Meldungen zum Studium

Opening Week 2019: Abschied vom Homo oeconomicus

08.10.2019 Wohlstand für alle durch höhere Steuern und Altruismus? Das volkswirtschaftliche Konzept des Geschichtswissenschaftlers Simon Szreter von der University of Cambridge hat historische Vorbilder und wurde mit dem renommierten IPPR Economics Prize 2019 ausgezeichnet.

1601 erließ Königin Elisabeth I. von England das Armengesetz. Der „Poor Relief Act“ sollte Menschen vor äußerster Not bewahren. Das Gesetz begründete eines der ersten Sozialsysteme überhaupt. Es wurde steuerfinanziert. Zusätzlich wurde geehrt, wer viel gab - etwa auf Gedenktafeln in Kirchen, wo die Namen heute noch zu lesen sind. Auf diesem Vorbild beruht das ethische Wirtschaftskonzept von Simon Szreter, Professor of History and Public Policy, Cambridge University sowie der Wirtschaftsexpert*innen Hilary Cooper und Ben Szreter. Sie alle sind Teil einer Familie und wurden für ihre Arbeit mit einem der wichtigsten Wirtschaftspreise der Welt ausgezeichnet, dem IPPR Economics Prize 2019. Auf die Frage „What would be your radical plan for bringing about a step change in the quality and quantity of the UK’s economic growth?“ fanden sie ihre Antwort in der Vergangenheit.

Der Historiker Szreter gab bei der Opening Week einen Überblick über die britische Wirtschaftsgeschichte. Die Industrielle Revolution sei nur aufgrund des vorangegangenen „Poor Relief Act“ möglich geworden. Kein anderes Land in Europa sei um 1800 wirtschaftlich so stark gewesen wie England: Dank sozialer Absicherung wurden die Menschen mobiler und wagten mehr. Die Städte wuchsen, Innovationen wurden realisiert. Allerdings schränkte die „New Poor Law“ 1834 die soziale Absicherung wieder stark ein. England verlor seine Führungsrolle in der Wirtschaft mehr und mehr. Szreter sieht einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozialer Absicherung und wirtschaftlichem Wachstum: „Inequality is bad for growth.“ 

Zudem sei der Mensch viel mehr als ein Homo oeconomicus, also das rational agierende Wesen, welches allein den Nutzen maximieren wolle. Zum Menschen gehöre auch der Altruismus. Deswegen argumentiert die Familie: „Move away from `rational` homo economicus and from conventional measures of `success´.“ Wohlstand setzen die Wissenschaftler*innen nicht mit unendlichem Wirtschaftswachstum gleich. Vielmehr müssten Menschen im Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter abgesichert sein – und zwar ohne alles zu verlieren. Dieser „Population welfare“ sei durch höhere Steuern zu erreichen. Wer mehr hat, zahlt mehr. Wie im Elisabethanischen Zeitalter könnten zudem Anreize für altruistisches Verhalten geschaffen werden, etwa in Form von Ehrungen. Gewinnen würden alle: „Ethical economics supports a genuine democracy where everyone shares in economic success.“

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die Preistragenden mit den rund 1400 Erstsemester-Studierenden im Libeskind-Auditorium. Die Studierenden arbeiten während der Opening Week zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Die Leuphana stellt ihnen Expert*innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik als Gesprächspartner*innen zur Verfügung.

Weitere Informationen

Autorin: Marietta Hülsmann