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Initiative „MÖVE – Mehr Ökonomische Vielfalt Erreichen“: Die VWL hinterfragen

26.11.2018 Die Grundannahmen der VWL hinterfragen und so die Lehre und langfristig die Disziplin selbst zu verändern, ist das ehrgeizige Ziel der studentischen Initiative „MÖVE – Mehr Ökonomische Vielfalt Erreichen“. Im letzten Semester hat sie unter anderem die Veranstaltungen unter dem Titel „10 Years after the Crash“ organisiert.

2016 sitzt Kristin Langen in einer VWL-Vorlesung. Es geht um die Produktionsfunktion, die den Zusammenhang zwischen Einsatzmenge und Ausbringungsmenge beschreibt. Die berücksichtigten Produktionsfaktoren sind Arbeit und Kapital. Die Studium Individuale-Studentin meldet sich und fragt, warum nicht auch andere Faktoren, wie beispielsweise der Boden, einbezogen werden. Die Antwort: Die Funktion sehe das nicht vor und um Modelle, die andere Faktoren berücksichtigen, in der Vorlesung zu behandeln, fehle die Zeit – im Lehrplan seien solche nicht vorgesehen. Um trotzdem die Möglichkeit zu haben, sich mit solchen alternativen Modellen der VWL auseinanderzusetzen, gründet Kristin zusammen mit anderen Studierenden die Initiative „MÖVE“. Dabei sei klar, dass Modellierung für Wissenschaft notwendig ist – die Frage ist nur, welche Modelle, welche Einschlüsse und Ausschlüsse, verwendet werden.

„Why did nobody notice it?” – Warum es einen Bedarf nach alternativen Erklärungsmodellen gibt

Mittlerweile hat Kristin ihre Bachelorarbeit geschrieben und ist nicht mehr an der Leuphana. Die Initiative MÖVE besteht jedoch weiterhin und ist mit dem bundesweiten „Netzwerk Plurale Ökonomik“ assoziiert. Im Sommersemester 2018 organisierte die Initiative eine Veranstaltungsreihe zum Thema „10 Years after the Crash“. Die Vorträge setzten sich mit den Ursachen und Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 auseinander und waren gut besucht, erzählen Verena Emme und Max Kretschmer, die sich beide bei MÖVE engagieren. „Außerdem zeigten die Veranstaltungen blinde Flecken in der Lehre auf.“ In Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich die ökonomische Forschung vermehrt mit diesem Thema beschäftigt. „In der Lehre ist davon jedoch nichts angekommen.“ Die vorwiegend neoklassischen Modelle, die bei der Analyse von Finanzkrisen benutzt wurden, sehen Krisen als exogene Schocks an. Diese haben die Weltwirtschaftskrise nicht vorhersehen können: Queen Elizabeth II fragte 2008 bei einem Besuch der London School of Economics: „Why did nobody notice it?”. Dabei gibt es andere Theorieschulen in der VWL, die Krisen als endogenes Phänomen modellieren – zum Beispiel Hyman P. Minsky´s „Financial Instability Hypothesis“. Mittlerweile stünden zwar Verhaltensökonomik und Empirie mehr im Fokus der VWL, alternative Modelle würden allerdings kaum diskutiert, berichtet Max.

„Unser Ziel ist es, die Lehre der VWL und damit langfristig auch die Ökonomie selbst zu verändern“, fasst Max das Anliegen von MÖVE zusammen. Auch ihm fehlen in seinem VWL-Studium alternative Modelle, Reflexionen oder Herangehensweisen. Der Klimawandel lasse sich beispielsweise nicht mit den klassischen Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital erklären. Warum dann nicht den Minor Nachhaltigkeitswissenschaften studieren – hätte man dann nicht genau die Ergänzung, die er sich wünscht? „Ich studiere tatsächlich den Minor Nachhaltigkeitswissenschaften“, sagt Max. Allerdings gehe es da eher um Themen wie nachhaltigen Konsum oder Ressourcenmanagement. Diese seien zwar wichtig, werden aber in der Nachhaltigkeitswissenschaft ohne Bezug zur VWL gesehen. „Es gibt keine Schnittstellen zu VWL. Die Frage ist doch eher: Warum sollten wir überhaupt einen Minor brauchen, um solche Fragen zu beantworten – warum ist die Disziplin VWL so geschlossen?“

Erste Erfolge und Zukunftspläne

Daher setze sich MÖVE dafür ein, nicht nur den „Werkzeugkasten“ der VWL zu erweitern, sondern auch die Lehre zu verändern. Die Initiative möchte Alternativen zu den Modellen, die im VWL-Studium gelehrt werden, aufzeigen. „Wir wollen eine ganzheitliche Betrachtungsweise und nicht nur eine Perspektive auf ein Problem behandeln. Probleme, beispielweise in der Nachhaltigkeit, sind vielschichtig, neben der ökonomischen Sichtweise ist zum Beispiel auch die soziale relevant.“ Daher diskutierten die Mitglieder von MÖVE bei ihren Treffen alternative Modelle und Erklärungsansätze. Außerdem führen sie regelmäßig Gespräche mit ihren Professoren, von denen auch einer bei der Abschlussdiskussion zu „10 Years after the Crash" auf dem Podium saß. Die Mitglieder des IVWL sind grundsätzlich offen für einen Austausch mit MÖVE und unterstützen die Initiative in manchen Anliegen, wie beispielsweise bei Förderanträgen für die Veranstaltungsreihe „10 Years after the Crash". „Prof. Huth hat in Folge unserer Gespräche bereits seine ‚Einführung in die VWL‘-Vorlesung verändert und bezieht vermehrt alternative Modelle sowie Wirtschafts- und Ideengeschichte mit ein“, freut sich Verena. „Wir würden uns wünschen, dass auch andere Professoren das tun.“

Für die Zukunft plant MÖVE, den Kontakt zum Institut für Volkswirtschaftslehre (IVWL) weiter auszubauen. „Aktuell arbeiten wir gerade an einem Positionspapier, in dem wir nochmal ausführlich festhalten, was wir an der Lehre kritisieren und uns konkret anders in der Lehre wünschen“, erzählt Verena. Dazu gehöre beispielweise ein diverseres Lehrpersonal mit unterschiedlichen Forschungshintergründen, aber auch mehr Reflexion im Studium, Theorien- Methodenpluralismus, Selbstreflexion durch Geschichte und Wissenschaftstheorie und Interdisziplinarität. Und: „Es wäre toll, wenn es die Möglichkeit gäbe, im Komplementärstudium ein Zertifikat zum Thema ‚Plurale Ökonomik‘ absolvieren zu können. Das IWVL unterstützt diese Idee. Damit würden wir zwar nicht direkt die Lehre verändern, aber es wäre eine gute Ergänzung zur jetzigen Lehre.“ 

Größere Bekanntheit erlangte die Initiative, nachdem Lena Gürtler, Journalistin beim NDR, MÖVE kontaktierte. Sie führte ein Interview anlässlich der Vorlesungsreihe „10 Years after the Crash“.


Weitere Informationen

Autorin: Morgaine Struve