Meldungen zum Studium

Studierende im Portrait: Lina Berg – „Brexit? Völlig verrückt!“

20.08.2018 Am 23. Juni 2016 verschlug es Lina Berg die Sprache: Fast 52 Prozent der britischen Wähler*innen hatten für den Brexit gestimmt. Um die Hintergründe des Votums besser zu verstehen, ging sie für ein Praktikum zur Europäischen Kommission nach London und kam mit einem Masterarbeit-Thema zurück.

„Völlig verrückt“ – So lautet Lina Bergs erster Gedanke nach der Brexit-Entscheidung „Meine Generation wächst mit Europa auf. Für mich ist es unverständlich, warum ein Staat aus der Union austreten will“, sagt die 27-Jährige. Sie legte ihren Bachelor an der Universität Magdeburg in European Studies ab und studiert nun an der Graduate School Staatswissenschaften. Lina Berg ist von Europa begeistert: „Es ist ein Friedensprojekt.“ 

Doch als solches würde es viele Brexit-Befürworter in Großbritannien es nicht sehen. „Für sie ist die EU ein Wirtschaftsbündnis. Sie glauben, Großbritannien würde es ökonomisch ohne die EU-Regularien und -Abgaben besser gehen“, berichtet Lina Berg. Drei Monate lang recherchierte sie Meinungen und Stimmungsbilder für die Europäische Kommission in London. In jedem EU-Land gibt es diese Vertretungen. „Die Informationen, die wir in der politischen Abteilung zusammentragen, werden nach Brüssel gespiegelt.“ Eine anspruchsvolle Aufgabe – gerade für eine Praktikantin: „Ich wurde in eiskaltes Wasser geworfen“, erinnert sich Lina Berg. Nicht nur Detailwissen übers Parlament wurde erwartet, gleich an einem ihrer ersten Praktikumstage wurde sie zu einer Debatte mit Brexiteers, also EU-Gegnern, geschickt. „Dort habe ich meine Unterlagen von der Europäischen Kommission unter meinem Block versteckt“, erinnert sich Lina Berg. Doch am Ende überraschte sie die oft sehr respektvolle Debattenkultur: „Das sind nicht alles Populisten. Viele sehen sich durch die Geschichte Großbritanniens mehr mit dem Commonwealth verbunden als mit der EU.“

800 Euro für ein WG-Zimmer

Etwa ein Jahr lang warten Bewerber*innen auf einen der begehrten Praktikumsplätze. Bei Lina Berg war es genauso. „Ich bin froh, dass alles so gut geklappt hat. Schließlich habe ich das Praktikum selbst organisiert.“ Neben dem Platz bei der Europäischen Kommission musste sie sich auch um eine Unterkunft kümmern. Schon rein finanziell kam nur eine WG in Frage. „Es war ein sehr teures Praktikum. Allein das WG-Zimmer hat 700 Pfund im Monat gekostet. Das sind umgerechnet fast 800 Euro.“ Da Lina Berg aber schon länger als studentische Hilfskraft an der Graduate School arbeitet, konnte sie etwas zurücklegen.

Die neuen Erfahrungen waren für sie ohnehin unbezahlbar. „Es war ein ganz besonderes Gefühl als ich zum ersten Mal in die Houses of Parliament gegangen bin“, erinnert sich Lina Berg. Die Büros der Europäischen Kommission sind im Europe-House angesiedelt, einer viktorianischen Stadtvilla mitten in Westminster. Jeden Morgen hörte Lina Berg Big Ben läuten und ging an den vielen Bobbys vorbei, die das Regierungsviertel schützen. Sie besuchte Ausschuss-Sitzungen, hörte sich die Ideen von wissenschaftlichen Think-Tanks zur Zukunft Großbritanniens außerhalb der EU an oder lief zu Universitäten, um dort Stimmungsbilder einzufangen. „Grundsätzlich trifft man in London meist EU-Befürworter.“ Und sie machen auf die problematischen Konsequenzen des Brexits aufmerksam. „Mir ist dort erst klar geworden, dass wirklich alles vom Austritt betroffen sein wird: vom Shampoo-Import bis zur nordirischen Grenze.“ Dieses Thema bewegt Lina Berg besonders: „Durch das Karfreitagsabkommen wurde der Nordirland-Konflikt nicht gelöst, sondern nur stillgelegt.“ Mit dem Beschluss beendeten Irland, Großbritannien und die nordirischen Parteien 1998 die gewalttätige Phase. Tritt Großbritannien aus der EU aus, wird die nordirische Grenze zur EU-Außengrenze. „Wie wird sich das auf den dortigen Frieden auswirken?“, fragt Lina Berg.

"London hat mich gepackt"

Das Karfreitagsabkommen erlaubt den Nordir*innen zusätzlich zur britischen auch die irische Staatsangehörigkeit zu führen. Das sollte den Identitätskonflikt der Menschen lösen. Wer eine doppelte Staatsbürgerschaft hat, wird also nach dem Brexit Staatsbürger*in eines Nicht-EU-Landes sein, aber genauso EU-Bürger*in. Lina Berg möchte sich in ihrer Masterarbeit mit dem Verhältnis der Nordir*innen zur Staatsbürgerschaft auseinandersetzen. Hat es sich durch den bevorstehenden Brexit verändert? Zumal die Mehrheit der Nordir*innen gegen den Brexit gestimmt hat. 

Doch Lina Berg hat nicht nur ein Prüfungsthema aus England mitgebracht, sie ist auch zum Großbritannien-Fan geworden. „London hat mich gepackt. Eine tolle Stadt! Und ich mag den Humor der Briten. Beispielsweise hat die nordirische Grenze einen eigenen Twitter-Account, auf dem sie aus der Ich-Perspektive von ihren Brexit-Sorgen berichtet.“ Wenn Lina Berg ihren Master in der Tasche hat, würde sie sehr gern in einem EU-Projekt arbeiten – am liebsten in London. Deshalb hofft sie wie viele ihrer Kolleg*innen bei der Europäischen Kommission doch noch auf einen Exit vom Brexit. 


Weitere Informationen