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10 Jahre Graduate School. Vizepräsident Markus Reihlen im Interview

21.10.2019 Als sie 2008 gegründet wurde, stellte die Graduate School eine Neuheit unter den deutschen Hochschulen dar. 2019 sind rund 2.600 Studierende für Master- und Promotionsprogramme eingeschrieben. Im Interview gibt Markus Reihlen, Professor für Strategisches Management, Vizepräsident für die Graduate School, wissenschaftlichen Nachwuchs und Entrepreneurship, eine persönliche Einschätzung.

Was überrascht Sie, wenn Sie auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken?
 
Mich hat überrascht, wie wir es in den letzten Jahren geschafft haben, so viele neue internationale Programme aufzusetzen. In Zukunft werden wir fast 80% englischsprachige Masterstudiengänge in der Graduate School haben. Vor zehn Jahren war das kein Ziel. Wir haben es damals nicht zu hoffen gewagt.
 
Gibt es eine Begegnung mit einer*m Studierenden, die Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Auf einer Weihnachtsfeier traf ich zufällig einen Studenten, das war etwa zwei Jahre nach seinem Abschluss. Er sagte mir: „Ich habe jetzt erst verstanden, was das Programm mit mir gemacht hat. Ich denke jetzt anders nach als ich es vorher getan habe.“ Das hat mich beeindruckt, denn genau das ist es ja, was man mit Bildung erreichen möchte.

Was meinte er mit „denke jetzt anders“?

Er meinte damit, dass er seine tägliche Praxis kritischer wahrnimmt und vor allen Dingen, dass er nun ein Reservoir zur Verfügung hat, aus dem er Verbesserungsideen ableiten kann.

Könnten Sie den Punkt „was Bildung erreichen möchte“ noch ausführen?

Gerne. An der Graduate School wie auch ganz grundsätzlich: Das Ziel von Bildung ist es, die Welt aufgeklärter zu sehen. Ich meine im engsten Sinne des Wortes: Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wenn man auf die Welt schaut. Sowie – genauso wichtig – die Dinge besser zu tun.
 
Haben sich die Studierenden in den letzten zehn Jahren geändert? 

Ja, das haben sie. Und zwar auf zweierlei Weise: Zum einen sprechen sie sehr viel besseres Englisch. Als ich 2009 das erste Management-Modul im College auf Englisch anbot, wurde ich dafür hart kritisiert. Ich habe es damals trotzdem durchgezogen. Ich war mir sicher, dass es hilfreich sein wird. Mittlerweile werden Module auf Englisch sehr viel besser angenommen. 

Zum anderen war es früher so, dass wenn man gefragt hat: „Wollt ihr Praxis oder Theorie?“ die Antwort immer, schallend, „Praxis!“ war. Das ist nicht mehr so. Es ist in der Zwischenzeit ein Bewusstsein dafür entstanden, dass es hilfreich ist, auch Theorie zu lernen, denn dies sind ja letztlich die Brillen, die uns die Wissenschaft anbietet, um die Welt zu verstehen. 

Was schätzen Sie an den Studierenden?

Vieles. Vor allen Dingen, dass die Studierenden hier so engagiert sind, dieser „Ich muss mich einsetzen für die Dinge, die mir wichtig sind!“-Geist. Sowohl in organisierten Initiativen als auch außerhalb davon. 

Zum Studium an der Graduate School gehören auch Komplementär-Module. Ist das nicht insofern ein Widerspruch zur Graduiertenbildung als es bei letzterer eigentlich darum geht, Wissen zu vertiefen?

Nein. In jedem Fall geht es beim Master um eine Vertiefung, daraufhin ist die Graduate School auch ausgelegt. Aber das reicht nicht. Wenn Sie sich immer nur mit einer Sache beschäftigen, werden Sie zu einem Werkzeugmacher. Im besten Fall zu einem sehr guten Werkzeugmacher, zum Beispiel jemandem, der Hämmer herstellt. Aber dann werden Sie alle Probleme, denen Sie begegnen, nur als Nagel-Probleme begreifen. So ist die Welt nicht. Die wirklichen Probleme sind schwierige, komplexe Probleme, „wicked problems“. Um die zu lösen, muss man eine Handwerkerin sein, eine Gedankenhandwerkerin – jemand, der eine Werkzeugkiste voller Lösungen hat, in die sie greifen kann. Je nachdem, worin das Problem besteht. Das setzt aber voraus, dass ich einen wirklich guten Reflexionsraum und somit die Chance habe, mich als Betriebswirt mit Nachhaltigkeitsstudierenden oder Kulturwissenschaftlern zu streiten und auseinander zu setzen.

Die Promotion ist an deutschen Hochschulen immer wieder in der Diskussion. Sollte sie verschulter oder freier sein?

Wir haben ja an der Graduate School einen Mittelweg beschritten. Anstatt zu sagen „Ihr macht das in dem komplett freien Modell“ gibt es einige verpflichtende Angebote, die dann aber wirklich hilfreich sind: Wissenschaftstheorie, wissenschaftliche Methoden und Praxis/Ethik sowie die laufenden Kolloquien. Das Schreiben von Artikeln oder die Auswertung von Daten sind einfach Sachen, bei denen es hilfreich ist, wenn man sie mit Expert*innen reflektiert, die derlei bereits gemacht haben. Ich bin kein Freund davon, ein Promotionsstudium vollständig durchzustrukturieren, weil es mir die Zeit nimmt, die ich für die freie Entwicklung des Themas brauche. 

Das Thema des zehnjährigen Jubiläums ist „The Future of Graduate Education“. Was planen Sie für die Zukunft? 

Die Zukunft liegt in der Internationalisierung. Dies verbessert auch die Arbeitsmarktchancen. Wir werden die Internationalisierung weiter vorantreiben, mit Kooperationen, mit Austauschen. Wir müssen Dialogstrukturen aufbauen. Universitäten haben den Vorteil, dass sie kulturelle Brücken bauen können und sollten, selbst da, wo es politisch schwierig ist. Der Brexit ist ein gutes Beispiel. Das sehen wir an der Kooperation mit Glasgow, also, dass es ein unheimliches Interesse der Schotten gibt, jenseits der politischen Schwierigkeiten kulturelle Brücken zu erhalten und weiterzuentwickeln. 
Daneben planen wir, in Zukunft die Transdisziplinarität noch weiter auszubauen. Forschung und Lehre nicht nur für die Gesellschaft, sondern mit der Gesellschaft. Das ist ein Potential, das wir noch deutlich heben können, zum Beispiel in dem wir Promotionsprogramme anbieten, die in direkter Kooperation mit der Zivilgesellschaft stattfinden.

Vielen Dank!

Wie sieht die Zukunft der Graduate Education aus? Im Rahmen des zehnjährigen Jubiläums der Graduate School findet am 29. November 2019 die Konferenz „The Future of Graduate Education“ statt. Unter den Referent*innen sind Jennifer Griffiths, vom University College London, Robert Harris vom schwedischen Karolinksa Institut, Caspar Hirschi von der Universität St. Gallen sowie Peter Maassen von der Universität Oslo.


Das Interview führte Martin Gierczak.