationsförderung bei Schüler*innen geschrieben. Sie möchte, dass Jugendliche ihre Ziele erreichen und dafür den Kampfgeist in ihnen wecken.

Lieber keine Verbrecher jagen

Seda Güner hat sich bewusst fürs Lehramt entschieden. „Ich hatte mich auch bei der Polizei beworben und bekam ebenfalls eine Zusage. Doch mir wurde klar, dass ich lieber Kindern bei ihrer Entwicklung fördern möchte als Verbrecher zu jagen.“ Ihr Migrationshintergrund sei ein Vorteil für den Lehrerinnen-Beruf. Ihre Mutter kommt aus der Türkei, ihr Vater ist Krim-Tatare: „Ich spreche Türkisch und verstehe Russisch. Kindern, die Deutsch als Zweitsprache lernen, kann ich gut erklären, warum beispielsweise das Verb an dieser und nicht an jener Stelle erscheint, wie sie es aus ihrer Muttersprache kennen.“ 

Kulturelle Unterschiede sind auch an anderer Stelle Inhalt. Seda Güner studiert als zweites Fach Biologie. In einem Seminar hielt sie gemeinsam mit weiteren angehenden Lehrerinnen ein Referat zu Genitalverstümmelung bei Mädchen. „Durch die aktuelle Migrationsbewegung kann es auch in Klassenzimmern ein Thema werden“, erklärt Seda Güner. Zu ihrem Vortrag hatten die Studentinnen eine Vertreterin der Menschenrechtsorganisation „Terre des femmes“ eingeladen. Sie war von den Ausführungen so bewegt, dass sie die Gruppe nach Hamburg einlud, um das Referat dort noch einmal zu halten.

Seda Güner unterrichtet nicht nur gern bunte Klassen. Selbst in St. Georg groß geworden, möchte sie auch Vorbild sein für Jugendliche mit Migrationshintergrund. „Ich freue mich, wenn die Leute sagen: ,Klasse, du machst etwas aus deinem Leben. Das wünsche ich mir für meine Kinder auch.‘“ 



Autorin: Marietta Hülsmann