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The Future of Graduate Education: französische Gelehrsamkeit oder problembasiertes Lernen?

15.10.2018 Fundamentale systemische Unterschiede, gemeinsame globale Anliegen und der Mut, weiter aufeinander zuzugehen und voneinander zu lernen, waren die zentralen Erkenntnisse der Podiumsdiskussion „The Future of Graduate Education“. Sie bildete im Rahmen des zehnjährigen Jubiläums der Leuphana Graduate School den Auftakt der gleichnamigen Veranstaltungsreihe, in der 2019 verschiedene Diskussionsformate und eine abschließende Konferenz angeboten werden.

Auf das Podium eingeladen waren Prof. Dr. Ed Brinksma, Präsident der Technischen Universität Hamburg (TUHH), Dr. Jochen Hellmann, Generalsekretär der Deutsch-Französischen Hochschule in Saarbrücken, Prof. Dr. Monika Jungbauer-Gans, Soziologin und Bildungsforscherin sowie Geschäftsführerin am Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Hannover und Prof. Dr. Sascha Spoun, Präsident der Leuphana. Prof. Dr. Markus Reihlen, als Vizepräsident verantwortlich für die Graduate School, moderierte die Veranstaltung.

Scheinbare und echte Gräben überwinden

Eine Graduate School, die Master und Promotion unter einem Dach vereint, stehe entgegen der deutschen Hochschultradition, erklärte Spoun in seiner Begrüßungsrede. Wozu eine Graduate School dieser Art? „Für universale und universelle Bildung“, pointierte der Präsident. Universale Bildung bedeute, akademische Fähigkeiten zu erlangen, die für alle Berufsfelder hilfreich seien: analytisches Denken etwa oder die Kompetenz, längere Projekte selbst- und eigenständig durchzuführen. Universelle Bildung dagegen sei sowohl für Wissenschaft als auch für Praxis relevant. Immer noch werde davon ausgegangen, dass es einen Graben zwischen Wissenschaft und „Lebenswelt“ gäbe. „Diesen nur scheinbaren Graben zu überwinden, ist die wichtigste Aufgabe unserer Graduate School“, schloss Spoun.
In der anschließenden sehr regen Diskussionsrunde stellte vor allem die Vertreterin der Bildungsforschung, Monika Jungbauer-Gans, in den Vordergrund, dass ein anderer „Graben“ nicht in Vergessenheit geraten dürfe: nach einer längeren Phase der Besserung sinke die soziale Mobilität seit einigen Jahren wieder kontinuierlich, dass heißt, die soziale Herkunft bestimmt in Deutschland wieder zunehmend die Bildungschancen in einem weiterhin nicht flächendeckend geöffneten Hochschulsystem. Dies betrifft primär die Bachelorausbildung, doch auch die Graduate Education muss sich die Frage gefallen lassen, wie exklusiv und homogen ihr eigenes Milieu im Laufe der Zeit wird oder geworden ist. Spoun betonte in diesem Zusammenhang die Relevanz der dualen und weiterbildenden Studiengänge.

Niederländisches problem-based learning versus französisches „savoir“

Für die Zukunft der Graduiertenbildung seien auch aus diesem Grund Vielfalt und Diversität wichtig, erklärte Brinksma: „Standards sind keine Antworten mehr.“ Auf die Frage des Moderators, ob an der TU Hamburg ebenfalls das an der Universität Twente eingeführte „problem- bzw. project-based learning“ die Zukunft der Graduiertenausbildung bestimmen wird, führte Brinksma aus, dass gerade im ingenieurswissenschaftlichen Studium Theorie und Praxis Hand in Hand gehen müssten, der künftige Fokus aber noch viel mehr auf das „Testen im Feld“ gelegt werden müsse. „Man lernt am besten durch learning-by-doing und aus den Fehlern, die man macht“, zeigte sich Brinksma überzeugt. Beides vermisse er in den klassischen Vorlesungen – „Von denen es immer noch zu viele gibt.“ Völlig auf diese verzichten könne man jedoch nicht: Sie seien der Ort, an dem Lehrende inspirieren, Verständnis und Enthusiasmus kreieren. Die an Universitäten vielfach übliche Didaktik, zunächst die theoretischen Grundlagen und in der Folge die praktische Anwendung zu behandeln, entspräche ohnehin nicht der Realität, kritisierte Brinksma. Im Zuge der Industrialisierung zum Beispiel wurden Dampfmaschinen erfunden – ohne Kenntnis der Thermodynamik. Erst als man deren Funktion optimieren wollte, entwickelte sich dieses Forschungsgebiet.

An dieser Stelle führte Hellmann die vergleichsweise stark kontrastive Wissenschaftstradition französischer Universitäten an und zeigte auf, dass auch diese nicht per se zu verurteilen wäre. „Meine größten Inspirationen habe ich von herausragenden frankophonen Professorinnen und Professoren und in deren Vorlesungen erhalten“. Auf das französische „savoir“, die Gelehrsamkeit, sei man in Frankreich besonders stolz und würde die deutschen Bemühungen um transdisziplinäre Kompetenzen mit „einem Stirnrunzeln wahrnehmen“. Hellmann legte in diesem Kontext dar, welche große Relevanz ein bestimmter Wissenschaftskanon in prinzipiell allen Disziplinen hätte, um überhaupt eine solide Basis zu haben, Projekte aufzusetzen und sich darüber auszutauschen.

Es müsse nicht nur eine Vielfalt an Lehrformaten sondern eine Vielfalt an Graduate Education-Systemen geben, merkte Brinksma im Hinblick auf Hellmanns Ausführungen an.
„Mit dem jetzigen System verspielen wir viele Talente, weil jeder Mensch individuell verschieden ist und das nicht berücksichtigt wird.“ Selbstbewusstsein werde durch Erfolge gewonnen, die dann wiederum den Wissensdurst verstärken würden. Als positives Beispiel für ein alternatives universitäres Lernsystem nannte er die französische Computerprogrammierschule „42“, in der es keine Lehrpersonen gibt, sondern ausschließlich peer learning stattfindet. Die Tatsache, dass ein derart ausgeprägter Gegenentwurf zur Tradition der französischen Gelehrsamkeit ausgerechnet von Franzosen gegründet wurde, sei wiederum ein Zeichen dafür, dass Systeme lernfähig seien, ergänzte Hellmann. Er betonte in diesem Zusammenhang die herausragende Relevanz einer weiter intensiv betriebenen Internationalisierungsstrategie im Bereich der Graduate Education. Anders seien Lernen und Innovation in einem Hochschulsystem kaum möglich:  „Für die Zukunft der Graduate Education ist es wichtig, weiterhin experimentierfreudig zu sein.“

Auf die Frage des Moderators, wie unter diesen Voraussetzungen mit den aktuellen Überlegungen zu „Europäischen Universitäten“ (vgl. Frankreichs Präsident Macron, September 2017) umzugehen sei, waren sich vor allem Spoun und Hellmann einig, dass die durchaus lobenswerte Initiative große strukturelle Hürden wird überwinden müssen: Verschiedene Governance- und Verwaltungsstrukturen in einen „Topf zu werfen“, werde nur schwer funktionieren. „Die Schaffung einer neuen Universität auf der grünen Wiese“ wäre das einzig sinnvolle Modell, dies sei jedoch nicht finanzierbar, weshalb jetzt mit Kompromissen etwas gebastelt werde, dessen Ergebnis noch nicht abzusehen sei. Dennoch, oder gerade deshalb, rät Hellmann der Leuphana Graduate School für ihre Zukunft, primär die Internationalisierung weiter auszubauen. Jungbauer-Gans ergänzte in diesem sowie im Kontext der zuvor erwähnten Governance-Strukturen, dass zukünftig ein partizipatives System, das jedoch ohne die häufig repetitiven Schleifen des Gremienwesens auskommt, ein entscheidender Wegweiser sein könne. Gerade im Hinblick auf die Idee einer bzw. mehrerer europäischer Universitäten müssten die derzeitigen Governance-Strukturen vieler europäischer Hochschulsysteme überdacht werden. Brinksma schloss mit der Empfehlung an die Leuphana, „weiter zu machen“ mit ihren Bemühungen und Anstrengungen auf dem Weg zu einem Raum, der Mut, Eigeninitiative und geistige Umwege fördert und belohnt.

Moderator Reihlen schloss die Diskussion in diesem Sinne mit dem Hinweis, dass für die Studierenden Ambiguitätstoleranz maßgeblich sei: „Es gibt keine einfache Weisheit. Die zentrale Idee der Aufklärung ist immer noch hochaktuell: Habt Mut, euren eigenen Verstand zu benutzen!“


Kontakt: Koordination 10 Jahre Graduate School

Dipl.-Geogr. Julia Harlapp
Universitätsallee 1, C14.026
21335 Lüneburg
julia.harlapp@leuphana.de

Dr. Anja Soltau
Universitätsallee 1, C14.129
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2402
Fax +49.4131.677-2410
anja.soltau@leuphana.de


Autorin: Morgaine Struve