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Kleine Dinge gut machen – Interview mit Prof. Dr. Teun Dekker

22.10.2018 Prof. Dr. Teun Dekker, Vizedekan des University College Maastricht und erster Professor für Liberal Education in Europa, wird die Keynote-Rede beim diesjährigen Tag der Lehre am 28.11.2018 halten. An diesem Tag wird es in Vorträgen, Workshops sowie Diskussionsrunden vor allem um die Frage gehen, wie die gemeinschaftliche Gestaltung von Lehren und Lernen gelingen kann.

Herr Professor Dekker, Sie sind bereits sehr früh Vizedekan geworden. Was ist Ihr Geheimnis? Häufig sagen die Leute auf diese Frage: „Es gibt kein Geheimnis – man muss nur richtig hart arbeiten“.

Nun, man muss hier präzise sein: In der Tat muss man hart arbeiten – aber nur und genau bei der Arbeit, die wirklich wichtig ist. In der Bildung ist es in dieser Hinsicht wie in einem Einzelhandelsunternehmen. Es gibt eine Million kleiner Dinge, die getan werden müssen. Exzellenz in der Bildung bedeutet eine Million kleiner Dinge gut zu machen.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Gerne: Sicher zu stellen, dass Seminarräume lernfreundlich sind. Dass die Zeitpläne rechtzeitig bekannt gegeben werden. Dass die Noten pünktlich verfügbar sind. Dass die Anmeldungs- und Verwaltungsverfahren reibungslos ablaufen. Dass die Studierenden Feedback zu ihrer Arbeit erhalten. Ich kümmere mich um all diese kleinen Dinge. Das ist das Faszinierende daran: Bildung – und dies gilt insbesondere für Liberal Education, die ja in einer Gemeinschaft stattfindet – besteht aus tausend kleinen Interaktionen zwischen vielen verschiedenen Menschen. Die Qualität der Interaktionen, die man hat, wenn man sich mit jemanden im Flur unterhält, wenn eine Student*in mit einer Professor*in spricht, wenn man eine E-Mail sendet, all diese kleinen Interaktionen laufen zusammen und formieren sich zu was Größerem. Wenn man sich also nur darauf konzentriert, diese Interaktion auf praktische Weise wirklich zielführend und einfach zu gestalten, dann ergibt sich alles von selbst. Ich wurde so schnell Vizedekan, indem ich immer darüber nachdachte, wie wir diese Dinge in der Praxis, auf einer konkreten Ebene, gut funktionieren lassen können.

Sie haben die europaweit erste Professur für Liberal Education. Was verstehen Sie darunter?

Ich denke, bei Liberal Education geht es um drei Dinge: Das „Was?“, das „Wie?“ und das „Warum?“. Das „Was“ der liberalen Bildung ist dabei eine Mischung aus inhaltlicher Breite und inhaltlicher Tiefe. Ich halte es also auch für wichtig, dass in der Liberal Education nicht nur breit, sondern auch tief studiert wird.

Ist das nicht ein Widerspruch?

Nein. Ich denke, wenn man wirklich hart arbeitet, schafft man das. Man kann allgemeine Dinge besser verstehen, wenn man eine Tiefeneinsicht hat. Und man kann die Tiefe besser durchdenken, weil man breit angelegtes Wissen hat.

Was kann man zum Beispiel besser verstehen, wenn man auch andere Dinge weiß?

Zum Beispiel politische Philosophie. Das Schöne an der Philosophie im Allgemeinen ist, dass sie einem eine Denkweise beibringt, die in vielen verschiedenen Situationen Anwendung findet. Wenn Sie über moralische Prinzipien und Grundprinzipien von Freiheit und Demokratie oder das Wohl des Einzelnen nachdenken können, können diese Begriffe Ihnen auch helfen, sich mit Recht, Wirtschaft oder Geographie auseinanderzusetzen.

Was ist mit dem „Wie“ von Liberal Education?

Liberal Education soll aktiv und aktivierend, studentenzentriert und Community-orientiert sein.

Ist Lehre in Liberal Education eine schwierigere Aufgabe als in herkömmlichen Studiengängen?

In einem konventionellen Studiengang unterrichtet man nach einem Lehrplan und muss „nur“ viel über das eigene Fach wissen. Aber beim Arbeiten mit Studierenden von Liberal Education wird man mit individuellen Fragen und Beispielen konfrontiert. Man muss in der Lage sein, zu improvisieren und die Studierenden auf ihren eigenen Weg zu führen. Vor allem muss man zugeben können, dass man nichts weiß und man sollte die Demut besitzen, gegebenenfalls auch sagen zu können: „Ich weiß es nicht. Aber lasst es uns herausfinden.“

Müssen Sie bei der Lehre mehr Disziplin verlangen als in herkömmlichen Studiengängen – eben weil es keinen strengen Rahmenplan gibt?

Ja, absolut. Es besteht ein großes Risiko. Wenn man den Studierenden Freiheit gibt und sie als gleichwertig behandelt, ist es für sie sehr einfach, an der Oberfläche zu bleiben. Denn es ist bequem, an der Oberfläche zu bleiben. Es ist wirklich schwierig, die eigenen Überzeugungen herauszufordern. Und Studierende, nein, nicht nur Studierende - alle, alle ziehen es vor, nicht zu viel nachzudenken. Denken kann wehtun.

In der Tat.

Nicht wahr? Deshalb ist in jedem Studiengang innerhalb der Liberal Education die Frage „Wie bringe ich die Studierenden dazu, zu arbeiten und diszipliniert zu sein?“ eine zentrale. Es geht darum, sich nicht mit einfachen Antworten, Abkürzungen oder vagen Verallgemeinerungen abspeisen zu lassen, sondern wirklich tiefgründig werden.
In herkömmlichen Studiengängen lässt sich das leichter erreichen. Es reicht, wenn man sagt: „Tu das. Dann tu das hier. Dann das hier. Dann das hier.“ Aber in Liberal Arts sagt man eher: „Ich weiß nicht, was du tun wirst. Aber stelle sicher, dass du es gut machst.“ Dies ist eine andere Art von Disziplin als man sie sonst kennt. Denn ideal ist es, wenn Studierenden nicht hart arbeiten, weil sie Angst vor einem haben oder weil man ihnen sagt, dass sie hart arbeiten sollen, sondern weil sie wirklich hart arbeiten wollen.

In Ihrer Keynote-Rede werden Sie über die Bedeutung des Commitments zu bestimmten Werten innerhalb der Liberal Education sprechen. Aber ist das wirklich wichtig – würde es nicht reichen, nur Fähigkeiten zu vermitteln und die Studierenden die Werte selbst herausfinden zu lassen?

Das eine schließt das andere nicht aus. Denn Commitment ist ein Prozess, den die Studierenden durchlaufen müssen. Commitment kann man den Studierenden nicht beibringen, sie werden es selbst finden. An den Universitäten wird oft von Arbeitsmarkfähigkeit [employability] gesprochen. Und unter Beschäftigungsfähigkeit verstehen sie „die Möglichkeit, einen ersten Job zu finden.“ Aber als Gesellschaft müssen wir von unseren jungen Menschen mehr verlangen, als „nur“ einen ersten Job zu finden. Wir müssen sie auch darin unterstützen, demokratische Mitbürger*innen und glückliche Menschen zu sein. Dabei haben die Universitäten auch eine Rolle zu erfüllen.

Die Berücksichtigung von „Commitment“ in der Lehre ist ein neuer Ansatz – oder?

Nein. Dieses Konzept stammt aus einer Studie, die in den 1960er Jahren durchgeführt wurde. Also ist es ziemlich alt. Das Interessante ist, dass es irgendwie vergessen wurde. Als Universitäten immer größer und größer wurden und immer mehr Menschen zur Universität gingen, haben wir uns immer weniger auf Commitment fokussiert. Und es ist beinahe in Vergessenheit geraten. Dafür möchte ich plädieren. Und ich denke, das ist es, was Ihr Präsident, Prof. Spoun, mit der ganzen Idee des Leuphana-Semesters getan hat: Die ganze Idee dessen, was auf der Leuphana vor sich geht, versucht, zumindest einen Teil davon wiederherzustellen.

Könnten Sie das näher erläutern?

Nun, das bringt mich zum „Warum“ der liberalen Bildung. Das ist die Stelle an der das Commitment ins Spiel kommt. Am wichtigsten ist mir mein Commitment für die Lehre. Deutsche Universitäten sind fantastisch für Professoren, aber bisweilen für die Studierenden nicht so ideal. Die Leuphana ist hier eine Ausnahme. Aber als Universitäten müssen wir erkennen, dass die gute Ausbildung unserer Studierenden einen großen Unterschied in der Gesellschaft macht. Hier können wir wahrscheinlich den größten Mehrwert für die Gesellschaft schaffen.

Vielen Dank für das Interview!


Man könnte meinen, dass die Lehre an einer Universität dann gut ist, wenn erfolgreich Fachwissen und Kompetenzen erworben werden und die Absolventen am Ende auch noch einen guten Job finden. Das alles ist natürlich sehr wichtig. Aber die Leuphana will mehr. Mit ihrem besonderen Studienmodell im Geiste einer Liberal Education hat sich die Leuphana ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Sie möchte Studierende hervorbringen, die nicht nur Experten in einem Fach sind, sondern die auch über inter- und transdisziplinäre Fähigkeiten verfügten. Menschen, die sich aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen wollen und können und die eine bestimmte Haltung entwickelt haben. Dazu gehört, sich schon während des Studiums ständig zu fragen, was man tut, ob das sinnvoll und ethisch vertretbar ist. Und natürlich selbst Verantwortung für sein Studium und die eigene Bildung zu übernehmen. Liberal Education kann deshalb nur funktionieren, wenn Studierenden sich aktiv an der Lehre beteiligen bzw. aktiv an der Gestaltung von Lehre beteiligt werden. Und nur so entsteht auch das nötige Commitment aller Beteiligten. Ich habe mich sehr gefreut, Teun Dekker als Redner für den Tag der Lehre - wo Impulse, Ideen, Projekte der Lehre aus dem letzten Jahr zusammenfinden - zu gewinnen. Denn er steht genau hierfür.

Dr. Julia Webersik, Leiterin des Lehrservice

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