Meldungen zum Studium

Studierendenporträt: Yannick Maria Reimers - Ein Bewusstsein für Welt und Werte

06.08.2019 Künstler*in und Student*in der Kulturwissenschaften Yannick Maria Reimers führt Engagement und Bildung durch Kunst zusammen. Im von siem entwickelten KulTour-Projekt stehen gesellschaftliches Engagement sowie das Leben von Demokratie und Miteinander im Mittelpunkt.

Gastautorin: Maryann Henck

Als genderfluide Person, d.h. ein Mensch mit wechselnder Geschlechtsidentität, bevorzugt Reimers das inklusive Pronomen „sier“. Vor allem ist sier ein Mensch und möchte durch sies Handeln und Denken wahrgenommen werden, denn sies innerer Kern und siese Werte sind immer dieselben geblieben.

Kennengelernt habe ich Yannick Maria Reimers in meinem Seminar, „Dramatize This! Reading, Writing, and Performing for the Stage and Screen”. Als ich zufällig erfahren habe, dass sier ein Seminar im Rahmen der alternativen Lehre anbietet („Design your Life - Utopie für Identität und Emotionen”), besuchte ich es. In diesem Seminar konnten Studierende an Workshops zur Potentialentwicklung (z.B. durch Schauspiel und kreatives Schreiben) teilnehmen, um Facetten ihrer eigenen Identität zu entdecken und erleben.

Am Tag unseres Interviews trägt Yannick Maria Reimers ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck „New York“ in Regenbogenfarben. „Die Columbia University ist mein übernächstes Ziel. Aber erst nach Oxford“, erzählt sier. In New York möchte sier siese Filmexpertise ausbauen und in Oxford die Themen Identität und Emotionen weiter erforschen. „Eine wissenschaftliche Expertise gäbe mir die Chance, gezielter etwas zu bewirken. Was macht den Menschen aus? Wer könnten wir sein? Was bringt uns miteinander zusammen? Dokumentationen und Spielfilme reizen mich, weil sie Möglichkeiten sehr emotional visualisieren. Man kann viele Menschen berühren. Ich möchte sehr persönliche Filme drehen, die etwas bewegen. Es muss vom Herzen kommen, was auf das Herz wirken soll.“

2012 erlebte sier einen rechtsextremen Anschlag bei der Einweihung des Mahnmahls für die Bergedorfer Zwangsarbeiter. Aus dieser Erfahrung schrieb sier das Theaterstück „Die atmende Wand“, in dem es um Beziehungen in Extremsituationen sowie Ausgrenzung geht. 2014 gewann sier mit diesem Werk den Bertini-Preis für Menschen mit Zivilcourage.
„Nach dem Anschlag musste ich etwas machen. Wenn man so etwas erlebt, kann man nicht unbetroffen weiter machen, man möchte etwas verändern. Mit ‘Farben meiner Seele’ habe ich ein neues Stück geschrieben, um den Suizid eines sehr femininen Freundes zu verarbeiten. Hier geht es dann stärker noch um das Thema Identität und Gender. Bei den Lesungen spüre ich die Betroffenheit der Zuschauer*innen. Sie wissen, dass dies nichts Erfundenes ist, es ist etwas Echtes, der Text blutet. Deswegen starte ich bei meinem KulTour-Projekt immer mit einer Lesung eines meiner Theaterstücke.“

Aufklärungsarbeit

Im Anschluss an die Aufführung sieser Theaterstücke findet immer ein Austausch mit dem Publikum über eigene Erfahrungen mit Feindlichkeiten statt. Politiker*innen wie die zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg, Katharina Fegebank, unterstützen Reimers Projekt KulTour. Als nächstes möchte Reimers mit dem Europäischen Parlament und den Vereinten Nationen zusammen ein Projekt durchführen, in dem es um die Themen Diversity, Begegnung und Liebe geht und das in Bildungseinrichtungen zum konkreten Handeln für mehr Miteinander motiviert. „In meinem ProfessionalDreamer-Programm bekommen alle eine Stimme und wir klingen zusammen zu einer Harmonie, die etwas verändert – in uns und teilweise etwas im Resonanzraum unserer kleinen, persönlichen Welt. Ob sie nun ein Gemeinschaftshaus bauen, eine Vortragsreihe planen oder sogar ein eigenes Programm auf die Beine stellen wollen. Wir helfen beim Entwickeln und Starten von Herzensangelegenheiten, von Träumen.“
Für siese Bildungsarbeit versucht Reimers Psychoanalyse, Neurologie und Kulturwissenschaften mit Theater und kreativem Schreiben zusammenzuführen. Bildung und Praxis sind für Reimers nichts Dualistisches, sondern eine Einheit. Auch geschlechtliche Dualität versucht sier zu überwinden. „Zwar konstruieren wir unser Geschlecht durch unsere Gedanken in männlich oder weiblich, allerdings sind wir auch dazu imstande andere Differenzierungen zu denken und zu fühlen: Männer haben auch weiche Seiten und Frauen auch Kanten. Wer aus diesem binären Raster fällt, hat es nicht leicht und da ist eine dritte Facette sehr hilfreich, um diesen Schubladen zu entkommen. Abgesehen davon, dass man seine Chromosomen dadurch nicht ändern kann und nun einmal mit einem X- und einem Y-Chromosom keine Cis-Frau wird.“
Bei sieser ersten KulTour-Veranstaltung haben rund 200 Schüler*innen mitgewirkt. Jetzt geht es verstärkt mit Universitäten und Auslandskooperationen weiter. Dafür möchte sier unbedingt die Universitäten Columbia und Oxford gewinnen. Insbesondere da Reimers Herz für die dortige Kultur schlägt und weil siese Vorbilder Siri Hustvedt und Elif Shafak dort wirkten. „Diese zwei Ausnahmekünstlerinnen und Wissenschaftlerinnen zeigen, dass Kunst und Wissenschaft, Emotion und Bewusstheit nicht voneinander getrennt betrachtet werden sollten. Sie schreiben Geschichten und Essays die durch ihre Schreibweise, ihre Themen und ihre Seele die Welt verändern. Vorbilder sind unglaublich wichtig, um eine eigene Haltung zu entwickeln und sich in seiner Leidenschaft nicht allein zu fühlen.“

Zahlreiche Unterstützung

Für diese Aufklärungsarbeit entwickelt sier eine Dokumentation über Identitätserfahrungen, für die sier bereits Wissenschaftler*innen und Künstler*innen wie Dr. Siri Hustvedt, Dr. Elif Shafak und Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther für Interviews gewinnen konnte. „In dieser Arbeit erforschen wir was da ist und geben durch das Bewusstmachen Handlungspotentiale frei, allerdings mag ich mich auch gerne in das Unvorhersehbare begeben, denn da staunt man ganz anders. Meine erste KulTour stand unter dem Thema Respekt, nun geht es weiter mit Liebe. In Zukunft würde ich meine Felder gerne mit Nachhaltigkeit und Umwelt verknüpfen.“

Yannick Maria Reimers weiß, was sier will und hat mit sieser Leidenschaft viele Menschen für das Engagement für eine bessere Welt gewonnen. Siese Hauptförderer sind Prof. Dr. Michael Otto und Alexander Birken von der Otto Group, die mit 10.000 € den Start förderten. Die Abschlussveranstaltung sieser ersten KulTour moderierte die Leiterin der Abteilung Innenpolitik des NDRs, Anja Reschke, und sies Theaterstück las sier mit der Intendantin des gegen Nationalsozialismus engagierten Ernst Deutsch Theaters, Isabella Vértes-Schütter und dem Ensemblemitglied vom Deutschen Schauspielhaus, Ute Hannig. Dabei geht es Reimers nie um das Angeben mit Namen, sondern um die Wirkung von bekannten Gesichtern und deren Herz. „Ich arbeite nur mit Menschen zusammen, die einen guten Charakter haben und wirklich etwas bewegen wollen.“

Reimers nächste KulTour: 1. September 2019 | 15 - 19 Uhr | Kulturhaus Serrahn (Serrahnstraße 1, Hamburg) | Info/Anmeldung: professionaldreamer@web.de

 


Die Autorin ist Dozentin für Englisch und Nordamerikastudien im Sprachenzentrum.