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Neu an der Leuphana: Honorarprofessor Dr. Dr. Alexander Görlach – „Das wichtigste Instrumentarium ist das kritische Denken“

17.01.2019 Der promovierte Theologe und Linguist, Publizist und Medienunternehmer lehrt am Institut für Theologie und theologisch-naturwissenschaftliche Forschung. Im Interview erklärt er, wie an der Universität ein Diskurs ohne Denk- und Sprachverbote gelingen kann.

Herr Professor Görlach, wenn Sie es noch einmal zu tun hätten: Warum würden Sie gerne an der Leuphana Universität Lüneburg studieren?

Meine erste Lehrveranstaltung an der Leuphana habe ich im Jahr 2010 gegeben. Sascha Spoun und sein Tun kannte ich schon durch ein Interview, das ich 2001 für Die Welt geführt habe. In St. Gallen hatte er seine Ideen von einem Studium, in dem man über den Tellerrand schaut, bereits verwirklicht. Die Ökonomen dort mussten alle einen humanwissenschaftlichen Studienanteil verpflichtend absolvieren. Das fand und finde ich sehr gut, denn wenn diese Wissenschaften nicht miteinander sprechen, bleibt echter Mehrwert aus und es kann sogar gefährlich werden. Bereits 2011 habe ich dazu in einem TEDxTalk in Berlin mit dem Titel „Letters und Numbers“ gesprochen. 

Seine Vision hat Professor Spoun dann an der Leuphana mit großem Erfolg, wie ich finde, in Lüneburg noch eins weiter gedreht. Es kommt auf die Verknüpfung im Denken an, darauf, aus Erlerntem etwas Nachhaltiges zu schaffen. Und angesichts digitaler Studiengänge, die einen Abschluss verleihen, müssen Universitäten noch einmal mehr darüber nachdenken, warum sie Menschen über einen gewissen Zeitraum an einen Ort fest binden. Eine Antwort ist das Leuphana Semester, in dem man tief in verschiedene Materien eintaucht. Interdisziplinarität, gute Dozenten aus verschiedenen Gebieten an einem Ort, das ist ein Mehrwert. Daran würde ich mich heute freuen, wäre ich ein Student an der Leuphana.

In Ihrer Lehre beschäftigen Sie sich mit der „Theory of Secularism“ und der Frage, wie wir reden, damit wir uns alle verstehen. Wie kann das gelingen?

In den USA bedeutet für viele religiöse Menschen das Wort Säkularismus” Atheismus und Gottlosigkeit. Das ist es nicht. Es geht darum zu verstehen, wie wir uns als Gesellschaft konstituieren. Das hat viel damit zu tun, wie wir sprechen. Und das Sprechen ist die Reflexion von Bewusstsein und Denken. Und Menschen denken und sprechen verschieden. Das fängt in der Familie an und hört in der Gesamtgesellschaft auf. Säkularismus bedeutet, über die Grundlage gemeinsamen Denkens und damit Handelns nachzudenken und sich zu verständigen. Mit der Frage nach der Existenz Gottes hat das erst einmal meiner Meinung nach nichts zu tun. Das wichtigste Instrumentarium hierzu ist das kritische Denken. Deshalb würde ich an der Leuphana gern neben meinem Kurs über Theorien des Säkularismus auch einen Kurs „Introduction into Critical Thinking“ anbieten. Die Studierenden sollen lernen, sich ein Thema vorzunehmen und gleichzeitig kritisch damit auseinander zu setzen. In einer Zeit, in der wir viel darüber sprechen, ob Roboter und Algorithmen uns die Arbeit stehlen werden, ist es wichtig zu betonen: dieses ganzheitliche, integrale, holistische Denken, das den Menschen befähigt, ein „big picture” zu zeichnen, werden ihm Algorithmen und Roboter eine ganze Weile lange nicht abnehmen können. Darüber herrscht weitestgehend Konsens.

Sie haben einmal gesagt: „Die Zukunft gehört der Debatte“. Gilt der Satz für Wissenschaft genauso wie für die Politik? 

Wenn nicht an der Universität, wo werden dann die großen Debatten geführt? Man braucht außerparlamentarische und zivilgesellschaftliche Räume. Die Wissenschaft ist in der Lage eine Sprache bereit zu stellen, so dass diskutiert werden kann ohne dass sich jemand verletzt fühlt. Hier erleben wir einen krisenhaften Moment: an vielen Colleges in den USA wird über Denk- und Sprachverbote gestritten, die als „political correctness” apostrophiert werden. Hier sind wir wieder bei den Theorien von Säkularismus: Die Universität kann Methodik, Instrumentarium und Sprache bereitstellen, die versichern, dass eine Frage akademisch erörtert und evaluiert wird. Und damit in die Gesellschaft wirken. Die Demokratie, die heute von ihren Gegnern gerne als „liberal” bezeichnet und verspottet wird und deren Anhänger als „Globalisten”, „Weltversteher” oder „Gutmenschen” denunziert werden, lebt genau von dieser Debatte. Es gibt keine absolute Wahrheit, wir erringen Einigkeit im Diskurs, wir verständigen uns über unsere Werte. Das ist es, was das Modell der Demokratie, das sich nach 1945 durchgesetzt hat, so erfolgreich macht.

Sie stoßen selbst gern Debatten an, forderten gar die Absetzung von Papst Franziskus als dieser das „Vater unser“ verändern wollte. Dabei waren Sie doch früher Messdiener…

Weil der Papst einfach aus dem Bauch heraus irgendwas fabuliert hat, wie das „Vater Unser“ besser klingen könnte oder sollte. Ohne neue sprach- oder bibelwissenschaftliche Erkenntnisse, die so eine Aussage untermauern, muss der Vorstoß populistisch bleiben. Und dessen sollte sich doch ein Papst erwehren. Intellektualität ist nicht alles, aber sie hilft. Und wenn wir schon beim Austeilen sind: die so genannte „Bibel in gerechter Sprache” ist in meinen Augen ebenfalls ein Rohrkrepierer. Die Texte der Heiligen Schrift kommen, wie alle schriftlichen Zeugnisse, die erhalten sind, aus einer bestimmten Zeit, mit ihren je eigenen Vorstellungen dessen, was gerecht und gut sei. Manches ist für uns Heutige unerträglich, das stimmt. Es wird aber nicht besser dadurch, wenn man die Texte schleift und einer Mode unterwirft. Man muss sich dem stellen. Messdiener war ich übrigens sehr gerne!

Alexander Görlach ist Affiliate Professor der F. D. Roosevelt Stiftung am College der Harvard Universität, Fellow am Zentrum für Sozial- und Geisteswissenschaften der Universität Cambridge und Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in International Affairs. Seine Themen sind Politik und Religion, Säkularismus, Pluralismus und Kosmopolitismus. Im akademischen Jahr 2017-2018 ist Görlach als Gastwissenschaftler an der National Taiwan University und der City University of Hong Kong eingeladen, um zum Einfluss des Konfuzianismus auf die Politik zu arbeiten. Der promovierte Linguist und Theologe ist Gründungsherausgeber des Debattenmagazins „The European“, das er von 2009 bis 2016 auch als Chefredakteur geleitet hat. Heute gibt er das Onlinemagazin „saveliberaldemocracy“ heraus und ist unter anderem Autor für die „New York Times“, die „Neue Zürcher Zeitung“, den „Focus“ und Zeit online. Er ist ferner Kolumnist der „Wirtschaftswoche“.



Autorin: Marietta Hülsmann